[LITERATUR]Betrieb unter vier Augen: Im Gespräch mit MAGDALENA LEICHTER

Viele Studentinnen und Studenten der Vergleichenden Literaturwissenschaft kennen Sie bereits: Magdalena Leichter arbeitet als Universitätsassistentin für die Leopold-Franzens-Universität Innsbruck. Mit komplex hat sie sich über das Schreiben, die Forschung sowie die Lehre unterhalten. 

Was früher für Studentinnen und Studenten ganz normal war, ist heute etwas Besonderes. Denn der Gang zur Universität ist durch Covid-19 eine Seltenheit geworden. Auch heute werden nur wenige Kurse in Präsenz abgehalten. Die Büros stehen den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Universität allerdings zur Verfügung und so wartet Magdalena Leichter an einem sonnigen Mittwochvormittag in ihrem Arbeitszimmer im fünften Stock. Der Raum wurde mithilfe eines Bücherregals in zwei Bereiche geteilt. Die Schreibtische stehen im hinteren Teil, während direkt gegenüber von der Tür ein Tisch mit einer Bank und zwei Stühlen steht. Magdalena Leichter sitzt noch vor ihrem Computer. Ihre Arbeitstage beginnen allerdings meist zu einer anderen Uhrzeit, denn sie ist Frühaufsteherin, eine Eigenschaft, die auch ihre Schreibroutine beeinflusst. „Nachdem ich aufgewacht bin – das kann so um sechs Uhr sein – schreibe ich ein paar Zeilen oder eine halbe Seite“, erklärt die Innsbruckerin. So schafft sie es, ihre Forschungsarbeit nicht aus den Augen zu verlieren, auch wenn die Lehre zeitintensiv ist. Auf die Frage, wie es möglich sei gleichzeitig sich selbst und eine Gruppe von Studentinnen und Studenten zu managen, antwortet die Universitätsassistentin: „Ich muss da immer an den Hund denken, der sich selbst an der Leine führt.“ Schließlich sei man für andere zuständig und gleichzeitig für sich selbst. Doch ist ihr Betreuungsaufwand noch nicht am Zenit angekommen. Immerhin schreibt noch niemand bei ihre eine Abschlussarbeit. 

Magdalena Leichter | Bild: Christina Vettorazzi

Ihr eigenes Masterstudium hat Magdalena Leichter im Jahr 2019 abgeschlossen. Im Rahmen der Vorbesprechung ihrer Masterarbeit hat sie auch zu ihrem heutigen Forschungsschwerpunkt, der Alternativgeschichte, gefunden. „Vor einer Sprechstunde bei meinem Betreuer Sebastian Donat habe ich Werke gesammelt. Das waren alles Alternativweltgeschichten, doch hatte ich noch kein Vokabular dafür“, erinnert sich Magdalena Leichter. Der Dozent habe sie dann darauf hingewiesen, dass es sich bei den Texten um Uchronien handelt. In Magdalena Leichters Kopf erschien im ersten Moment nur ein großes Fragezeichen.

Dieses verwandelte sich jedoch bald in Wissen und ein größeres Anliegen, denn diese Gattung fällt in das Feld der Populärkultur und wurde deshalb von der Forschung weniger behandelt. „Da herrscht noch diese leidliche Unterscheidung zwischen ernster Literatur und Unterhaltungsliteratur vor“, sagt Magdalena Leichter. Sie selbst finde es sehr befremdlich, dass die Populärkultur von der Forschung häufig ausgeschlossen werde, da gerade die Verhandlung von Konzepten der Geschichte sowie Erinnerung häufig über diese Medien abläuft. „Es war mein Anliegen das aufzubrechen und auch deshalb habe ich mich entschieden, die Forschung in diesem Gebiet fortzusetzen“, sagt die Universitätsassistentin.

Im kommenden Semester beginnt zudem ein weiteres Kapitel in Magdalena Leichters Forschungslaufbahn. Für ein paar Monate zieht sie nach Oxford, um dort in Ruhe an ihrer Dissertation zu arbeiten, die sie auch in Englisch verfassen wird. Zustande kam dies durch den Kontakt, den sie zu dem britischen Forscher Johannes Dillinger, einem Spezialisten im Bereich Alternativgeschichte, aufgenommen hat. Er wird ihre Dissertation in den kommenden Monaten betreuen. 

Geiwi-Turm | Bild: Christina Vettorazzi

Dass Magdalena Leichter sich für die Arbeit mit Texten entschieden hat, ist angesichts ihrer Biografie wenig überraschend. „Literatur war immer schon sehr präsent in meinem Leben. In unserem Haus gab es wirklich keinen Raum ohne Bücher“, erinnert sich die gebürtige Innsbruckerin schmunzelnd. Da sei ein Literaturstudium sehr naheliegend gewesen. Doch gab es zwischenzeitlich auch andere Berufswünsche wie zum Beispiel Tierärztin und natürlich Lehrerin. „Meine Mama war Lehrerin und mein Papa auch“, erklärt Magdalena Leichter und fügt – noch immer mit einem Lächeln – hinzu: „Und gewissermaßen bin ich in der Sparte auch gelandet.“ Schließlich unterrichtet Magdalena Leichter seit Sommersemester 2020 an der Universität Innsbruck.

In diesem ersten Semester als Lehrbeauftragte hat sie im Rahmen des Moduls „Angewandte Literaturwissenschaft“ eine Übung zu einer Tagung gestaltet. Es war die 18. Tagung der Deutschen Gesellschaft für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft. Diese wurde dann jedoch ins darauffolgende Jahr verschoben. Statt der Veranstaltung beizuwohnen, kreierte sie gemeinsam mit den Anwesenden eine studentische Tagung. „Das Ziel war, dass sich die Studentinnen und Studenten schon im Bachelor ansehen, wie so eine Tagung und der damit verbundene wissenschaftliche Austausch funktioniert“, sagt Magdalena Leichter. So gestalteten alle einen Vortrag zum Thema Verblendung. „Die Studentinnen und Studenten mussten bei mir auch ein Abstract einreichen“, erinnert sich Magdalena Leichter lachend: „Wie bei einer echten Tagung eben.“ Das Gesamtergebnis des Kurses war dann auch ein Erfolg. Vor allem, weil die Studentinnen und Studenten sich im darauffolgenden Jahr das Event der Deutschen Gesellschaft für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft ansahen und zu der Erkenntnis kamen, dass die Vorträge der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen auch nicht viel anspruchsvoller gestaltet sind, als ihre eigenen Präsentationen. Natürlich fügt Magdalena Leichter hinzu, dass die Arbeit, die hinter einem solchen Vortrag steckt, für Außenstehende nicht sichtbar ist. Doch ging es ihr um eine Entmystifizierung: „Es ist nicht dieses große, unantastbare Event, wo sich nur die klügsten Köpfe der Welt unterhalten. Man kann da auch schon als Bachelorstudentin oder –student mitreden.“ 

| Christina Vettorazzi

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