Ausflug nach Banovo brdo – mit dem neuen Roman von BARBI MARKOVIĆ

Die in Wien lebende Autorin Barbi Marković hat nach ihren Romanen Ausgehen und Superheldinnen ihr drittes Werk veröffentlicht: Die verschissene Zeit – zugleich Roman und Rollenspiel. Beim Stöbern durch das Veranstaltungsprogramm des Literaturhaus am Inn bin ich darauf gestoßen sowie auf die angekündigte Lesung für den 16. November. Wissend, dass ich daran nicht teilnehmen kann, weil ich mich zu dieser Zeit in Belgrad aufhalten würde, bestellte ich mir das Buch als Reiselektüre, denn die Erzählung spielt im Belgrad der 90er-Jahre, genauer gesagt, im Stadtteil Banovo brdo, von dem ich bereits hörte: Eine Bekannte meinte einst, sie sei in Banovo brdo aufgewachsen, aber da müsste ich nicht hinfahren, es gäbe dort absolut nichts zu sehen. Dennoch (oder vielleicht gerade deswegen) war ich neugierig und nahm die Lektüre als Anlass, diesen Stadtteil zu erkunden.

Geleitet durch die Beschreibungen von Barbi Marković, mit den Coming-of-Age-Geschichten im Kopf, die ich aus ihrer Erzählung in Erinnerung hatte, bewegte ich mich durch das Viertel. Imaginäre Vorstellungen vermischten sich mit der Realität und ich bekam ein umfassenderes Verständnis von dieser Gegend sowie den Menschen, die dort aufgewachsen sind und sich heute noch dort bewegen. Im Folgenden habe ich meine Eindrücke vom Banovo brdo der Gegenwart festgehalten und mich im Anschluss mit der Autorin über das Banovo brdo ihrer Erinnerung unterhalten:

[Spoiler-Hinweis: Folgender Beitrag könnte eure imaginäre Vorstellung beeinflussen – solltet ihr vorhaben, Die verschissene Zeit zu lesen oder zu spielen.]

Es ist der 23. 11. 2021, gegen 13:30 Uhr. Ich liege am Teppich in der Wohnung einer Freundin im Belgrader Stadtteil Zvezdara. „Die verschissene Zeit“ habe ich in etwa bis zur Hälfte gelesen, draußen scheint zur Abwechslung mal die Sonne – spontan beschließe ich, mich auf den Weg nach Banovo brdo zu machen. Der Weg von Zvezdara nach Banovo brdo ist nicht gerade der kürzeste, Google-Maps zeigt mir eine Fahrtzeit von einer Stunde an und das mit Umsteigen in den Öffis, was in dieser Stadt bedeutet, dass es durch unvorhersehbare Wartezeiten noch länger dauern wird (und so war es auch), bis der Bus schließlich bei der Haltestelle Škola Josif Pančić in Banovo brdo ankommt. Soeben ausgestiegen, ist das erste, das ich wahrnehme, ein Schwall von Rauch, der von dem Roštilj-Stand nebenan in meine Richtung weht. Neben der Haltestelle ein Betonplatz mit einem eigenartig auffallenden Brunnenmonument, um das herum sich einige Tauben versammeln. Auf den Straßen beobachte ich viele Menschen, manche warten, die meisten sind irgendwohin unterwegs. Es scheint ein recht belebter Stadtteil zu sein, eine Wohngegend, wo sich das Alltagsleben abseits von touristischen Pfaden abspielt.   

Ich nehme die Rollenspiel-Beilage aus dem Roman zur Hand, weil sich darin eine Karte von Banovo brdo mit eingezeichneten Stationen aus der Erzählung befindet und versuche, mich zu orientieren. Auf der gegenüberliegenden Seite soll ein Markt sein, ich mache mich auf den Weg… Zunehmend vermischt sich der Geruch von gegrillten Pljeskavica mit dem Geruch von frischem Fisch. An den Marktständen sind zu dieser Nachmittagszeit nur mehr vereinzelt Kund:innen zu beobachten, einige der Stände haben bereits geschlossen. Ich bewege mich durch den Markt in Richtung eingezeichneter Tankstelle, die ich aber nicht finden kann, also kehre ich wieder um und visiere den Park an, einer der Hauptschauplätze der Erzählung. 

Hier spielen ein paar Kinder, dort sitzt eine Gruppe erwachsener Männer zusammen, sie trinken Bier und unterhalten sich stark gestikulierend. Die Vegetation scheint – wie in den meisten Parks in Belgrad – noch etwas wilder und natürlicher im Vergleich zu den österreichischen Stadtparks, in denen kein Baum zufällig an einem Ort zu stehen scheint. Zwischen dem herabgefallenen Laub stechen vereinzelte Müllreste farblich hervor, blaue Zigarettenschachteln, eine rote Bananica-Verpackung etc. Ich setze mich auf eine Bank, genieße die letzten Sonnenstrahlen und werfe nochmals einen Blick auf die Karte, um mir die Route zu überlegen… 

An den Park angrenzend befindet sich die steil-hügelige Žarka-Pucara-Straße mit drei betongrauen Hochhäusern, darunter Hausnummer 15, von dem mir Barbi Marković später erzählt, dass sie in diesem Gebäude aufgewachsen sei. Auch die Hauptfiguren ihres Romans sind dort zuhause. Ich bin neugierig und versuche, die Gebäude zu betreten. Hausnummern 7 und 15 sind verschlossen, Nummer 23 ist aber geöffnet. Ich trete ins Parterre und bin sogleich etwas perplex von den vielen Farben, die mich umgeben. Ich frage mich, ob das Gebäude in den 90ern auch schon so bunt ausgesehen hat. Währenddessen begegnen mir zwei Hausbewohner, sie grüßen mich freundlich als wäre ich eine Nachbarin. Während ich jedoch Fotos mache und dabei die versteckten Kameras erblicke, fühle ich mich eher wie eine Spionin. Ich verlasse das Haus wieder und mache mir Gedanken über die Gesichtserkennung. Draußen angekommen, erblicke ich im Fenster des gegenüberliegenden Gebäudes Nr. 7 eine ältere Dame, die mit strengem Blick auf mich herabschaut. Vermutlich wundert sie sich, wieso ich probiert habe, alle drei Haustüren zu öffnen, denke ich mir.  

Um die Gebäude herum begegne ich einigen streunenden Katzen. Eine davon springt mich regelrecht an, wie ich es bisher nur von Hunden kannte und verfolgt mich eine Weile. Mir kommt die Katzentheorie in den Sinn, die Barbi Marković in ihrem Roman aufstellt – und die sich hiermit auch bestätigt: Ihrer Theorie zufolge müsste diese Katze eine starke und kraftvolle sein, weil sie sich um jenes Gebäude aufhält, wo die Anhänger:innen der sogenannten Diesler-Subkultur zuhause sind/waren, die sich u.a. durch das Tragen von Diesel-Jeans und bullyhaftem Verhalten auszeichneten (Details im Buch auf S. 13). 

….Irgendwo in der Nähe müsste auch der McDonald’s sein, von dem im Roman mehrmals die Rede ist, weil McDonald’s in den 90er Jahren noch etwas Besonderes war. Ich finde ihn in der Požeška-Straße, eine Art Hauptstraße in Banovo brdo. Jene Mci-Filiale zeigt sich tatsächlich noch in einem Retro-Gewand, dessen Ansicht mich in das Motiv einer nostalgischen Postkarte versetzt. Nebenan fahren Straßenbahnen und Busse vorbei, teilweise noch mit fremdsprachigen Werbungen versehen, von den Ländern, aus denen sie stammen. Auf einem Bus die Aufschrift: „Donation from the People of Japan“, darauf abgebildet die japanische und serbische Flagge, und ich wundere mich, wie es zu diesem Handel gekommen ist.

Aber nicht viel Zeit zum Nachdenken, ich muss auf die Toilette, brauche W-Lan, damit ich weiß, wie ich ins Stadtzentrum zurückkomme und hätte gerne einen Kaffee. Im Park steht ein spaciges amerikanisches Diner mit einer pink-blinkenden, leuchtenden Rakete im Logo (als wäre ich tatsächlich – wie im Roman – durch die Zeit gereist), es sieht nicht sehr einladend aus, drinnen sitzen keine Gäste und in der Erzählung von Barbi Marković kommt es auch nicht vor – also zurück Richtung Hauptstraße. Auf dem Weg dorthin begegnet mir noch eine recht imposante Kriegsstatue, ich mache ein schnelles Foto, für eine Analyse und das Übersetzen der kyrillischen Buchstaben habe ich nicht mehr ausreichend Energie übrig. Schließlich lande ich im nächsten Café namens „Chicago“. Mit Blick aus dem Fenster sehe ich in der Spiegelung, dass im Fernsehen gerade ein Tennisspiel läuft, der Fernseher an der Wand ist mir gar nicht aufgefallen. Es ist erst 16:30 Uhr und draußen wird es bereits dunkel, hier in Serbien geht die Sonne früher unter als in Tirol, obwohl es südlicher liegt, was mich etwas verwirrt.

Weil es in den verrauchten Belgrader Cafés keinen Unterschied macht, ob ich rauche oder nicht, zünde ich mir eine Zigarette an, trinke meinen Kaffee aus und werfe einen letzten Blick auf die Karte. Gerne wäre ich noch zum Topčider-Friedhof gegangen, hätte das Haus von Kassandra (Figur im Roman) aufgesucht oder zumindest die Gegend, in der es stehen sollte, aber es ist inzwischen schon stockfinster und um 18 Uhr habe ich eine Verabredung im Zentrum. Also muss ich aufbrechen, und bedauere es, dass ich nicht schon früher losgefahren bin – so schnell werde ich vermutlich nicht wieder nach Banovo brdo kommen, wo es noch einiges zu entdecken gäbe. An der Bushaltestelle mache ich noch einen letzten Schnappschuss vom Kiosk an der Ecke, bevor ich in den 51er einsteige, der mich ins Zentrum bringt.


Im Gespräch mit Barbi Marković

Zurück in Tirol. Aufgrund der durch Einreisebestimmungen bedingten Quarantäne treffe ich mich online mit Barbi Marković, und erzähle ihr vorab, dass ich gerade noch mit einem Exemplar ihres Romans in Banovo brdo unterwegs war. Sie lacht: „Ich habe mit meiner Verlegerin gescherzt, ob wohl tatsächlich jemand wegen meines Buches nach Banovo brdo fahren wird“. 

Barbi Marković | Bild: Beatrice Signorello

Liebe Barbi, wie sieht es mit deinem persönlichen Verhältnis zu Banovo brdo aus – bist du selbst dort aufgewachsen? Ist es eine autobiographische Geschichte? Und warum war es dir ein Anliegen, darüber zu erzählen?

Als ich mit dem Superheldinnen-Roman fertig war, habe ich mir gedacht, „jetzt kann ich schreiben, worüber ich will“. Dann ist mir diese Zeit der 90er eingefallen, es war die krasseste Zeit, die ich – und die meisten, die zu dieser Zeit in Belgrad aufgewachsen sind – erlebt haben. Es war eine Zeit der moralischen Verwahrlosung, extremer gesellschaftlicher Umbrüche, Ungerechtigkeiten in alle Richtungen… Ich dachte mir: „Ich bin Autorin und ich erzähle Geschichten – das ist eine Geschichte, die auch einmal von Leuten wie mir erzählt werden sollte, also von den damals kleinen, ohnmächtigen, die sich in diesem historischen Geschehen bewegten und nichts zu sagen hatten“. Ich habe versucht, die Zeit und Emotion, wie sie mir in Erinnerung sind sowie die Gedanken, die ich mir aus jetziger Perspektive darüber mache, zu transportieren. Es war mir ein Anliegen, zu fragen: „Was tun wir jetzt mit diesen 90ern, die uns im Hals stecken, seit einigen Jahren“. 

Der Roman ist ziemlich autobiographisch. Ich bin in Banovo brdo aufgewachsen, in dem Gebäude in der Žarka-Pucara-Straße, in dem die Geschichte hauptsächlich spielt. Die meisten Geschichten im Buch stammen aus meinem Kopf. Sie sind zwar nicht alle mir passiert und ich würde mich nicht mit einer bestimmten Figur gleichsetzen. Aber ich habe alles gemischt, was ich in Erinnerung hatte und wovon ich weiß, dass es andere erlebt haben. 

Inwieweit hat sich der Stadtteil Banovo brdo seit den 90ern verändert? Bist du dort noch manchmal zu Besuch? 

Inzwischen komme ich nicht mehr oft nach Banovo brdo, wenn ich nach Belgrad fahre, ich wohne dort nicht mehr und meine Mutter ist mittlerweile auch umgezogen. Es hat sich aber seither, wie überall anders auch, sehr viel verändert. In der Požeška-Straße zum Beispiel sind jedes Jahr neue Bankfilialen aufgetaucht – Erste Bank, Raiffeisen und so weiter. Die Gesellschaft wird immer neoliberaler und mit der jetzigen Regierung auch immer autoritärer – eine andere Art von autoritär. Es ist nicht wie damals. Die Medien haben zum Teil schlechtere Bedingungen als in den 90ern, was fast unvorstellbar ist. Ich habe das Gefühl, die Menschen in Banovo brdo haben allgemein vielleicht eine Spur von besserem Leben, aber die Kluft zwischen den Gutlebenden und den Anderen ist um einiges größer geworden. Es ist irgendwie gleichzeitig besser und brutaler. 

Du erwähnst in deinem Roman viele popkulturelle Referenzen aus vergangenen Zeiten. Schwingt da eine gewisse Nostalgie mit – an die 90er oder auch an Jugoslawien? 

Jugoslawien… weiß ich nicht, da war ich zwischen null und zehn Jahre alt. Aber eine gewisse Vorstellung von Jugoslawien auf jeden Fall. Mir scheint, in unseren Erinnerungen wird aus Jugoslawien etwas anderes als es real war und das, was daraus wird, ist mir sympathisch. Es gibt eine große linke, postjugoslawische Szene in der ganzen Region, da werden Geschichten über Jugoslawien erzählt, die mir gefallen. Wenn man dann konkret und realistisch recherchiert, findet man aber auch andere Geschichten, die sind dann weniger idealistisch, weniger ideal. 

Die 90er, über die ich schreibe, die nennt man zwar auch noch Jugoslawien, aber das war es bereits nicht mehr. Ich habe eine gewisse Nostalgie an diese Zeit, einfach, weil es meine ganze Welt war. Es war die Zeit, in der wir alles ausgelebt haben – Humor, Kunst, usw. Die Referenzen stammen aus unserer Jugendzeit. Das heißt aber nicht, dass ich diese Zeit idealisieren kann, es war gleichzeitig auch eine ganz schlimme Zeit. 

In deinem Roman stolpert man immer wieder über Passagen, in denen nur geflucht wird* – Schimpfwörter, die du teilweise direkt aus dem Serbischen ins Deutsche übersetzt hast und die dadurch für deutschsprachige Leser:innen ungewohnt klingen mögen. Was war deine Überlegung dahinter? 

Die direkte Übersetzung hat einen exotischeren Effekt. Es gibt auch ein paar Wendungen, die ich selbst erfunden oder umformuliert habe. Ich habe mir gedacht, wenn ich Schimpfwörter sammle und diese übersetze, mit Konjunktiven versehen, und aneinanderreihe, ist das ein witziges Sprachexperiment, fast eine Art Poesie. Da entstehen so viele Bilder, stark und gleichzeitig lustig. Außerdem entspricht diese gewaltvolle Sprache jener Zeit, von der ich erzähle. 

*Auszug: „Jetzt sind eure Schwänze geplatzt und ihr habt euch angeschissen, ihr werdet zur Mama zurückgehen an die Titte“ (S. 18.) 

Dein aktueller Roman ist aus einem Rollenspiel heraus entstanden – wie kann man sich das vorstellen?

Ich habe in den vergangenen Jahren öfters Rollenspiele gespielt. Weil ich mir zugleich auch viele Gedanken über die 90er-Jahre gemacht habe, wollte ich versuchen, diese Thematik mit einem Rollenspiel zu verknüpfen. Ich habe mich gefragt: „Wie stellen sich Menschen das Leben in Belgrad der 90er vor, die zur gleichen Zeit in den österreichischen Kleinstädten mit Fertigpizzas und Einkaufszentren aufgewachsen sind und deren Jugendzeit ganz anders war – oder eben auch nicht“.  Es war ein Experiment, diese Zeit für Leute begehbar zu machen, die nichts damit zu tun hatten. Ich wollte herausfinden: „Was stellen sie sich vor, was stelle ich mir vor und wie reden wir nun darüber?“ 

So habe ich die Regeln an ein bestehendes Rollenspiel angelehnt, den Inhalt angepasst, und das Spiel für eine Gruppe angeleitet. Dabei sind witzige Sachen herausgekommen und absurde Geschichten entstanden, die auch in die Handlung meiner Erzählung eingeflossen sind. Die Übersetzung des Rollenspiels in den Roman war eine große Herausforderung, weil die Dramaturgien sehr unterschiedlich sind. Im Spiel verbringen die Leute zum Beispiel viel Zeit mit der Frage, ob sie eine Tür öffnen sollen oder nicht, so etwas ist völlig unbrauchbar für einen Roman. Aber allgemein ist es eine Goldgrube, die Spielwelt mit der Literaturwelt zu verknüpfen, weil dadurch die Vorstellungskraft angeregt wird. 

Im Vordergrund deines Romans, den man dem Fantasy-Genre zuordnen könnte, steht das Motiv der Zeitreise. Es scheint, auch ein Roman über das Thema Geschichte an sich zu sein, über die Frage nach Erinnerungen und Narrationen – würdest du dem zustimmen? 

Ja, ich würde sagen, das Ganze ist genau das. Durch den Fantasy-Aspekt und den popkulturellen Zugang ist es eine lustige Art, mich mit Fragen rund um das Thema des Geschichte-Erzählers zu beschäftigen, mit Fragen wie: „Wer darf Geschichte erzählen? Wie können wir sie überhaupt erzählen?“. Das Buch ist nicht unbedingt eine Antwort, aber eine sehr ausführlich gestellte Frage.

Inwieweit spielst du damit auf aktuelle Ereignisse und den gegenwärtigen Umgang mit Geschichte an? 

Der Roman ist in einem geopolitischen Raum situiert, in dem offizielle Geschichtsschreibung derzeit hochproblematisch ist und ein großer Kampf darum geführt wird, wer die Geschichte erzählen darf. In diesem Kontext wollte ich auch einmal eine Stimme vertreten und versuchen, authentisch zu erzählen, ohne eine konkrete politische Position einzunehmen. Ich wollte schauen, was passiert, wenn ich mich erinnere – ich, die ich damals keine Macht hatte und nicht groß genug war, um alles zu verstehen. 

Ich denke, dass es im Buch gut rüberkommt, dass die Geschichte superkomplex ist. Man kann nicht sagen: „Hätte ich an diesem Tag etwas anders gemacht, wäre die ganze Welt jetzt anders“. Aber nicht nur nicht das – man kann sich nicht einmal darauf einigen, was überhaupt passiert ist und das wird man nie können. Vielleicht ist es eine moralische Verpflichtung von uns allen, zu versuchen, sich verantwortungsvoll zu erinnern, immer wieder zurück gehen, sich zu fragen: „Wie sehen wir die Geschichte aus der heutigen Perspektive und aus der Perspektive anderer?“. Es geht um den Versuch, zu sehen, was man vorher nicht gesehen hat und es bleibt immer ein vorläufiges Ergebnis. Daher gibt es nun auch dieses Spiel – damit kann man immer wieder in diese Zeit zurückgehen. 

Gibt es eine bestimmte Zeit, in die du reisen würdest, wenn du eine Zeitreisemaschine hättest? 

Auf jeden Fall würde ich gar nicht in die 90er zurückreisen (lacht), nein danke. Also, eine Zeitreise, wenn sie real existieren würde, zieht mich gar nicht so an. Ich denke, ich würde hier bleiben, weil es sich safe anfühlt. Es ist mehr die gedankliche Zeitreise, die mir Spaß gemacht hat – aber nicht nur Spaß, es war auch ein Kampf mit schlechten Erinnerungen. 

Zum Abschluss noch eine popkulturelle Referenz aus dem Rollenspiel Die verschissene Zeit:

„Wo ist jetzt dein Belgrad und wo bist jetzt du und wo bin jetzt ich“ (ein schlechter Song mit großem Ohrwurmpotenzial)

Barbi Marković, Rollenspiel Die verschissene Zeit, S. 11.

| Brigitte Egger

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