Zwischen Rap und Volksschullehramt: im Gespräch mit SanTra über ihr Debütalbum „Tausendfüßer“

Schon einige Jahre ist sie auf Innsbrucks Bühnen musikalisch aktiv, kürzlich hat die Rapperin SanTra jetzt in Eigenregie ihr erstes Album Tausendfüßer herausgebracht. Im Gespräch mit komplex erzählt sie von Umbrüchen und Entstehungsprozessen, ihrer Liebe zum Volksschullehramt und Spontanraps in der Bogenmeile.

SanTra | Bild: Samir Guenaoui

komplex: Vielleicht erzählst du zu Beginn ein bisschen was über deine Anfänge – wie hast du zur Musik und speziell zum Hiphop gefunden?

SanTra: Eher durch Zufall – ich hatte mit Musik eigentlich nie was zu tun. Während dem Studium hab ich dann mit meinem Kollegen Felix Unverzagt ein Hiphopprojekt gestartet. Wir haben einfach zusammen ein bisschen herumexperimentiert. Und ich hab halt öfter besoffen auf der Straße gerappt und vor den Bögen mit irgendwelchen Leuten im Spaß so halbe Battles gestartet. Einer davon war zufällig der Wiedmann, ein deutschen Rapper, und der hat mich danach gefragt, ob ich in der p.m.k für ihn als Support spielen will. So haben wir unseren ersten Gig bekommen. Zeitgleich hatte ich auch eine Gruppe von Freunden, die immer zusammen gejammt hat, und daraus ist dann irgendwann unsere Band f63.8 entstanden, bei der ich auch rappe.

Woher kommen beim Liederschreiben deine Ideen?

Aus richtig guten Gesprächen, oder aus verstrickten Gedanken kurz vorm Einschlafen; manchmal kommt auch eine Idee wenn ich grad am Berg bin oder so. Aus ganz vielen verschiedenen Richtungen eigentlich. Es ist immer ein bisschen selbstkritisch, und ein bisschen gesellschaftskritisch. Ich schreibe, um das alles zu verarbeiten. Aber ich habe schon wieder so viele Lieder – das nächste Album wäre eigentlich auch schon fertig. Jetzt muss ich mal ein bisschen chillen. Ich liebe es einfach zu schreiben und zu reimen; ich liebe Worte. Zum Beispiel „Lebendig. Leb-endig.“ Oder „All-Ein.“ Wir sind im Leben ja immer in so einer Dualität zwischen Extremen. Ich mag Wörter, die das auch machen. 

Und wie entscheidest du dann, welche deiner Texte für die Band sind und welche für dein Soloprojekt?

Das ergibt sich eigentlich meistens spontan, ich probiere beides aus, aber es ist krass zu sehen, was für eine unterschiedliche Wirkung die Texte je nach Kontext haben. Das sind echt zwei verschiedene Welten. Zum Glück hab ich genug Lieder zum Aussuchen, weil ich in den letzten Jahren wie eine Narrische geschrieben hab. 

Woher kommen beim Soloprojekt deine Beats?

Angefangen hab ich mit Gratisbeats von YouTube. Dann hat meine Beats meistens Testa von meinem früheren Label Duzz Down San gemacht. Jetzt hab ich gerade angefangen, selber Schlagzeug und Synthesizer zu spielen und würde das auch gerne live machen und dazu rappen, vielleicht mit einer Loopstation. Das wird eher ein experimenteller und verspielterer Sound werden, und mehr improvisiert auch. Aber das ist alles noch ganz frisch. Die Videos schneide ich auch selber, ich mache eigentlich alles selber, und ich liebe es auch so.

Wie empfindest du die Hiphopszene in Tirol aus Perspektive einer Rapperin? Hiphop ist ja nicht gerade als das frauenfreundlichste aller Genres bekannt.

Ja, und so viele von uns gibt’s hier auch nicht. Spilif, mich, Mary Mabu… Ich find‘s deshalb auch wichtig, sich gegenseitig zu supporten und die Bekanntheit zu teilen. 

Ich frag mich schon oft, wenn man schon ein Mikro in der Hand hat, wieso muss man dann so eine Scheiße verbreiten? Viele Typen verstehen ja nicht mal was Feminismus eigentlich ist, oder dass Sexismus sie genauso betrifft, wenn sie gesellschaftlich ständig der starke Mann sein müssen. Am Anfang wurde ich schon ein bisschen belächelt, aber mir war das immer egal, ich kann mich da gut abgrenzen. Wenn man musikalisch fast nur mit Männern zu tun hat, muss man manchmal auch einfach „Halt die Fresse“ sagen. Aber das kann ich eh.

Wie ging‘s dir so mit dem Lockdown als Musikerin?

Sehr gut. Ich hab‘s sehr genossen, nicht so viel unter Leuten zu sein. Ich musste natürlich einen Haufen Konzerte absagen. Aber ich hab dann einfach viele Texte geschrieben, viel gebastelt und gewerkelt. 

F63.8 | Bild: Samir Guenaoui

Bist du denn jemand, der grundsätzlich gerne Konzerte spielt, oder ist das für dich eher etwas anstrengendes?

Eine Weile haben die Auftritte keinen Spaß mehr gemacht, weil ich nebenher meinen Master gemacht hab und einfach zu viel zu tun hatte. Also wohlgemerkt – ich hab den Master nebenher gemacht. Nicht die Musik nebenher. Aber jetzt muss ich auch nicht mehr überall zusagen – das hab ich gelernt. Natürlich schätze ich die Chance mich zu präsentieren sehr, aber es muss auf einem gesunden Level bleiben, ohne, dass ich mich übernehme. Musik soll immer mein Ausgleich bleiben. Viele denken, dass ich das hauptberuflich mache, aber ich habe gerade 6 Jahre geackert um Volkschullehrerin sein zu dürfen. Ich hab noch nie einen Cent gesehen von der Musik, ich hab immer alles gleich wieder reingesteckt. Ich bin auch zufrieden mit der Reichweite, die ich habe – wenn mein Video 1000 Leute anschauen, bin ich mehr als glücklich.

Also hast du das Gefühl, dass du deine Ziele als Musikerin eigentlich jetzt schon erreicht hast? 

Ja – ich hab mich eben gefragt, wozu mach ich denn Musik? Eigentlich ja nur für mich. Das hab ich eine Weile aus den Augen verloren, aber jetzt hab ich wieder ein bisschen dahin zurückgefunden. Ich schau einfach nur, dass es mir gut geht und dass ich Musik mache, die mir gefällt. Manchmal krieg ich gutes Feedback, manchmal schlechtes. Nicht jeder muss meine Musik mögen. Einmal hat irgendein Typ zu mir gesagt „Du schreibst ja nur Texte über dich selber!“ und ich so „Ja – soll ich Texte über dich schreiben oder was?“. Es ist einfach wichtig, sich selber nicht die ganze Zeit fertig zu machen. Beim neuen Album zum Beispiel gefallen mir auch zwei Lieder nicht. 

Und wieso hast du dich entschieden, die trotzdem auf dem Album zu lassen?

Weil ich mir eben denke, das ist ein Teil meiner Vergangenheit und hat auch seine Daseinsberechtigung. Ich hab‘ mir die Arbeit gemacht es aufzunehmen, also kann es auch aufs Album. Es muss nicht immer alles perfekt sein. Dieses Album hat vier Jahre gebraucht. Natürlich sind die Lockdowns dazwischengekommen, aber ich hatte innerlich auch keinen Stress. 

Und wenn dich jetzt jemand fragen würde – wer bist du oder was machst du, würdest du dann sagen Volksschullehrerin oder Musikerin?

Volksschullehrerin – mit Herz und Seele! Neben dem Studium hatte ich meistens genug Zeit für Musik, aber wenn ich jetzt zu arbeiten anfange, dann ist es wichtig, dass ich in der Musik einen Ausgleich habe, und mir nicht noch mehr Arbeit auflade. 

Also planst du jetzt auch gar nicht, nochmal ein SanTra-Album zu releasen?

Das lass ich mir ganz offen. Irgendwann kommt sicher wieder was. 

| Delia Salzmann


Links

Das Debütalbum Tausendfüßer kann man hier hören.

SanTra auf Facebook / F63.8 auf Facebook

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