Eigentlich bin ich perfekt – „Zweite allgemeine Verunsicherung“

Wenn einem das eigene Ich zu schwer wird, geschehen mitunter hässliche Dinge. Oder aber man klammert sich an vermeintlich Leichterem fest, an einer hübschen Oberfläche, auf die man seinen Fokus lenken kann. So sie nicht zu glatt ist, denn dann rutscht man ab.

Zweite allgemeine Verunsicherung heißt das Stück, das, von Felicia Zeller geschrieben, am 29. April im Innsbrucker Theater praesent Premiere feiern und sich mit genau dieser Thematik befassen wird. Die Textfläche wurde von Michaela Senn als ein Stück inszeniert, das unsere moderne Gesellschaft widerspiegelt und auf drei Figuren aufgeteilt – gespielt von Daniela Bjelobradić, Elke Hartmann und Peter Schorn.

Daniela Bjelobradić, Elke Hartmann und Peter Schorn | Bild: Dino Bossnini

Der Titel schien damals, als sie sich für das Stück entschied, noch passender, denn da war der zweite Lockdown gerade vorüber. „Damals schien es so, als wäre alles halb so wild gewesen, nur eine kurze Verunsicherung. Beziehungsweise zwei. Mittlerweile wäre es gefühlt die tausendste. Jetzt, wo die Arbeit damit begonnen hat, war es ein anderes Stück für mich, weil die Welt eine andere ist“, erzählt die Regisseurin. Besonders angetan habe ihr Felicia Zellers Sprache. „Für mich war klar, dass ich ein Stück von ihr inszenieren wollte. Fast ohne Verben und mit vielen Lücken, die sich automatisch füllen, ohne, dass der Satz zu Ende geschrieben werden muss, scheint der Text die Empörung noch größer und stärker werden zu lassen. Zweite allgemeine Verunsicherung (auch ZAV) ist außerdem besonders lose und offen geschrieben, sodass ein Prozess möglich ist – das mag ich sehr.“ 

Zwischen Selfie-Smartphone-Wahn und Gesundheits- und Schönheitsdruck bewegen sich die Figuren im Stück voran und scheinen zugleich stillzustehen. Selbstmitleidig und alles beklagend auf der einen Seite, sind sie auf der anderen dem Perfektionszwang der Gegenwart ausgeliefert. Ständig wird abgeglichen, wie andere zu einem Thema stehen, bevor sie selbst Stellung beziehen; sie scheinen sich nicht zu spüren, sich selbst stets auszuweichen. Eine Krankheit der Gegenwart? 

„Ich habe mich viel mit dem Essay Das Ich im Internet von Jia Tolentino in ihrem Buch Trick Mirror auseinandergesetzt, der sich um die Frage dreht, was das Internet und insbesondere social media mit uns macht. Eine Bezeichnung, die mich schon seit Pandemiebeginn begleitet ist ‚rasender Stillstand‘ und auch in diesem Text wird genau das gut beschrieben: Niemand schafft es mehr, sich auf eine Sache zu konzentrieren, ständig schwankt man zwischen Nervosität und Apathie – und das Internet hat damit viel zu tun, denn während der eigene Körper immer lahmer wird, wird die Bewegung durch das Netzwerk extremer.“

Bild: Michaela Senn

Die Autorin des Essays beschreibe außerdem, dass politisches Handeln immer schwieriger werde, weil es mit Meinungsfreiheit verwechselt werde. Ständig müssen Statements gemacht werden – dort höre es aber auch schon auf, denn zumeist gehe es über Hashtags nicht hinaus. „Solidarität wird nur unter Einbeziehung der eignen Identität gelebt; eigentlich geht es immer nur um einen selbst. Alles dient dem Kapitalismus, weil wir so schnell so viele Inhalte wie möglich produzieren wollen. Und die Figuren im Stück, die eigentlich Sprachkörper sind, blocken auch immer dann ab, wenn es um das echte Leben geht. Also ja, ich denke schon, dass das ein sehr gegenwärtiges Problem ist.“  

Nun gibt es im Stück aber eine eindeutige Bezugnahme zu Tschechows Ivanov, einem jungen Mann, der seine Kräfte mit Mitte dreißig bereits aufgebraucht zu haben scheint und ganz in seiner pessimistischen Weltsicht auf- und schließlich untergeht. Auch er beklagt ununterbrochen alles andere sowie sich selbst und fühlt sich letztlich überflüssig, wie es auch die Figuren in Felicia Zellers Stück tun. Ivanov entstand im 19. Jahrhundert und war von social media noch meilenweit entfernt. Demnach müssten der erwähnte „rasende Stillstand“ und die Selbstentfremdung also andere Wurzeln haben. „Ich denke nicht, dass ein Medium etwas völlig Neues im Menschen hervorruft. Zu gewissen Zeiten wirken gewisse Mechanismen. Früher waren es vielleicht Zeitungen; die beschleunigte Informationsflut hatte immer schon ihre Auswirkungen. Die ständigen Vernetzungstreffen, die bei Ivanov stattfinden, könnte man auch mit dem Besuch auf social media-Kanälen vergleichen, wo eigentlich nur beobachtet wird, was andere Menschen tun oder sagen, ohne dass man so recht weiß, warum.“  Klare Verbindungen zu Ivanov gibt es auch bei der Schuldfrage. Das Zitat aus Tschechows Drama, das der ZAV vorangestellt wird, lautet:  

„Wahrscheinlich trage ich eine furchtbare Schuld, aber meine Gedanken sind ganz durcheinander, meine Seele ist in Trägheit erstarrt, und ich habe nicht die Kraft, mich zu verstehen.“  

Auch die Figuren entschuldigen sich pausenlos und scheinen sich fehlerhaft zu fühlen. Dies sieht die Regisseurin als klare Spiegelung unserer Gesellschaft. Ständig habe man das Gefühl, dass man mehr tun könnte und sollte, so Senn. Wenn man zum Beispiel krank sei und nicht arbeiten könne, hätte man demnach mehr „self-care“ betreiben müssen, sonst werde man überflüssig für die Gesellschaft. Die Performance der Figuren diene genauso der Versicherung, noch zu existieren, wie jene der realen Menschen. Auch müssen immer krassere Dinge gesagt und gepostet werden, weil es alles schon mal gegeben habe.  

Probenfoto Daniela Bjelobradić und Elke Hartmann | Bild: Peter Schorn

Über diese ständige Wiederholung und die Unmöglichkeit, etwas Neues zu gestalten, weil alles bereits existiert, klagen auch die Figuren des Stücks:

Ich bin nicht überrascht, nicht nur, dass mir hier alles vorkommt wie immer, dir auch? Auch diesen Text, den ich jetzt spreche, kann sein, dass ich ihn schon letztes Jahr gesprochen habe, kann sein. Und auch die Gedanken, die drin sind. Waren bereits fertig, so als hätte ich sie irgendwo gekauft, wo denn?

„Ich glaube schon, dass Neues möglich ist, aber nur aus dem Moment der Stille heraus“, meint Senn. „Wenn die Gedanken nicht rasen, sondern man ganz ruhig ist. Musik entsteht erst, wenn davor Stille war. Wenn dieser Stille kein Raum mehr gegeben wird, kann man nur mehr auf Sachen zurückgreifen, die schon da sind. Das Problem ist, dass man zunehmend davon überzeugt ist, sich der Stille nicht hingeben zu dürfen, weil das der Leistung, die zu erbringen ist, entgegensteht. Dabei wäre gerade das Hinhören so wichtig.“  

Die wohl größte Herausforderung bei der Inszenierung seien die Charaktere selbst gewesen, verrät sie. „Die Figuren schienen auf den ersten Blick sehr glatt. Dabei sind es nichts anderes als verzweifelte Seelen – diese Hilflosigkeit herauszukehren ist uns nicht leicht gefallen. Es war mir ein großes Anliegen, sie in dieser Ambivalenz zwischen extrem glatt und zugleich extrem ehrlich zu zeigen – der Abend soll ja mit den Menschen etwas machen. Und ich hoffe, dass uns das gelingt.“ 

| Sarah Caliciotti


Spielzeiten

PREMIERE: Fr 29. April 2022 um 20 Uhr
WEITERE TERMINE: Sa 30.4. / Mi, 4.5. / Do 5.5. / Fr 6.5. / Do 12.5. / Fr 13.5. / Sa 14.5. / Di 17.5. /Sa 21.5. 2022, jeweils 20 Uhr

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