komPOST #16 [C. Parantela, U. Titelbach, S. Morin]

Phytopoetische Dialoge aus den Federn von Ulrike Titelbach und Sofie Morin – in der 16. komPOST-Ausgabe geziert mit Zeichnungen von Claudio Parantela:

PAINTING2751

/ Claudio Parantela, 2022

‚PAINTING2751‘- MIXED MEDIA ON CARDBOARD – SIZE: 21CM X 30CM – YEAR:2022, Claudio Parantela

PHYTOPOETISCHE DIALOGE

/ Sofie Morin und Ulrike Titelbach, 2022

SUMPFPORST (Rhododendron tomentosum)

Kräftige Hände nah am Rhododendron, dazwischen eine Melodie (mit Störgeräuschen). Die Gärtnerin im Heidekraut spricht eine Spur zu laut. Will sie das Knistern übertönen? In Worten, die du kaum verstehen kannst. Und irgendetwas duftet eigenartig, doft av skvattram. (Ulrike Titelbach)

Dass du es mit der Zunge riechen möchtest, während du immer noch die Gärtnerin betrachtest in der weißen Heide. Dass dich ein kühnporstiger Rausch erfasst, der dich an Schweine denken lässt und seltsam rasend macht. (Ulrike Titelbach)

Längst habe ich den Überblick verloren. All diese Blütenstände. Üppige Namensfindungen verschwimmen mir ins Morastige hinein, von wo harzige Gerüche noch meinen letzten Tropfen Orientierung aufsaugen. (Sofie Morin)

Lege in Trance Pentagramme dicht um deine Blütenblätter. Dabei ist jeder meiner Schritte zu dir hin ein Grenzfall. Mit all den Unmöglichkeiten der Liebe, die Sinnlichkeit still im Moor gewusst, Unterbühne des nahenden Lebens. Nichts schmerzt dort, wie das Wachstum. So sei mir nicht gram! Inmitten der zerbrechlichen Wasserlinie lass uns keimen, vor all den Verwünschungen gefeit. Und weißt du, wir müssen über Steine sprechen. (Sofie Morin)

Auch über große Steine. Steine, auf denen ich gesessen bin, während ich an dich dachte. Weil manche Steine Drachen sind. Wenn du sie lange genug ansiehst, kannst du es erkennen. Dann kannst du sehen, wie sie sich bewegen. Unmerklich, aber: sie bewegen sich. (Ulrike Titelbach)         

‚ILLUSTRATION 325‘ – MIXED MEDIA ON PAPER – SIZE: 21CM X 30CM – YEAR:2007, Claudio Parantela

WERMUT (Artemisia absinthium)

Heut hat ein namensgleicher Stern mir alles grün gefärbt. Und bitter auch. Irgendwann zwischen fünf und sieben. Meine Gedanken, wie sie fiebernd nach dir lecken. Und meine Zweifel dann. Ist all das Grün und die Natur ein süßer Rausch nur von Absinth? (Ulrike Titelbach)

Als Kind besuchte ich oft eine Freundin. Ihr Zimmer: giftgrün tapeziert mit weißen Herzen drauf. Das sah echt scheußlich aus. Ein Arzt hatte ihr das verschrieben. Es sollte gegen Schwermut helfen. Bitter. Darüber haben wir dann später oft gelacht. Hat also doch gewirkt. Letztlich hilft so eine Tapete vermutlich gegen alles. (Ulrike Titelbach)

Im knappen Raum hinter der Tapete haben sich Pilzsporen verfangen. Ich traue ihnen nicht. Längst haben sie sich mit Flechten zu überirdischen Geschöpfen verbündet. Vor alles schieben sie ein grünes Begehren und sind dabei von unscheinbarer Konstitution. Diesen bittersüßen Wesen traue ich alles zu! (Sofie Morin)                                                        

Beim Schreiben mische ich mir ab und an gern Wermutstropfen in die Tinte. Und das nicht nur der Farbe wegen: Alsam-Essenzen schützen Worte. Vor vorschnellen Gebrauch vielleicht, aber gewiss vor Mäusefraß. Denn dort, wo scharfe Zähne sind, findet sich meist auch eine gute Nase. (Ulrike Titelbach)                                                                                   

‚PAINTING2749‘ – MIXED MEDIA ON CARDBOARD – SIZE: 21CM X 30CM – YEAR:2022, Claudio Parantela

Kurzbios

Claudio Parantela

Born in Catanzaro (1962, Italy) where he lives and works… Claudio Parentela is an illustrator, painter, digital painter, photographer, mail artist, cartoonist, collagist, textile artist, journalist free lance… Active since many years in the international contemporary art scene. He has collaborated & he collaborates with many, many zines, magazines of contemporary art, literary and of comics in Italy and in the world… & on the paper and on the web…

Ulrike Titelbach

veröffentlicht seit 2017 lyrische Texte und Prosa in diversen Literaturzeitschriften (etcetera, Morgenschtean, neolith, die Rampe, …) und Anthologien (Facetten, Jahrbuch österreichischer Lyrik, …). Für ihr universitäres Schreibprojekt mit poesie zur theorie erhielt sie 2021 gemeinsam mit Studierenden der Universität Wien den Exil-Literaturpreis für Teams. Im selben Jahr erschien in der edition offenes feld ihr erster Lyrikband Fragile Umarmungen.

Sofie Morin

(Pseudonym) 1972 in Wien geboren, Studienabschlüsse in Biologie und Philosophie, 7 Jahre im französischen Sprachraum, lebt heute bei Heidelberg. Rund 70 ihrer Texte sind in Literaturzeitschriften und Anthologien erschienen. 2022 hat ihre 9. Nominierung ihr den ersten Literaturpreis eingebracht: Wort an Wort: Berührung. Im Herbst wird sie gemeinsam mit Dorina Marlen Heller das Buch Schwestern im Vers veröffentlichen.

@sofie_morin

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