HELLO VOID! und das Spiel mit übernatürlichen Kräften

Eine Spielwiese, um kollaborativ und spartenübergreifend zu arbeiten: Das Gemeinschaftsprojekt „Hello Void“ von den Künstlerkollektiven The2vvo und Distant Realities wird im Zuge des VORBRENNER 2022 Programms den dunklen Saal des BRUX-Theaters zum Leuchten bringen. Farbenfroh und mit einem Mix aus Installation, Video, Performance und Sound. Am 2. September um 19 Uhr beginnt die Vernissage des Projektes, das dann bis zum 11. September läuft.

sculpture – surface treatment | Bild: the2vvo

Die Farben knallen in Neon-Gelb, Blau und Pink, verbinden sich mit verschrobenen Sounds und gehen in eine Sphäre über, in der Bild und Klang ein nicht mehr differenzierbares Ganzes werden. Doch dem nicht genug: Das Projekt „Hello Void!“ ist viel mehr, es geht weit in existentielle Sphären rein und stellt vielleicht sogar unser Leben auf den Kopf. Richtig gehört, auch das kann Kunst sein. Als Auseinandersetzung mit dem Menschsein an sich wie mit dem Sinn des Lebens und was wir daraus machen, dringt „Hello Void!“ jedenfalls tiefer hinter die bloße Oberfläche, provoziert, stupst an und will wie ein Saugnapf am Publikum kleben bleiben, um auch nach dem Besuch einfach nicht mehr loszulassen.

Für diese so spezielle Performance greift das Künstlerduo The2vvo, bestehend aus Lena Pozdnyakova und Eldar Tagi, ganz tief in die Trickkiste, holte auch Nicolas Stephan und Marine Lemarié mit ins Boot, die von einer ganz anderen Sparte kommen und das Projekt so gewissermaßen von einer anderen Seite mit neuen Perspektiven bereichern können. Nicht ungewöhnlich, arbeitet das The2vvo doch gerne in Interaktion mit anderen Akteur:innen, um die Grenzen der einzelnen Künste sozusagen undicht zu machen:

„Marine und Nicolas kommen aus der Design- und Architekturwelt und steuern den Video-Part bei. Wir probieren es einfach aus, fügen unsere so unterschiedlichen künstlerischen Positionen zusammen und schauen, was passiert. Es ist ein großes Experiment, wo wir nicht wissen, was uns genau erwarten wird. Das macht das Projekt auch so besonders: Du bekommst durch die Erkundung vor Ort etwas, was du womöglich gar nicht erwartest“

erzählt Lena Pizdnyakova mit einem Lächeln. „Unser Hintergrund ist extrem technikfokussiert, weshalb wir uns dem Spiel mit technischen Methoden widmen, in diesem Projekt genauer gesagt der Videokunst, die auf eine abstrakte Ebene gehoben wird“, ergänzt Nicolas Stephan von dem der Architektur wie der Designkunst entstammenden Duo Distant Realities, das gerne den Schwenk in die neuen Medien vollzieht. Lena Pizdnyakova kommt von der Schiene der Installationskunst, ihr Partner Eldar Tagi ist Sound-Artist, wodurch sich audiovisuelle Installationen ergeben, die von Musik wie visueller Kunst gleichermaßen zehren. Die vier an „Hello Void!“ arbeitenden Künstler:innen brechen jedenfalls das schnöde Schubladendenken auf, vielmehr geht ihnen darum, starren Fixierungen den Fauxpas zu erteilen.

Eldar playing „daxophone“ | Bild: the2vvo

Das Thema selbst eignet sich dabei wie kein Zweites für eine solche Auseinandersetzung: Ist es nicht die Kultur, die trotz aller Veränderungen des menschlichen Lebens, irgendwie immer als Konstante bestehen bleibt? Erzählen die heute alltäglich gewordenen kulturellen Riten nicht von längst vergangenen Zeiten? „Hello Void!“ geht der Frage auf die Spur, auf welche Weise uns Riten fernab von religiösen Einstellungen triggern und beeinflussen. Aber auch, warum wir sie geradezu bitter nötig haben:

„Auch das künstlerische Arbeiten an sich ist als eine Art Ritual zu verstehen. Warum verbrauche ich so viel Zeit für die Entwicklung von Kunst? Die Antwort ist einfach: Ich benötige sie, um mit mir ins Reine zu kommen. Ich bin nicht religiös, aber glaube, dass uns angesichts unserer Sterblichkeit übernatürliche Kräfte Halt geben. Und Kultur kann im postreligiösen Zeitalter durchaus eine solche kollektive Kraft sein“

betont Pizdynakova. Nicht zuletzt geht es um die Frage, was der Menschheit angesichts ihrer Vergänglichkeit Sinn und Halt gibt. Gleichzeitig bringt „Hello Void“ Selbstverständlichkeiten zu Fall, zeigend, dass sie durchaus angezweifelt werden dürfen. Diesem Ritus des menschlichen Lebens nähert sich „Hello Void!“ von allen Seiten: Akustisch wie performativ, gestalterisch und nicht zuletzt skulptural. Doch ohne eine letztgültige Antwort. Denn so fluide das Künstlerkollektiv agiert, wird es wohl ein ganzes Wirrwarr an Lösungen geben, durch die sich die Betrachter:innen den Weg erst bahnen müssen. So kreuzt es sich wiederum letztendendes wieder mit der Vorbrenner-Intention.

Vorbrenner-Projekte dürfen ja letztlich in Schwebe bleiben, was den Künstler:innen vielleicht sogar noch mehr Raum gibt, um sich ausprobieren zu können. Denn was die kürzlich als eigener Verein gegründete Plattform Vorbrenner auszeichnet ist ihr Werkstattcharakter: So stehen letzten Endes nicht allein fertige Arbeiten im Fokus, gut und gerne dürfen die Projekte ein offenes Ende haben, sowie es die Innovation und das Experiment ist, das zählt. Vorbrenner scheint aber auch als transdisziplinäre Ausschreibung ein Alleinstellungsmerkmal in West-Österreich. Als eine Mischung zwischen Artist-Residency und Projekt-Förderung will es der Experimentierfreude von Künstler:innen gebührenden Raum geben und zeitgleich künstlerische Vorhaben fördern, die sich einer eindeutigen Zuordnung verwehren und sonst womöglich untergehen würden:

„Wir fördern genreübergreifendes Arbeiten, setzen Residences, die kein festgefahrenes wie klar definiertes Profil haben, aber gerade das als große Stärke sehen“

so Lino Lanzmaier aus dem Vorbrenner-Beitrat, der selbst die dem Vorbrenner innewohnende Diversität widerspiegelt, besteht er doch aus Personen ganz unterschiedlicher Sparten von Tanz und Performance über Architektur bis hin zum Film.

Als vom BRUX unabhängig und doch mit dem freien Innsbrucker Theater lose verbunden, hat sich Vorbrenner als Plattform für alle möglichen zeitgenössischen Formate als eigener Verein gegründet, wobei BRUX die Infrastruktur bereitstellt, damit das Projekt über sich hinauswachsen kann: „Die Räumlichkeiten des BRUX sind ideal für viele unterschiedliche Bespielungen, weil sehr viel an Equipment bereits da ist. Weshalb unser Konzept hier sehr gut aufgehen kann“, betont Lanzmaier. Neben „Hello Void“ gibt es übrigens in diesem Jahr im Zuge des Vorbrenner noch weitere sechs Projekte zu sehen, die aus ganz verschiedenen Richtungen kommen und diese auch ineinander verschränken lassen: „Von experimentellen Tanzprojekten über Sound-Art, Skulptur und Neuen Medien ist alles dabei.“ Lasst die Spiele beginnen!

| Florian Gucher

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