Wenn Tanz zur Überlebensstrategie wird – OFFTANZ präsentiert

Mit drei neuen Tanzstücken voller brisanter Fragen entführt das Tiroler Künstler:innenkollektiv OFFTANZ aus dem grauen Winteralltag hinein in bunte Sphären. Während sich „SoliloquiumNaturalmente“ am 26. und 27.11 im BRUX von einer gesellschaftlichen Herausforderung in die Nächste hangelt und dabei sogar eine ausgewiesene Biologin im Science- Slam zu Wort kommen lässt, ist es „Die große Sonja Ritz Show“ vom 8.-10.12 im Kunstraum Innsbruck, die alle Zügel fallenlässt und dem Publikum sogar die Akteur:innenrolle übergibt, so es denn möchte. Man darf gespannt sein, ob und in welcher Intensität das geschehen wird: „Wir sind auf alle möglichen Szenerien vorbereitet“, so die Choreographin Eva Müller.

Soliloquium“ im BRUX | Bild: Daniel Jarosch


Da sitzt ein Mann in der Mitte des Raumes. Um ihn herum nur die Leere und der ständig von Wiederholungen geprägte Alltag. Wir beobachten ihn, wie er sich allmählich in seine verrückte Welt zurückzieht, sich verirrt. Er ist eigenbrötlerisch, doch was ihm Halt zu geben scheint, zerfrisst und zerstört ihn zeitgleich auch innerlich. Und so wird sein Fließband-Tagesablauf immer absurder, sowie die immer gleichbleibenden Dinge allmählich ein Eigenleben erhalten und sich immer stärker in die imaginäre Umgebung verschieben. Das Stück heißt „Soliloquium“, was so viel bedeutet wie Selbstgespräch und wird am 26. und 27.11 im BRUX -Freies Theater Innsbruck aufgeführt, es ist ein Kind der Gegenwart und der darin verankerte Protagonist eine Erscheinung unserer Zeit. Wahrlich vielen, die sich in den Lockdowns in die eigenen Häuser zurückzogen und zwangsweise auf soziale Kontakte verzichten mussten, erging es in der Corona-Pandemie wohl ähnlich. Manche werden sich in den repetitiven Alltagsvorgängen auch verloren haben, ohne je den Ausgang zu finden. Der Digitalisierungsschub wie die Home-Office Optionen und die den realen Treffen vorgezogenen Zoom-Meetings tragen ihren Teil dazu bei und lassen das Rad ungehemmt weiterlaufen: „Auch wenn Corona im Stück explizit nicht zum Thema gemacht wird, ist ‚Soliloquium‘ aus der Stimmung der Einsamkeit in der Pandemie heraus entstanden“, gibt Choreographin Emmanuelle Vinh zu wissen.

Das Stück dringt noch tiefer, dort hinein, wo es Existentiell wird und geht wie eine Seelenstudie einem Menschen auf die Spur, der gerade durch seine immer gleichbleibenden Wege aus der Bahn tritt. Live-Musik von Andreas Tentschert, die untrennbar mit dem Stück, dem Inhalt und dem Performer verwoben ist, unterstreicht mit alltagsnahen Sounds, atmosphärischen Klängen und skurrilen Performances all das, was in einen Menschen vorgehen muss, der von der Realität der Enge der Welt in die eigene Verrücktheit rutscht und den Ausweg nicht findet. Die OFFTANZ-Performer:innen haben sich besondere Kniffe überlegt: Sowie die Zuseher:innen durch Rundumbeschallung mitten in die Handlung gezogen werden und sich dann vielleicht sogar ungewollt näher am Alltagsgeschehen des Protagonisten befinden, als ihnen lieb ist, hebt die künstlerische Tanzperformance die Schwelle und Distanz zum Publikum fast gänzlich auf. Und dann kreist noch der innere Monolog wie im Gedankenkarussell in den Köpfen weiter. Über die bloße Unterhaltung hinweg, gibt „Soliloquium“ ein Rezept, um Bedrohliches im Alltag, das auf den ersten Blick unscheinbar, angenehm und begrüßenswert und daherkommt, zu erkennen und zu bändigen.

„Naturalmente“ | Magdalena Baccarani

Noch abstruser wird es dann im zweiten, unmittelbar daran anschließenden Stück „Naturalmente“, das sich der Gefährdung der Wildvögel im vom Menschen zerstörten Naturraum verschrieben hat. Dabei sind es kleine Details, die die beiden Performances zusammenlinken und nachvollziehbare Brücken schlagen. Nicht nur, dass die Figuren auf der Bühne in beiden Stücken schräge Vögel verkörpern, auch musikalisch, klanglich wie tänzerisch ergibt sich ein rotes Band zwischen den beiden Produktionen. „Der Tanz wird quasi zur Überlebensstrategie, zum Mittel für psychisches und körperliches Wohlbefinden.“ Als Science-Slam und Dialog zwischen Kunst und Wissenschaft konzipiert, ergibt sich ein Zwiegespräch zwischen den beiden Protagonist:innen bestehend aus einer Wissenschaftsakteurin und einem Performancekünstler. Der zunächst eigentlich für die Technik zuständige Akteur rutscht zwischen seinen Aufgaben immer wieder in persönliche Tanzeinlagen rein, wobei er allmählich immer mehr in die Rolle der Wildhühner schlüpft, die sie beschreibt. Rund um den Begriff der Biodiversität kreisend, zeigt sie, wie der Dominoeffekt alles zerstören kann und das Aussterben einer Art die Vielfalt anderer Lebewesen und nicht zuletzt des gesamten Naturraumes gefährdet. Unterhaltsam und ganz nebenbei hebt OFFTANZ ein Thema, das der Wissenschaft Kopfzerbrechen bereitet, auf die künstlerische Ebene, um es dort in aller Wirkmächtigkeit erstrahlen zu lassen. Und vielleicht lässt sich auf diese Weise eine Aufmerksamkeit auf etwas lenken, das im Lebensalltag trotz aller Dringlichkeit unterzugehen scheint. Wiewohl es nicht nur, aber ohnehin entsetzlich genug, die Wildvögel aufzufressen droht, sondern uns gleich mit.

Mit der Performance im Kunstraum unter dem Aufhänger „Die große Sonja Rotz Show. Who the fu**is Sonja Ritz?“ verirrt sich OFFTANZ dann vollkommen in Gefilde des Experimentellen. Dabei steht der konkrete Ablauf des Stückes von und mit Choreographin Eva Müller, Daniela Bjelobradić, Fabian Lanzmaier und spontanem, freiwilligem Publikum noch in den Sternen, richtet er sich doch nach der Aktion und Reaktion der Zusehenden, die in diesem Fall zu Beteiligten werden. Thematisch kreist die Produktion um unser Gedächtnis sowie der Fluidität und Launenhaftigkeit von Erinnerungen. Auf praktische Weise wird am fiktiven Charakter der Sonja Ritz, die jeder und jede von uns sein kann, vorgeführt, wie viel unser Erinnern mit der eigenen Persönlichkeit zu tun hat: „Erinnerungen werden jedes Mal neu gebildet. Je öfter ich mich an etwas erinnere, desto häufiger überschreibe und verändere ich es auch. Mit diesem Element spielen wir im Stück.“, betont Eva Müller, die bereits gespannt ist, in welche Richtung sich die so offen gedachte Produktion am Spielort entwickeln wird:

„Wie unser Gehirn nehmen auch wir uns die Freiheit die Ebenen zu sprengen. Eine Verflechtung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft entsteht. Zudem hat das Stück keinen Anfang und kein Ende, sprich: das Publikum kann gehen und kommen, wann es möchte.“

In diesem Sinne können Zuseher:innen ihrer Kreativität im wahrsten Sinne des Wortes freien Lauf lassen und ihre eigenen Erinnerungen als (fiktive) Geschichten miteinbringen, die sich dann als unmittelbare Reaktion in der Performance widerspiegeln: „Ihre Erinnerung wird in diesem Prozess quasi zu unserer, wobei sich eine neue Möglichkeit ergibt, diese Erinnerung auf ganz neue Weise körperlich zu erleben.“ Eingebettet ist die Performance übrigens in die zeitgleich im Kunstraum Innsbruck laufende Ausstellung „No more profit“ der Künstlerin Heidi Holleis, die sich selbst als Akteurin unter die Zuseher:innen begibt. Und wie so oft schlägt OFFTANZ dann eine Brücke zur unmittelbaren Umgebung der Ausstellung und eine gegenseitige Vermengung und Speisung der Kunstformen spielt sich wie von selbst ein.

„Die große Sonja Rotz Show. Who the fu**is Sonja Ritz?“ | Bild: Daniel Jarosch

Eines macht die Produktionen des Kollektives OFFTANZ in jedem Fall universell: Sie sind dafür bekannt, dass sie aus althergebrachten Vorstellungen ausscheren und den zeitgenössischen Tanz in neue, unentdeckte Räume transferieren. Durchaus möglich, dass das Publikum aus seinen bequemen Sesseln gehoben wird und sich auf etwas Ungewohntes einlassen muss oder besser gesagt darf. Dabei spielt es keine Rolle, ob man wie im Stück „Die große Soja Ritz Show“ als Besucher:in selbst ins Zentrum gehievt wird oder die Bühne eine:n ganz im Sinne von „Soliloquium“ plötzlich zu überrennen scheint und ganz nah an den eigenen Leibe rückt, sodass man sich gar nicht mehr losreißen kann. Jedenfalls traut man in beinahe jedem OFFTANZ-Stück seinen Sinnen kaum, denn was sich auf der Bühne abspielt, sprengt Erwartungen an Kunst und Kultur und zeigt, dass alles möglich werden kann.

OFFTANZ versteht die Bühne als große experimentelle Spielwiese ohne Limits und eröffnet als solche ganz neue Spielmöglichkeiten. Nichts ist zu bunt, nichts ist zu abstrus und kaum etwas ist zu absonderlich, um von OFFTANZ ausprobiert zu werden. Der im Jahre 2013 vornehmlich zur Förderung professioneller, nicht institutionell gebundener Performancekünstler:innen gegründete Verein blickte dabei sukzessive mehr und mehr über den zeitgenössische Tanz hinaus und vereinigt heute eine breite Palette unterschiedlicher Kulturschaffender. Sowie sich Kunstformen wie Film, Theater, bildende Kunst, Musik und Tanz, aber auch Sparten der Wissenschaft und Architektur die Hand reichen, ergibt sich ein reiches Konvolut, das Körperdiskurse der Gegenwart nicht nur mit neuen Augen sehen lässt, sondern grundsätzlich neu wahrnehmbar macht. Und gerade die drei aktuellen Bühnenwerke geben eindrücklich Zeugnis davon ab. Fühlen Sie es selbst!

Florian Gucher

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