In ihrem neuen Stück loops of belonging – die Stube in mir untersucht die Choreografin Eva Müller wie Zugehörigkeit, Identität und Herkunft miteinander verflochten sind. Von 14. bis 16. November ist die Produktion von Offtanz Tirol im Brux zu erleben.

Mit einer ausgebauten Tiroler Bauernstube, einer Poledance-Stange auf der Bühne und imaginären Assoziationen an die Kindheit verweist die Choreografin Eva Müller auf das innere Empfinden der Zugehörigkeit, das oft mit Heimat und Traditionen in Verbindung steht. In loops of belonging hat sie gemeinsam mit der Tänzerin Katha Löffler, dem Pole-Tänzer Oleksii Kolbei und der Handstand-Künstlerin Verena Schneider eine zeitgenössische Performance geschaffen, in der in einem surrealen Traum Erinnerungen wieder und wieder durchlebt werden.
„Es geht um Heimat als diese Stube in uns, dieser secret place, wo du deine ganz besonderen Assoziationen, Gefühle, Empfindungen aufbewahrst.“
Für das Stück hat Müller subtil volkstraditionelle Tänze in einer transformierten Weise eingebaut und in eine Bewegungssprache integriert, die sich mit Loops und Reibung beschäftigt. „Ich hab mir gedacht – warum kommt traditionelle österreichische Volkskunst kaum in der Umsetzung von zeitgenössischen Werken vor? – aber ich würde ja selbst nie ein Stück machen, das Elemente der Volkskunst verwendet“, erinnert sich Müller an ihre ursprünglich ablehnende Haltung gegenüber allem Volkstümlichen, „weil das Traditionelle rückwärtsgewandt ist. Es geht scheinbar oft darum, etwas zu verteidigen, das sich mit einem modernen Gedankengut oder mit einer Transformation kreuzt“, beschreibt sie Vorurteile und Konnotationen, die davon herrühren, dass österreichische Volkskunst in der Vergangenheit politisch instrumentalisiert und für Propagandazwecke missbraucht wurde.

Während einer Reise in Finnland habe die Choreografin für sich einen völligen neuen Zugang zu Brauchtum gefunden und sei auf Künstler: innen gestoßen, die traditionelle Volkskunst selbstverständlich und ungezwungen in ihre Arbeiten einbeziehen. „Seit ich mich mit dem Thema auseinandersetze, hat sich da sehr viel verändert.“, sagt Müller.
„Es ist essenziell, dass Leute eine andere Art der Tradition mit Offenheit leben, um sie nicht jenen zu überlassen, die diese für ihre Zwecke ausnutzen. Eigentlich sind Traditionen etwas, das sich mit der Gesellschaft mitbewegt, sich formt und neue Einflüsse aufnimmt.“
Auch die Stube wird auf der Bühne im Brux geschoben und getragen, zerteilt, im Raum verteilt und wieder zusammengebaut, wo sie „als Herzstück eines Tiroler Bauernhauses“ emotional an eine vergangene Zeit erinnert, die sich im Holz festgesetzt hat. Heimat sei etwas, das man in sich hat und trotzdem sucht, beschreibt Müller. Wie die Stube hat sie auch den Heimatbegriff für ihre Performance umgebaut und von Konnotationen befreit. Die Choreografin formt sich die Tradition tänzerisch zurecht, so dass sie Teil der eigenen Identität sein darf, denn „natürlich hat die Volkskultur was mit mir zu tun als Tirolerin“.

Die Tänzer:innen führen die inneren und äußeren Kämpfe der Erinnerung und der Zugehörigkeit, robben auf dem Boden, fallen rückwärts und verlieren sich in wiederholenden Bewegungen. Sie berühren das Holz wie eine Haut und ziehen es in ihre Bewegungsabläufe hinein, sodass sich Möbel und Körper in der Choreografie verbinden. Das Holz knarrt im Soundteppich und es knarrt auch in echt, wenn Kolbei auf den Wänden der Stube kopfüber die Balance hält.
„Auf einer körperlichen Ebene arbeiten wir ja viel mit Loops und Reibung. Ich glaube, dass wir immer als erstes in eine Wiederholung gehen, von dem, was wir schon kennen.“, beschreibt Müller.
„In dieses Kreisen wird dann aber eine persönliche Dynamik und Richtungsänderung hineingebracht. Die Reibung ist ganz stark notwendig, weil erst, wenn du dich an etwas wirklich reibst, kannst du dich auch darin verwurzeln. Die Oberflächen treffen sich und sie öffnen sich für einen tieferen Kontakt, einen Austausch eine Transformation – ich glaube, deswegen hat man ja auch mit den Menschen oder mit den Orten Konflikte, die einem persönlich wertvoll sind.“

Auf sensorische Weise lässt die Choreografin die Grenzen zwischen den Körpern und der Umgebung verschmelzen. Eine Stimme lacht. Die Orgel spielt. Die Tänzer:innen verwandeln sich in Teile des Inventars und gespenstisch beginnen die Möbel in surrealen Szenen ein Eigenleben zu entwickeln. Wenn die Akteur:innen in der Stille am Tisch sitzen, ist die Stube nur Mittel zum Zweck, um die Erinnerungen an eine Vergangenheit als Geister wieder hervorzuholen. Sie verweist auf einen inneren Ort, der sich losgelöst von Raum und Zeit mit anderen Eindrücken und Erinnerungen vermischt: „Man hat Sehnsucht nach Dingen, die es überhaupt nicht mehr so gibt oder noch nie so gegeben hat.“, sagt Müller.
| Sieglinde Wöhrer
