Über Grenzen schreiten – durch Literatur

Anna Rottensteiner, Leiterin des Literaturhaus am Inn, gibt Einblicke in ihr Dasein als „Grenzwandlerin“ – zwischen Nord- und Südtirol, aber auch zwischen dem deutschen und dem slawischen Kulturraum. Wir haben uns mit ihr über das Potenzial von Sprache und Literatur unterhalten, und darüber, was das Schreiben für sie persönlich bedeutet.

„Die Erinnerung fehlt mir, da ist eine weiße Fläche, wenn ich zurückdenke, und nicht nur Lücken, es ist, als ob die junge Frau und ich, die ich nun erzählen möchte, wie es denn kommen konnte, dass sie das verlor, was ich erst heute weiß, dass sie es hatte, als Personen nicht übereinstimmten, jedenfalls nicht, wenn ich von jetzt aus, von der Gegenwart des Erzählens, zurückblicke“

…liest uns Anna Rottensteiner, die neben ihrer beruflichen Tätigkeit als Literaturveranstalterin zuweilen auch selbst zur Schreibfeder greift, aus ihrem aktuellen Manuskript vor. Darin geht es um die Erinnerungen an ihre Zeit als Studentin im heutigen St. Petersburg, damals noch Leningrad, in der Sowjetunion. Den noch im Entstehen begriffenen Text bezeichnet die Autorin als Autofiktion. Mit dem Satz, wie es die französische Schriftstellerin Annie Ernaux in ihrem Roman Die Jahre (2008) beschreibt: „Etwas von der Zeit retten, in der man nie wieder sein wird“, vergleicht Rottensteiner ihre eigene Herangehensweise. Gewissermaßen als „Ethnologin ihrer selbst“ versucht sie, Erinnerungen auszugraben, Gedächtnislücken zu füllen oder festzustellen. Konkret geht sie dabei beispielsweise der Frage auf die Spur, wie sie sich damals als junge Studentin in Leningrad bewegte und kleidete: „Ich habe versucht, mich sehr unauffällig anzuziehen, das heißt, nicht zu westlich. Es war eine Bemühung, mich den Leuten auf den Straßen der damaligen Sowjetunion anzugleichen und nicht aufzufallen, denn das konnte zuweilen sehr unangenehm werden“, erinnert sich Anna Rottensteiner. Ausgrabungen dieser Art, aus den hintersten Ecken ihres Gedächtnisses, treten durch das intensive Sich-Zurückerinnern Stück für Stück wieder an die Oberfläche und werden folglich in den Text eingewebt. Trotz der vielen autobiografischen Bezüge kann sich die Autorin jedoch nicht zu hundert Prozent mit der Erzählerin ihres Textes identifizieren: „Beim Anspruch, ein publikationsfähiges Werk zu schaffen, ist immer eine Instanz dazwischengeschoben – und zwar durch die Sprache, durch den Willen zur Form“. Alles in allem geht es darum, die eigene Biografie in einen breiteren Zusammenhang zu setzen: „Ich weiß, es ist ein Teil von mir. Aber ich bin es nicht mehr – und trotzdem ist es die Basis von dem, was ich jetzt bin“.

Kindheit und Jugend in Südtirol, Studium der Slawistik und Germanistik in Innsbruck, Auslandsaufenthalte in Leningrad und Moskau – all diese Erfahrungen prägen das Leben von Anna Rottensteiner bis heute. So beschäftigt sich die „Grenzwandlerin“ zeitlebens mit der Frage nach der eigenen Identität. Zweisprachig aufgewachsen – mit dem Deutschen sowie dem Italienischen – ist sich die Autorin gewiss: „sich andere Sprachen und Kulturen anzueignen, ist der Schlüssel zu einem gegenseitigen, globalen Verständnis. Sprache ist, wo Verständnis und Nicht-Verstehen zusammenfließen. Wenn man die gegenseitige Sprache beherrscht, führt das dazu, dass man besser miteinander auskommt, und nicht nur nebeneinander herlebt. Davon bin ich tief überzeugt, weil ich es eben persönlich so erlebe“.

Als gebürtige Südtirolerin, nun Innsbruckerin, ist es für Anna Rottensteiner gar nicht so einfach, ihre Heimat zu definieren. „Dort wo ich bin, bin ich nie ganz, weil mir überall die jeweilig andere Sprache und Kultur fehlt, der ich mich ebenso verbunden fühle. Für mich bietet einzig Bozen jene bilinguale und bikulturelle Konstruktion, wo ich beides sein kann. Wenn ich in Innsbruck bin, fehlt mir das Italienische, aber ‚unterhalb‘ von Südtirol werde ich immer als Fremde wahrgenommen, obwohl ich ja eigentlich auch Italienerin bin“.

Das Potenzial der Literatur sieht Anna Rottensteiner in der Möglichkeit, Grenzen zu überschreiten, sich beim Lesen oder Schreiben die Positionen Anderer anzueignen und die Welt aus ihrer Perspektive zu sehen. „Da fängt Literatur auch an, politisch zu werden: Wenn man sich als Autor*in entscheidet, aus welcher Sicht man erzählt. Dasselbe gilt auch für das Veranstalten von Literatur: Wem gebe ich eine Stimme, wem gebe ich Öffentlichkeit?“.  Überlegungen dieser Art fließen bei Rottensteiner in ihre alltägliche Arbeit ein: vom Veranstaltungsprogramm des Literaturhauses, über die Annahme von Übersetzungsaufträgen und letztlich auch im eigenen Schreiben.

Über die Erinnerungen einer jungen Frau an ihre Zeit in Leningrad, dürfen wir gespannt sein! [Details zur Erscheinung geben wir bekannt, sobald wir darüber erfahren.]

BE

Dieser Beitrag ist im Rahmen der Lehrveranstaltung „Slawische Literaturen und Kulturen in Tirol“, geleitet von Andrea Zink, entstanden (WiSe 2020/21, Universität Innsbruck).

Links

Leseprobe „Andere Tage I“ aus dem Manuskript von Anna Rottensteiner
Blog „Grenzwandeln“
Literaturhaus am Inn
LiteraturTirol

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