ALL WHITE PEOPLE LOOK THE SAME TO ME – Reflexion & Reaktionen

Seit dem 9. Dezember ist die Projektion des Satzes ALL WHITE PEOPLE LOOK THE SAME TO ME auf dem Glaskubus vor dem Landestheater sowie auf einem der Fenster der Neuen Galerie Innsbruck in der Hofburg zu sehen. Die gleichnamige Arbeit von Ariel Efraim Ashbel ist Teil der von Petra Poelzl kuratierten Ausstellung Pleasure Activism, in welcher außerdem Arbeiten der Künstler:innen Cian Dayrit, Anne Duk Hee Jordan und Sophia Süßmilch gezeigt werden. Petra Poelzl ist seit Jänner 2020 Leiterin des Kunstpavillons und der Neuen Galerie der Tiroler Künstler:innenschaft. Wir haben sie online getroffen und uns mit ihr über die prominent platzierte künstlerische Arbeit von Ariel Efraim Ashbel unterhalten.

Bild: Johanna Hinterholzer

komplex: Seit etwa zwei Monaten ist die Projektion ALL WHITE PEOPLE LOOK THE SAME TO ME im öffentlichen Raum Innsbrucks zu sehen. Was kannst du uns über die Hintergründe dieser Arbeit erzählen?

Petra Poelzl: Hinter der Arbeit steckt der Künstler Ariel Efraim Ashbel. Der Wahlberliner arbeitet vornehmlich am Theater, wobei seine Arbeiten zwischen bildender und performativer, darstellender Kunst changieren. Sie haben eine sehr starke Bildsprache, beziehen aber unter anderem auch Tanz und Licht mit ein. Mit der Theaterproduktion ALL WHITE PEOPLE LOOK THE SAME TO ME feierte er 2013 sein Deutschland-Debüt am Hebbel am Ufer in Berlin. Er bezog sich mit der Arbeit unter anderem auf diverse Formen der Spektakel-Inszenierung – von Völkerschauen bis zum zeitgenössischen Dokumentationstheater.

Der Satz ALL WHITE PEOPLE LOOK THE SAME TO ME ist für Ariel so etwas wie ein Mantra oder ein Leitmotiv geworden, welches er mit einem großen Augenzwinkern versteht. Es ist vielleicht auch als ein Standpunkt, von welchem er aufgrund seiner eigenen Geschichte spricht bzw. sprechen könnte, zu betrachten und findet sich auch als Tattoo auf seinem Rücken wieder.  Als ich ihn fragte, ob er sich die Projektion im öffentlichen Raum vorstellen kann, war er sofort begeistert. Er dachte und produzierte die Arbeit in dieser Form für Innsbruck neu.

Die Videoinstallation ist aber auch Teil seiner Arbeit Phänomenologie des Verschwindens (2020), welche in der Neuen Galerie Innsbruck zu sehen ist. In dieser nimmt er auf die Phänomenologie des Geistes (1807) von Georg Wilhelm Friedrich Hegel, und hier auf das von ihm entworfene Konstrukt über Herrschaft und Knechtschaft, Bezug.

Wie kam die Idee zum Schriftzug auf dem Glaskubus – zwischen Hofburg und Landestheater?

Seitdem ich in Innsbruck bin, fasziniert mich dieser Glaskubus, welcher von Severin Sonnewend und seinem Verein rfd Insel bespielt wird. Es ist vor allem der Ort, an dem der Kubus steht, und der Spannungsbogen, den er aufmacht, also zwischen Hofburg und Landestheater. Da ergibt sich mit der Arbeit ein schöner dramaturgischer Bogen: Landestheater – ALL WHITE PEOPLE LOOK THE SAME TO ME – Hofburg.

Der Satz lässt sich so fast als Gegenmantra zur Geschichte, die in die beiden Gebäude eingeschrieben ist, lesen: Imperialismus, Kolonialgeschichte, White Supremacy und so weiter. Die Arbeit genau dort, auf diesem Platz zu projizieren, verstehe ich auch als aktivistisch-lustvollen Akt und deshalb ist er auch passend für die von mir kuratierte Ausstellung Pleasure Activism, welche mit den beiden Projektionen aus den Ausstellungsräumen der Neuen Galerie Innsbruck hinauswächst.

Was bedeutet Pleasure Activism?

Pleasure Activism ist ein Begriff, den adrienne maree brown mit ihrer gleichnamigen Publikation geprägt hat. Um vorherrschende Konstrukte von Macht und Ohnmacht aufzulösen, schlägt die Autorin vor, „pleasure“ – also Lust, in unseren sozialen Strukturen und somit in unserem täglichen Leben zu verankern, und somit einen neuen Standpunkt einzunehmen. So zeigt auch die Ausstellung künstlerische Arbeiten, die sich gesellschaftlichen und politischen Machtverhältnissen verweigern, vielgestaltige, lustvolle Bild- und Erzählwelten aufspannen und Störungen in etablierten Sicht- und Denkweisen erzeugen.

Leider war die Ausstellung aufgrund der anhaltenden Pandemie bisher erst für zwei Wochen zugänglich. Aber bald können wir wohl wieder öffnen. Da die Künstler:innen der Ausstellung nicht in Innsbruck leben und aufgrund der Covid-Situation nicht so einfach einreisen können, planen wir bereits Online-Talk-Formate für die kommenden Wochen.

Mit Ariel Efraim Ashbel hast du schon zuvor gearbeitet. Wie sieht eine Kollaboration zwischen euch aus?

Genau. Ich arbeite seit circa zwei Jahren mit ihm als Dramaturgin. Seine Projekte beginnen immer mit einer intensiven Recherche zu einem Themenfeld und stellen eine Art Bestandsaufnahme, den Versuch eines Rundumschlages dar, in dem verschiedene Meinungen, Blickwinkel oder Ideenkonstrukte zu einem Themenfeld recherchiert und diskutiert werden. Es wird versucht, ein möglichst breites Referenzsystem zu bauen, welches dann dem Rest des Teams, sprich Performer:innen, Musiker:innen, Techniker:innen usw. in einem mehrtägigen Seminar vorgestellt wird. So bedienen sich dann alle an derselben Schublade und setzen noch ihre eigenen Assoziationsketten drauf. Daraus entsteht ein vielfältiger, farbenfroher Strauß an Wissen, mit dem man in den Probenprozess geht. Als ich mit Ariel zum ersten Mal zusammenarbeitete – im Zuge von No Apocalypse Not Now (2019) – hat mich dieses Vorgehen fasziniert und ein Feuerwerk in meiner eigenen Gedankenwelt ausgelöst.

In der Arbeit, welche beim steirischen Herbst Premiere feierte und in Folge am Hebbel am Ufer in Berlin und am FFT Düsseldorf gezeigt wurde, ging es – wie unschwer am Titel zu erkennen ist – um die Apokalypse. Immer wieder lustig, dass wir uns so kurz vor der Pandemie damit beschäftigt haben. Right on point!

Gibt es schon neue Ideen und Projekte, an denen ihr beide derzeit arbeitet?

Wir arbeiten gerade an einem neuen Stück mit dem Arbeitstitel The Wrechted of the Moon. Angelehnt an Frantz Fanons The Wretched of the Earth von 1961, welche eine breit angelegte Analyse der Unabhängigkeitskämpfe in Afrika darstellt und auch als Manifest der Dekolonisation verstanden wird. Davon ausgehend schlägt die Recherche einen Bogen zur Kolonisation des Weltalls. Da spricht man natürlich auch über die gerade wieder so tagesaktuellen conspiracy theories, die es ja auch in Bezug auf die Mondlandung gibt – wie angenommen wird, dass diese etwa von Stanley Kubrick inszeniert worden sein konnte.

Die Aliens werden dann sagen „All People Look The Same To Me“.

Ja genau. (lacht). Super!

Welche Reaktionen erwartest bzw. wünscht du dir von Menschen, die am Kubus oder der Neuen Galerie Innsbruck vorbeigehen und die Projektion ganz ohne Kontext und Hintergrundwissen sehen?

Für mich ist der Satz ALL WHITE PEOPLE LOOK THE SAME TO ME eine Gegenposition zur eurozentristischen Weltsicht und soll zum Nachdenken über die Position, in der wir – also der weiße europäische Mensch – sich befindet, anregen. Aber auch darüber, wie wir überhaupt in diese Position gekommen sind. Think outside your box. Vielleicht öffnet sich im Vorbeigehen bei jemandem eine neue Gedankenwelt, die sich fernab von eingeschriebenen manifestierten Gedanken- und Handlungsmustern, befindet? Ich mag, was Du davor über die Aliens gesagt hast … eine andere Spezies, die auf dem Planet Erde landet, denkt sich vielleicht: „All people look the same to me“.

Petra Poelzl |Bild: Merav Maroody, 2019

Passant:innen über das Projekt:

Ich finde, es ist eine gute Idee. Besonders gefällt mir, dass etwas mit diesem Gebäude gemacht wird, weil es ja schon lange stillstand und nichts damit passiert ist. Und es findet zumindest ein bisschen Kunst draußen statt, wo wir ja sonst zurzeit keine Kunst genießen können.

– Manuela

Ich gehe hier täglich vorbei, habe mir aber nie wirklich Gedanken über den Schriftzug gemacht. Natürlich fällt mir Rassismus dazu ein, aber viel tiefer geht das bei mir nicht. Vielleicht bin ich aber auch einfach der falsche Ansprechpartner.

– Lukas

Ich finde es cool, weil es eine originelle Variante ist, eine Message unter die Leute zu bringen. Es springt einem gleich ins Auge, vor allem im Dunklen. Es regt zum Nachdenken an.

– Hannah

Es ist Rassismus geflippt. Aber ist halt dann auch wieder Rassismus. Aber ich finde die Message gut.

– Joe

Was heißt das auf Deutsch?Alle weißen Menschen sehen für mich gleich aus. – (überlegt) Nein, sie sehen nicht gleich aus. Jeder sieht anders aus und es hat jeder ein anderes Wesen und jeder ein anderes Auftreten. Also, nein.

– Veronika, Johanna

I am torn: the artwork itself is well placed (open field, lots of passersby) and contains shock-value, meaning many will see it and most likely react to it.  I understand the artwork, but I disagree with the message. Racism is not fought by enabling more racism, although I do concede that the artwork does a great job of making me think about the issue it tries to combat. But, I cannot agree with the message, white people, same as any other race, deserve not to be openly discriminated against. Just because something racist has been said by a white person does not give anyone the permission to openly display the same racism in a counter fashion.

– Anes (Cyberspace)

JH

Ein Gedanke zu “ALL WHITE PEOPLE LOOK THE SAME TO ME – Reflexion & Reaktionen

  1. Black Community Innsbruck schreibt:

    Wir, die Black Community Innsbruck (eine junge Vereinigung), finden die Installation super!

    Der Ort ist recht zentral und die Message ist so „provokant“ formuliert, dass sie unweigerlich jede*n zum Nachdenken anregt. Ich bin echt ein Fan davon.

    Nicht wenige Menschen meinen, Weiße werden durch die Installation diskriminiert. Aber das ist Blödsinn!

    Es ist generell interssant, wenn man*Frau mit weißen Menschen über Rassismus spricht, stößt man oft auf Ignoranz, dass es kaum auszuhalten ist.

    Wir würden uns wünschen, dass Menschen wahrnehmen, dass Schwarze und PoC seit Jahrhunderten und bis heute andauernden Erniedrigungen ausgesetzt sind. Und diese Installation darauf aufmerksam macht, dass plötzlich nicht mehr weiße Menschen andere definieren, sondern umgekehrt.

    Gefällt 1 Person

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