EINE HEIMSUCHUNG AUS DER ZUKUNFT – Gespräch mit Künstlerin & Kuratorin

Am 19.2. feierte die Ausstellung EINE HEIMSUCHUNG AUS DER ZUKUNFT im Kunstraum Innsbruck ihre Eröffnung. Die Künstlerin Nina Hoechtl und die Kuratorin Ivana Marjanović nehmen die Besucher:innen mit auf eine Reise in die Zukunft mit Blick auf die Vergangenheit. Wir haben die beiden im Cyberspace zu einem Gespräch getroffen.

Ivana Marjanović u. Nina Hoechtl | Bild: Martin Kink

Ivana Marjanović: Ich will damit beginnen, Nina Hoechtl vorzustellen. Nina kam in Stockerau in Niederösterreich zur Welt. Sie studierte an der Universität für angewandte Kunst in Wien und am Piet Zwart Institut in Rotterdam, promovierte an der Goldsmiths University of London und forschte als Postdoktorandin am Institut für Ästhetische Forschung, UNAM (Mexiko). Seit 15 Jahren arbeitet sie in Wien und Mexiko City. Sie beschäftigt sich mit der Vergangenheit und deren Auswirkungen auf die Gegenwart. Gleichzeitig spielt sie mit Zukunftsperspektiven und wandelt so zwischen den Zeiten.

Nina Hoechtl: Ich würde noch gerne hinzufügen, dass ich mich wahnsinnig gerne in Archiven aufhalte. Ich liebe es, alte Materialen durchzuforsten und bin in dieser Hinsicht ein Nerd. Das spiegelt sich auch in meinen Arbeiten wider. Die Covid-Krise macht es natürlich schwieriger, in Archive zu gehen.  Vieles gibt es zwar digital, was toll ist. Trotzdem ist es etwas anderes, wenn die Materialität fehlt.

Von Mexiko nach Innsbruck – wie entstand die Zusammenarbeit zwischen euch beiden?

Ivana: Ich kenne Nina seit Ende 2000. Damals hatte sie eine Residency in Belgrad. Seitdem haben wir uns immer wieder getroffen auch dadurch, dass wir beide Mitgliederinnen der VBKÖ (Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs) sind.
Nina hat sich dann bei mir auf einen Newsletter, den ich ausgeschickt habe, gemeldet. So haben wir begonnen, über eine mögliche Zusammenarbeit zu sprechen. Später habe ich erfahren, dass die Künstlerin meiner ersten Ausstellung im Kunstraum (und bis vor kurzem Mitglied bei INVASORIX), Naomi Rincón Gallardo*, eine sehr gute Freundin von Nina ist. Die beiden Künstlerinnen präsentieren nicht-europäische Perspektiven aus sehr unterschiedlichen Standpunkten heraus. Nina und Naomi sprechen ähnliche Themen an, es entsteht also eine gewisse Kontinuität der Ausstellungen, was ich spannend finde.

Nina: Es gibt eben Netzwerke und Austausch in der Kunstwelt, und Freundschaften spielen dabei eine wichtige Rolle. Ich finde es wichtig, dass diese Verbindungen transparent gehalten werden. Denn gerade feministische Netzwerke, in denen wir uns gegenseitig unterstützen und füreinander da sein können, sind sehr wichtig.

Ein zentrales Werk der Ausstellung ist der Film Delirio Güero | Weißer Wahn. Wovon handelt er?

Ivana: Delirio Güero ist eine fiktive TV-Geschichtsshow, die sich im 23. Jahrhundert abspielt. Die Moderatorin erzählt von der imperial-kolonialen Geschichte der Habsburger in Mexiko und ihren Auswirkungen.

Nina: Die Erzählerin wird dabei von einem Geist heimgesucht. Der macht auf blinde Flecken und Fakten aufmerksam, die sie absichtlich oder unabsichtlich nicht erwähnt. Er macht sich lustig über sie. Auch ich selber, in meiner Rolle als Künstlerin, die in Mexiko lebt, komme als Figur im Film vor.

Die Nachrichtensprecherin berichtet auch vom Innsbrucker Toni Mayer.

Nina: Genau. Im Zuge der Recherche habe ich von meiner Tante erfahren, dass mein Ururgroßonkel damals im 19. Jahrhundert mit dem Habsburger Maximilian I. nach Mexiko gegangen ist. Nachdem Maximilian erschossen wurde, ist er dort geblieben und war Manager einer Hacienda (Farm), wo Ixtle, eine Kaktusfaser, angebaut wurde. Er exportierte die Textile nach Europa, vor allem nach England, wo sie vor allem für Seile und Korsetts verwendet wurde. In der Ausstellung habe ich Ixtle in verschiedensten Formen integriert.

Ivana: Für Nina war Toni Mayer gar nicht so zentral, aber ich fand es sehr interessant, weil er die Ausstellung in einen lokalen Kontext setzt. Ich glaube, dass man den sehr komplexen Film so greifbarer für die Besucher:innen machen kann. Auch die Textilarbeiten, die Nina extra für diese Ausstellung angefertigt hat, finde ich sehr bereichernd, weil ich weiß, dass das Kunstraum-Publikum auch die ästhetische Seite der Kunst sehr schätzt.

Nina: Als ich gesehen habe, wie groß der Kunstraum ist und dass sich die Besucher:innen hier mit viel Platz im Raum bewegen können, habe ich die Sphäre mit den Textilien geschaffen. Angefertigt wurden die Objekte von Textere, einer Weberinnen Gruppe aus Mexiko City sowie von Nabil Yanai Salazar Sánchez, die, so wie ich, Teil des Kollektivs INVASORIX ist. Bei Textere ist das Material so gut angekommen, dass sie es gleich in ihr Sortiment aufgenommen haben. Sie machen daraus jetzt Vorhänge, weil Ixtle sehr gut isoliert. Die Naturfaser wäre auch in vielen Bereichen eine gute Alternative zu Plastik, weil sie sehr reißfest ist und erst bei 200 Grad brennt.

Wie sieht in eurem Fall die Zusammenarbeit zwischen Künstlerin und Kuratorin aus?

Ivana: Nina hatte sehr klare Ideen, welche Arbeiten sie gerne präsentieren würde und das habe ich respektiert. Ich habe mir also eher darüber Gedanken gemacht, wie diese Werke am besten gezeigt werden können. So habe ich zum Beispiel vorgeschlagen, die Story mit Toni Mayer im Pressetext zu erwähnen, weil ich glaube, dass der lokale Bezug die Ausstellung zugänglicher für unser Publikum macht.

Nina: Wir haben uns oft online getroffen und viel geredet. Für mich ist die Kollaboration mit Kurator:innen sehr spannend und bereichernd. Die Werke gibt es ja schon, aber durch den Austausch tun sich ganz neue Kontexte auf, wie in diesem Fall der lokale Bezug durch Toni Mayer. Wenn ich den Film in Mexiko präsentiere, wird Mayer wahrscheinlich keine so zentrale Figur sein. Ich glaube auch, dass ich dadurch, dass ich selbst Ausstellungen kuratiere, einen anderen Zugang zu dieser Zusammenarbeit habe, als andere Künstler:innen.

Ivana: Dass die Kollaboration mit Nina so angenehm war, liegt sicher auch daran, dass sie nicht nur als Solokünstlerin, sondern auch in Kollektiven arbeitet. In der Ausstellung zeigen wir neben Werken von Nina auch Werke der Kollektive Sekretariat für Geister Archivpolitik und Lücken (SKGAL) und Invasorix.

Nina, wie erlebst du die Corona-Krise als Künstlerin in Mexiko?

Nina: Ich unterrichte, was auch auf Distanz möglich ist und habe deshalb diese Einnahmequelle nicht verloren. Da habe ich im Verhältnis zu vielen anderen schon sehr viel Glück. Trotzdem ist alles viel anstrengender. Auch hierher zu kommen war nicht einfach und hat viel Planung in Anspruch genommen.
Die aktuelle Situation in Mexiko ist schwierig. Die Spitäler sind überfüllt, es gibt zu wenige Impfstoffe und bei öffentlichen Verkehrsmittel und Supermärkten steht man lange an. Auch die Gewalt zu Hause, vor allem an Frauen* hat zugenommen. 
In meiner Zeichnung Covid-XIX Orden global patógeno / Covid-19 Pathogenische globale Ordnung, die ebenfalls im Kunstraum ausgestellt ist, gehe ich künstlerisch auf die Pandemie ein.

Liebe Ivana, liebe Nina, herzlichen Dank für das Gespräch!

Die Ausstellung „Eine Heimsuchung aus der Zukunft“ ist noch bis 10.04.2021 im Kunstraum Innsbruck zu sehen.

| Johanna Hinterholzer

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