Mit Lyrik und Kunst neue Welten erschaffen: nackte gedichte

nackte gedichte: Hinter diesem Titel verbirgt sich eine feinfühlige und bildgewaltige Reise durch Liebe und Trauer, Sinnlichkeit und Abschied. Die Autorin Rebecca Heinrich legt damit in Zusammenarbeit mit den Illustratorinnen Julia Kössler und Martina Frötscher ihren zweiten Lyrikband vor. Die Künstlerinnen schaffen es ein Stückchen mehr, die Lyrik aus dem angestaubten Elfenbeinturm auf den Boden zu holen. Mit einer direkten, unmittelbaren Sprache und sanften, sinnlichen Zeichnungen verbinden sie Gelesenes und Gelebtes und liefern uns damit ein kleines Gesamtkunstwerk.

Julia Kössler, Rebecca Heinrich, Martina Frötscher | Foto: Dino Bossnini

In nackte Gedichte klingen wohlgeformte Worte, locken süße Versprechen, schmeckt die Enttäuschung bitter im Mund. In den 5 Teilen „entferne mich in deinem hall“, „sei du mir meine erste jahreszeit“, „die königin fließt zu mir“, „wir liefen vom laufen davon“ und „meine heimat, dein text“ spannt Rebecca Heinrich ein weites thematisches Feld, deren Dreh- und Angelpunkt das Lieben und Loslassen sind. Manchmal wehmütig, manchmal sehnsüchtig, mal verliebt, mal verloren. Die Bilder aus den Texten werden erweitert und neu gedacht durch die Illustrationen, die sich von klaren Motiven über Kleckse und Farbflächen erstrecken. Teils halten sie sich im Hintergrund, anderswo prangen sie und nehmen die Leser:innen ganz ein. Dadurch entsteht ein mehrdeutiges Gebilde, in denen Bilder aufflackern von Königinnen, Muscheln und Wein, Sonne und Untergang, Regen und Wasserfall, Küssen und Zucker.

Der Gedichtband lädt dazu ein, sich mit der Materialität, Struktur und nicht zuletzt dem Zusammenspiel der verschiedenen Kunstformen auseinanderzusetzen: die Anordnung der Buchstaben, die Umbrüche zwischen Zeilen, die Setzung von Absätzen und Einzügen. Welches Motiv steht im Vordergrund? Wie verändert sich die Lesart durch die Hervorhebung der Bilder durch die Illustrationen? Es ist eine sehr produktive Verknüpfung, die hier passiert.

Die Nacktheit des Buchtitels versteckt sich nicht: Berührungen und Verlangen sprechen aus den Texten. Körper, die unter die Decke schlüpfen. Füße, die barfuß ertasten. Die ineinander zerfließenden Farben unterstützen den Eindruck einer Entwicklung, die in den Gedichten durchgemacht wird. Es geht in gewisser Weise auch um eine Ich-Findung, die aus den Texten klingt und von den Leser:innen durchschreitet werden kann. Häufig funktioniert das in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, mit dem, was war, und dem Danach, das jetzt ist.

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im juni dran denken

der sturm spült die erinnerungen

zwischen rostige stäbe,

unter hitzige deckel.

wenn ich stein

auf stein schichte,

im platzregen,

dann denke ich nicht

zurück, ich

perle in rotem

glück, schließe

die augen und

trinke deine stirn

mit gezuckerten lippen.

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(aus: nackte gedichte, S. 33)

Dabei nutzt die Autorin jegliche Spielformen der Lyrik. Es gibt keine handelnde Person, keine Einschränkung außer das Zeilenende. Das lyrische Ich kann alles und nichts sein, jede Form annehmen. Zeit und Raum sind frei. Wiederum in Kombination entsteht dadurch ein sehr unmittelbarer und spürbarer Effekt, der die Leser:innen alles nachfühlen lässt und sie in eigene Erinnerungen und Sehnsüchte katapultiert.

Die Gedichte haben dabei ganz unterschiedliche Charakterzüge, bedienen sich unterschiedlicher Stile und Mittel, um das Auszudrückende greifbar zu machen. Damit verdeutlichen sie den Prozess, in dem sie entstanden sind: die insgesamt sieben Jahre Schreibarbeit, die sie umspannen. Wo manchmal noch bei einem Wort nachgeschärft werden könnte, donnert anderswo das Geschriebene direkt in jede Körperfaser.

nackte gedichte will nicht anecken. Es will beflügeln und auf eine Reise mitnehmen. Es ist eine hochemotionale Sammlung von Gedichten, die mit Illustrationen und Typographie neu komponiert wurden: auseinandergepflückt und zusammengefügt, untermalt und verziert – am Ende entsteht ein immer wieder neuer Gesamteindruck, der sich mit jedem Mal neu lesen lässt und immer noch etwas zu entdecken bietet.

Rebecca Heinrich, Julia Kössler, Martina Frötscher – nackte gedichte (Edition BAES, 2020)

Über das Zusammenwirken von Buchstaben und Bildern: Im Gespräch mit Rebecca Heinrich

Das Autor:innengespräch anno 2021: es knackt, es funkt, es stockt, es hängt sich auf. Per Videochat haben wir uns mit Rebecca Heinrich, die derzeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Freiburg forscht, über ihren Lyrikband unterhalten. Sie gewährte uns einen kleinen Einblick in den Schaffensprozess, der in dieses Buch gemündet ist. Und hat uns erzählt, wie sich Texte und Bilder intermedial verschränken können und warum wir alle immer ein bisschen mehr Lyrik gebrauchen können.

Liebe Rebecca, erzähl mal: Wie ist es zu der Kollaboration von dreiundzwanzigminuseins gekommen? Warum habt ihr euch entschlossen, einen Lyrikband zu veröffentlichen?

Wir drei sind schon lange befreundet und haben immer schon ganz viel gemeinsam gemacht. 2017 hat sich im Gespräch mit der Vereinsleitung des kooio (forum für kunst und kommunikation) die Gelegenheit für uns ergeben, eine Ausstellung zu organisieren. Wir haben uns gedacht: Cool, dann machen wir das Ganze jetzt offiziell. Wir haben uns dreiundzwanzigminuseins genannt, einfach aus dem pragmatischen Grund, weil die beiden 23 Jahre alt waren und ich 22. Die Ausstellung fand dann unter dem gleichen Namen statt, zeigte Texte und Bilder von uns, die im Laufe der Jahre entstanden sind und fand recht großen Anklang. Wir haben gleich beschlossen, eine zweite Vernissage zu veranstalten. „Mittsommernachtsaffären“ folgte dann 2018 und war so gut besucht, dass die Leute sogar bis auf die Straße hinaus angestanden sind. Es kamen Gäste aus unterschiedlichen Ländern, wir haben viele Leute kennengelernt. Diese Erfahrung hat uns beflügelt und es hat sich auch einiges daraus ergeben. Und so ist auch die Idee entstanden, das Ganze in Buchform zu packen. Martina hat schon öfters meine Gedichte gesetzt, wir sind häufig zusammengesessen und haben überlegt, wie wir die Worte in Zeilenform bringen können. Julia hat bereits das Cover für meinen ersten Gedichtband, aus gegebenem anlass, gezeichnet. Die beiden haben also schon lange Einblick in meine Texte. Es hat sich also alles ganz natürlich zusammengefügt.

Wie habt ihr an dem Buch gearbeitet? Wie können wir uns den Schaffensprozess vorstellen?

Zunächst haben wir meine Gedichtsammlung der letzten Jahre durchforstet. Wir haben fast 3 Monate damit verbracht, uns die Texte anzuschauen, sie durchzugehen, uns zu fragen: Welche Bilder werden evoziert? Was kommt wieder und wieder? Welche Farben sind enthalten, welche Themen werden aufgerufen? Als Beispiel: Wir haben dann erkannt, dass in vielen meiner Gedichte Wege vorkommen. Nachdem wir die Großauswahl festgelegt hatten, haben wir diese Gedichte ausgedruckt und auf den Boden gelegt. Wir haben verschoben und kombiniert, ergänzt und verworfen. Und letztendlich die Gedichte angeordnet, indem wir geschaut haben, welche Zusammenhänge und Narrative drinstecken. Dabei haben wir auch das Farbkonzept entwickelt, das das Buch durchzieht: von einem fleckigen Schwarz über ein Königsblau bis hin zu einem leuchtenden Purpurrot. Damit zeichnen die Farben auch die Themen der fünf Zyklen des Buches mit.

Welche Themen finden sich in dem Lyrikband und wie greifen sie ineinander? Wie würdest du die Gesamtkomposition beschreiben?

Die fünf Teile, oder eben Zyklen, des Buches verlaufen in einer bestimmten Entwicklung. Sie tragen Titel, die aus Versen der jeweils zugehörigen Gedichte stammen. Am Anfang steht die Krise, dann kommt der Neubeginn. Dazwischen stehen Erotik, Trauer, und am Ende passiert die Öffnung hin zu etwas Beständigem, zu etwas Erreichtem. Zum Schluss bleibt etwas, das man im Licht der Liebe denken kann. Die Themen und Zyklen greifen auch ineinander, fließen in einander über. Keiner ist umsonst, am Ende hat man wieder etwas Neues vor sich. Und das können wir ja auch im Leben entdecken: Es muss erst etwas abreißen oder kaputtgehen, damit wieder etwas Neues entstehen kann. Und so bezeichnet die Veröffentlichung dieses Gedichtbands auch ein gewisses Ende. Es beschließt die Schreibphase – in dem Fall also die 7 Jahre, die darin stecken. Das älteste Gedicht stammt aus dem Jahr 2014, das aktuellste habe ich letztes Jahr geschrieben. Das Buch wandert somit diese 7 Jahre Schaffensprozess ab und klappt den Deckel darüber zu.

Du bist ja vor allem als Slam-Poetin bekannt. Wie kam es dazu, dass du dich der Lyrik zugewandt hast? Was ist für dich der Reiz an der Lyrik?

Die verstärkte Beschäftigung mit Lyrik ist sicherlich meiner Zusammenarbeit mit der Innsbrucker Lyrikerin Siljarosa Schletterer geschuldet. Gemeinsam haben wir letztes Jahr die erste und einzige Lyrik-Lesebühne in Innsbruck gegründet. Ich habe mich immer schon für Lyrik und lyrische Slam-Poetry interessiert und es hat mir immer schon total viel Spaß gemacht, mich damit auseinanderzusetzen. Ich habe mich auch immer weiter damit beschäftigt, warum mit Lyrik ein solches Ressentiment verbunden ist. Man verbindet sie mit etwas Schwerem, Schwierigem, Unbelebten. Das habe ich noch nie nachvollziehen können. Gerade das Ambigue, Ambivalente an der Lyrik ist für mich so reizvoll. Und auch die Kunst, einen großen Zusammenhang in Kleinstform zu bringen. Für jedes Gedicht gibt es so viele unterschiedliche Lesarten. In der Prosa ist alles viel festgeschriebener, es gibt nicht so viele Richtungen, in die man sich ausbreiten kann. Man ist immer in einer Geschichte verwickelt. In der Lyrik fällt die Handlung weg. Damit kann auch das Geschlecht wegfallen, und der Körper. Lyrik ist immer eine unmittelbare Erfahrung.

Wie wirken die Texte, Illustrationen und der Satz in nackte Gedichte miteinander, gegeneinander. Inwiefern erschließen sie sich zu etwas Neuem?

Zunächst: Ohne unser Zusammenspiel gäbe es den Lyrikband gar nicht. Er war von Anfang an ein durch und durch intermediales Projekt. Das Gedicht „chroniken einer nacht“ gäbe es zum Beispiel in der Form gar nicht, ich habe das per Hand geschrieben und dann gleich Martina gefragt, wie man das setzen könnte, dass es rhythmisch Sinn ergibt. Die unterschiedlichen Kunstarten ergänzen sich also gegenseitig und können sich gegenseitig ganz viel geben. Die Typographie kann das sichtbar machen, was man mit dem Schreiben ausdrücken möchte. Gleichzeitig ist die Lyrik das Futter für die Typographie. Dann ist es ja so, dass die Lyrik per se bildlich ist, und mit Zeichnungen und Illustrationen noch einmal ganz neue Bilder hervorgerufen oder ins Licht gerückt werden können. Und das ist das unglaublich Produktive, das Schöne daran. Es entsteht etwas Drittes. Die hohe Messlatte ist es dabei ja, dass die Komposition stimmig ist und die Elemente miteinander in Dialog treten. Es bringt nichts, einfach nur einen Text dastehen zu haben, und ein Bild daneben. Die Visualisierung alleine schafft nichts, es muss sich etwas tun dazwischen. Unser Projekt ist gelungen, wenn sich dieses Zusammenspiel auch auf die Leser:innen überträgt. Wenn sie eben nicht denken: Das ist ein Text mit Bild daneben. Sondern wenn das lebendig ist, wenn man das spürt.

| Julia Zachenhofer

„nackte gedichte“ ist in der Edition BAES erschienen: Link zum Buch

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