Digital Déjà-vu – Bilder einer Zwischenzeit

Bevor morgen die Türen der einen oder anderen Räumlichkeiten wieder schrittweise für Besucher:innen geöffnet werden, gibt uns der Fotograf Florian Scheible Einblicke in seine Fotoserie Digital Déjà-vu : Zwischen Jetzt & Dann. Zwischen Analog & Digital. Hologramme in eine andere Zeit. Für diese hat er leerstehende Innsbrucker Kulturorte aufgesucht, um sie mittels Fototechnik kurzzeitig virtuell zu bespielen.

Wir haben mit dem 29-Jährigen über die Idee und die Technik dahinter gesprochen – und dabei auch erfahren, wie es sich so alleine in den sonst prall gefüllten Räumen und Stadien angefühlt hat.

„Der Raum ist ein Ort, mit dem man etwas macht“, schrieb einst Michel De Certeau – und will damit sagen: Das ganze Potenzial von Räumen liegt darin, dass sie genutzt werden, verändert werden. Erst durch soziale Handlungen mutieren statische Orte zu dynamischen Räumen. Lebhafte, wandelbare Räume der Kultur, wie wir sie kennen, haben sich in Zeiten der Pandemie zu starren Gebilden, in denen eben gar nichts mehr passiert, zurückverwandelt – und vermitteln ein Gefühl von Löchern in der Zeit: Was für ungeschriebene Geschichten hätten sich dort in all den Stunden zugetragen? Was für Begegnungen hätten stattgefunden? Welches Potenzial wäre darin gelegen? Und wohin hätte es geführt? – Wir wissen es nicht und werden es nicht erfahren.

Florian Scheible hat sich in den vergangenen Monaten in ein paar dieser leeren Räumlichkeiten begeben, die er sonst vermutlich nie aus einer solchen Perspektive gesehen hätte, und hat den Stillstand fotografisch dokumentiert. „Im Kinosaal musste ich mich schon Mal für eine Weile auf einen Sessel sitzen, nur um das Gefühl kurz wieder zu bekommen, wie sich Kino anfühlt.“, schildert er. Aber auch im Treibhaus, das er sonst nur aus der Publikumsperspektive kennt, weiß er nun, wie es ist – wenn auch ohne Zuschauer:innen – auf der Bühne zu stehen.

DrumSolo – Treibhaus | Bild: Florian Scheible

Doch ihm ist es mit diesem Projekt nicht nur daran gelegen, verwaiste Orte zu fotografieren. Um das ehemalige Geschehen sichtbar zu machen, hat er dieses vor Ort durch Langzeitbelichtungen und Lightpainting wieder in die Räume hineinprojiziert. „Durch die Projektion der Hologramme in die leeren Locations wird das Digitale ins Analoge gebracht – es stellt das Narrativ des letzten Jahres  geradezu auf den Kopf. Erlebten wir durch etliche Video-Konferenzen und Streamings die Inhalierung des Analogen hinein ins Digitale, so wird hier das digitale Hologramm in die analoge Welt hineinversetzt – als Erinnerung an das, was war und als Vorbote für das, was vielleicht bald wieder sein mag – ein Digital Déjà-vu“.  Belebt werden die Räume durch diese Technik aber nicht wirklich, vielmehr wird die etwas unheimliche Atmosphäre vernehmbar, die die Kombination von sozialer Isolation, virtueller Realität und menschenleerer Orte evoziert.

„Dem Ganzen ging die Überlegung voran, wie man das jetzige gesellschaftliche Leben in der Pandemie mit der Technik des Lightpainting verbinden kann. Gleichzeitig haben mich die leerstehenden Kultur-Räume fasziniert, von denen es allerdings schon genug Fotografien gab. So habe ich beides miteinander kombiniert“. An der Technik hat der studierte Mechatroniker selbst gebastelt. Eingebaut sind ein Mikrocontroller, eine SD-Karte mit den projizierten Bildern und LEDs, die je nach Projektion mit unterschiedlicher Farbintensität leuchten. Ziel war es, die digital bearbeiteten Abbildungen von Menschen durch das Lightpainting in den analogen Raum zu holen. Dabei war es eine Herausforderung, die richtigen Perspektiven und Proportionen zu finden, was man teilweise auch noch an den Fotos sehen kann. Das allerdings passt dem Fotografen gut ins Konzept: „Dadurch wird klar, dass dieser digitalen Injektion Grenzen gesetzt sind: nämlich Zwischenmenschliches, welches sich nicht kompensieren lässt“.

Wie die COVID-Situation seine Fotografie beeinflusste lässt sich auch am Portfolio ablesen, das Florian Scheible auf seiner Website präsentiert. Aus den Reisereportagen quer durch die Welt oder Event- und Sportfotografie sind im vergangene Jahr Projekte wie Covid.ME : Reportage einer Selbstisolation entstanden. 

Aber auch zukünftig möchte sich Florian Scheible in seiner Fotografie weiter gesellschaftlichen Themen widmen. „Mich interessieren zurzeit vor allem Fragen wie jene nach der Stellung Europas in der Welt – was auch in der Reportage zum Wochenende für Moria behandelt wird. Die Kombination von Fotoreportage und Kunstform hat meiner Meinung nach Potenzial, gesellschaftliches Leben in einer anderen Form zu dokumentieren und auf Missstände aufmerksam zu machen“.

| Brigit Egger

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