[LITERATUR]Betrieb unter vier Augen: Im Gespräch mit SILJAROSA SCHLETTERER

Sie ist Lyrikerin, Kulturvermittlerin und wurde mit dem Großen Literaturstipendium des Landes Tirol für 2021 und 2022 ausgezeichnet: Siljarosa Schletterer überzeugte mit ihrem Lyrik-Projekt azur ton nähe, das im kommenden Frühjahr im Limbus Verlag erscheinen wird. Mit komplex hat die Künstlerin über Bildung, ihre literarischen Anfänge sowie die gesellschaftliche Bedeutung von Lyrik gesprochen.

Siljarosa Schletterer | Bild: Christina Vettorazzi

Die Sonne ist hinter den Wolken verschwunden, als Siljarosa Schletterer vor dem Haus der Begegnung wartet. Ihre Haarspitzen kringeln sich in einem verspielten Blau, das sich in ihren Augen spiegelt. Auf die Frage, ob es einen Ort in der Nähe gebe, wo sie gern arbeite, macht sie sich auf den Weg zum Inn. An genau dieser speziellen Stelle habe sie schon viel Zeit verbracht, denn sie „sei schon immer sehr flussnah gewesen“, erzählt die Lyrikerin. Wenn sie während ihres Studiums der Musik- und Literaturwissenschaft Zeit für sich brauchte, sei sie dorthin gegangen. Heute scheint dies wieder ihr Ruheort zu sein. Auch die neue Wohnung ist ganz in der Nähe. Doch hat sich ansonsten viel verändert.

Seit drei Jahren arbeitet die Lyrikerin und Literaturvermittlerin mittlerweile schon an ihrem Projekt azur ton nähe für das sie auch das Große Literaturstipendium erhielt. Das verbindende Glied, das den Text thematisch rahmt, ist der Bezug zu den Gewässern. „Ich schreibe ganz oft an Flüssen und Bächen. Irgendwann ist es mir dann in den Sinn gekommen, dass ich diesen etwas zurückgeben möchte“, erklärt die gebürtige Innsbruckerin. Die Gewässer seien schließlich gewissermaßen Co-Autorinnen. So begann die Suche nach den Flüssen und deren Namen. Einige stellten tatsächlich eine große Herausforderung dar, denn wenn die Lyrikerin Menschen auf die Gewässer ansprach, wussten viele nur, dass „da etwas den Berg hinab fließt“. Schlussendlich mussten zahlreiche Namen mithilfe von Archiven und Ämtern eruiert werden. Der Austausch war allerdings ein erfrischendes Erlebnis, denn beim Schreiben komme dieser eher selten zustande, so die Lyrikerin.

Dass es sich bei den erwähnten Flüssen nicht nur um Tiroler Gewässer handelt, passt auch zur Biografie von Siljarosa Schletterer. Drei Monate nach ihrer Geburt hat ihre Familie Innsbruck verlassen und war ins Lechtal und anschließend nach Salzburg sowie in die Schweiz gezogen. Bereits in ihrer Kindheit und Jugend lernte sie so viele verschiedene Orte kennen. Eine Erfahrung, die sie im Gegensatz zu anderen Kindern erst spät machte, war der Schulbesuch, denn ihre Mutter unterrichtete sie in ihrer eigenen Kindertagesstätte. Sie war Volksschullehrerin und begann in Salzburg dieses Bildungskonzept umzusetzen. In der Schweiz führten sie dies weiter, weil es sich auch mit dem Lebensstil der Schletterers vereinen ließ. „Wir hatten Schlittenhunde und waren somit viel draußen im Schnee. Das wäre mit den klassischen Schulzeiten nicht möglich gewesen“, erinnert sich die Autorin heute. Mit einem Blick auf den Inn erzählt sie auch, dass sie dort, im Rhein, Schwimmen gelernt hatte. „Vielleicht habe ich auch deshalb den starken Bezug zu Flüssen“, meint sie schmunzelnd.

am Inn | Bild: Christina Vettorazzi

Doch so idyllisch dieses Leben auch klingen mag: Der Lernstoff blieb ihr natürlich nicht erspart. Am Jahresende musste sie immer eine Prüfung über die Inhalte ablegen. So konnte sie – wieder zurück in Tirol – in die Abendschule einsteigen und dort die Matura im Fernstudium ablegen. An zwei Tagen pro Woche war sie deshalb am Unterricht beteiligt. Die restliche Zeit lernte sie allein. Diese Freiheiten, die sie im Rahmen ihrer Bildungslaufbahn hatte, ermöglichten es Siljarosa Schletterer ihr Wissen in manchen Bereichen zu vertiefen und zu lernen, wie man selbstständig arbeitet. Zudem hatte die Musik immer einen großen Stellenwert in ihrem Leben. Ihre gesamte Familie sei sehr musikalisch und so entschied sich Siljarosa Schletterer ein Instrument zu lernen, das ihre Eltern nicht spielen konnten. Es war die Geige und genau diese hat auch dazu beigetragen, dass das Schreiben für die damals 18-Jährige einen so großen Stellenwert erhalten konnte.

Die Lyrikerin hält kurz inne, bevor sie weitererzählt. In diesem Moment ist nur das Rauschen des Flusses und das Rascheln des Herbstlaubs zu hören. „Ich habe mich mit einem anderen Musiker angefreundet, der meine Gedichte lesen wollte“, erinnert sie sich. Anfangs war sie schüchtern, doch dann wagte sie diesen Schritt und zeigte ihm eines ihrer Gedichte. „Er meinte, ich solle unbedingt weitermachen“, sagt sie und fügt hinzu:

„Und allein weil ich wusste, dass es einen Menschen gibt, der meine Texte lesen will, habe ich weitergeschrieben.“

Die Leidenschaft, die sich daraus entwickelte, ist mittlerweile ins Unermessliche gewachsen, was sich auch daran zeigt, dass die Lyrikerin nicht nur ihren eigenen Werken Raum bietet, sondern sich allgemein für die Kunstform einsetzt. Auch nach der Pandemie, denn gerade der Einsatz der digitalen Medien erschließe seither vollkommen neue Publikumskreise. Durch Instagram und TikTok könne Lyrik den unterschiedlichsten Personen nähergebracht werden und das sei eine tolle neue Entwicklung, die auch nach der Krise weiterhin verfolgt werden sollte, so die Kulturvermittlerin. „Ich verstehe es vollkommen, wenn manche Menschen einfach vergessen wollen, dass die Pandemie existiert hat, aber ich glaube nicht, dass das der richtige Weg ist“, erklärt Siljarosa Schletterer. Sie sei nicht für ein Entweder-oder, sondern für ein Sowohl-als-auch – also eine Kombination von analogen und digitalen Medien in der Literaturvermittlung.

Mit einem Blick auf die vor ihr platzierten und zeitlich doch zurückliegenden Werke – „Kunst als gesellschaftskritisches Medium“, publiziert im transcript Verlag und „Menschen und Momente“, erschienen im Tiroler Limbus Verlag – beginnt sie erneut über azur ton nähe zu sprechen. Schließlich werde auch dieses Werk im Limbus Verlag publiziert und die Vorbereitungen laufen bereits auf Hochtouren. Sie blättert durch das Skript, in dem sich zahlreiche graue Anmerkungen erkennen lassen. Viel Arbeit steht demnach noch bevor. Unter anderem müsse der ursprüngliche Band auch gekürzt werden – um ein Drittel der aktuellen Länge. Doch freut sich Siljarosa Schletterer sehr über die Zusammenarbeit mit der „Limbus-Familie“. Inspirierende Persönlichkeiten wie Erika Wimmer-Mazohl und Katharina J. Ferner publizieren ebenfalls in diesem Verlag. Außerdem: „Die Reihe Limbus Lyrik, herausgegeben von Erwin Uhrmann, ist auch im gesamtdeutschsprachigen Raum bekannt und speziell für Poesie-Fans gibt es ein Lyrik-Abo.“

Nun neigt sich der Nachmittag dem Ende zu und bietet der Abendstimmung Raum, um sich auszubreiten. Es ist kurz vor sechs und das aktuell allumfassende Thema der Veränderung kommt zur Sprache. Siljarosa Schletterer betont auch hier die Bedeutung, die Gedichte für den Wandel haben können: „Lyrik kann uns ganz viel für das Leben mitgeben, denn sie lehrt uns, dass es nie nur einen Wahrheitsanspruch geben sollte, sondern so unendlich viele verschiedene Interpretationen wie es Menschen und Momente gibt.“ 

| Christina Vettorazzi

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