Mit ANDI STECHER über Klangforschung auf der Alm und die Tücken hinter World Music

Ein schöner Aspekt der Weihnachtszeit: Es ist immer auch jene Zeit, in der viele Auslands-Tiroler:innen zumindest für ein paar Tage wieder in Tirol anzutreffen sind. So auch der Schlagzeuger und Komponist Andi Stecher. Für die Feiertage hat er sich auf den Weg von Berlin in seine Heimatstadt Innsbruck gemacht. Mitten im weihnachtlichen Trubel treffe ich mich mit ihm für eine Vinyl-Übergabe – deren Gelegenheit ich schließlich auch nutze, um mehr über seine vielschichtigen musikalischen Projekte in Erfahrung zu bringen (sowie über seine Leidenschaft als Kuhhirte, wie es sein Instagram-Profil verrät). 

Vorgeschichte

– von Svetlana Spajić zu Andi Stecher, oder: von Serbien nach Tirol

Vor wenigen Monaten ist das Album Down in the Meadow des Trios Gordan erschienen. In einem kleinen, intimen Rahmen wohnte ich mehr oder weniger zufällig der Vinyl-Präsentation ebendieses Projektes von Svetlana Spajić, einer renommierten serbischen Folk-Sängerin, in Belgrad bei. An jenem Novemberabend lieferte sie im Kulturzentrum UK Parabrod eine beeindruckende, gesanglich-starke Solo-Performance. Im Anschluss versuchte sie, mir den Zusammenhang zwischen dem Tiroler Jodeln und dem volkstümlichen serbischen Gesang zu erklären: Beide Stile seien stark von der Landschaft ihres jeweiligen Kulturraums geprägt und spiegeln diese akustisch wider.


Kürzlich auf der Suche nach einer bestimmten Heart of Noise-Vinyl-Edition stolperte ich bei der Recherche über die Platte austreiben/antreiben von Andi Stecher, deren Cover-Abbildung – eine mit Holzmaske versehene fastnachtliche Figur – meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Auf der Webseite des Musikers fiel mir wiederum sein neuestes Projekt Down in the Meadow von Gordan in die Augen – der Innsbrucker Andi Stecher ist also Teil dieses musikalischen Trios mit Svetlana Spajić und Guido Möbius. Der Kreis schließt sich, meine Plattensammlung ist um zwei außergewöhnliche Projekte reicher und die Geschichte rund um das musikalische Schaffen von Andi Stecher im Folgenden für euch nachvollziehbar aufbereitet:  

Trio Gordan (Svetlana Spajić, Andi Stecher, Guido Möbius) | Bild: Denis Laner

Bei unserem Gespräch interessiert mich gleich als erstes, wie es zur Kollaboration zwischen dem Innsbrucker Schlagzeuger und der Belgrader Sängerin gekommen ist. Eine Kollaboration, die sich vor allem aus praktischen Gründen naheliegend erwies – wie es Andi Stecher erzählt – der bereits seit längerem mit Guido Möbius im Duo arbeitet und mit ihm auf demselben Berliner Label (Karlrecords) produzierte wie Svetlana Spajić: „Wir haben uns mit ihr über eine mögliche Kollaboration unterhalten, weil Svetlana generell offen für experimentelle Projekte ist und uns ihr spezifischer Style gefallen hat“. Die Sängerin hat sich nicht nur der volkstümlichen Schiene verschrieben, sondern hat bereits mit Künstler:innen wie Blixa Bargeld oder Marina Abramović zusammengearbeitet. Das erste gemeinsame Album Down in the Meadow (erschienen auf Morphine Records) wurde dann schließlich innerhalb von zehn Tagen in einer intensiven Studiophase kurz vor dem ersten Lockdown in Berlin aufgenommen. Klanglich eine Besonderheit – nicht nur aufgrund des experimentellen Zugangs, sondern weil darauf rare volkstümliche Lieder zu hören sind:

„Svetlana ist mehr oder weniger ein lebendes Archiv von Musik aus dem Balkanraum, speziell aus Serbien. Sie kennt die unterschiedlichsten Musikstile, weil sie viel Feldforschung auf diesem Gebiet betrieben hat. Mittlerweile ist sie eine der wenigen oder letzten Personen überhaupt, die diese Stile gesanglich beherrschen“.

Das Markante an diesem Gesang ist die tragisch-melancholische Stimmung, die dabei transportiert wird und die auch Andi Stecher begeistert, der bereits durch seine früheren Aufenthalte in Mazedonien mit dieser Art von Musik vertraut wurde: „Ich war schon immer ein großer Fan von diesem traditionellen Sound. Ich mag den melancholischen Touch – tragisch, aber schön tragisch. Es hat auf jeden Fall Tiefe“.  

Für Andi macht es gerade bei traditionell inspirierten Musikprojekten Sinn, grenzüberschreitend zu kollaborieren. Diese Art von Zusammenarbeit, wie jene mit Svetlana Spajić, ermögliche eine gewisse Reflexion darüber, wie die Welt heutzutage vernetzt ist. Dabei sei vor allem eine Arbeitsweise auf Augenhöhe ausschlaggebend:

„Kollaborationen, die unter World Music fallen, lassen sich in Europa gerade gut verkaufen. Da muss man aufpassen, dass man nicht in Stereotype verfällt und nur der Konsum von ‚exotischem‘ Sound im Vordergrund steht“.

Oft führt es dazu, dass einzelne Musiker:innen aus ärmeren Ländern für eine Zeit lang viel im Westen gebucht werden, unter anderem auch von alternativen Musikfestivals, aber sobald der Trend vorbei ist, bucht sie niemand mehr. 

Einen Ausweg sieht der Musiker dabei in einem experimentellen Zugang: „Unsere Musik kann schon eine Herausforderung sein – es geht nicht darum, entspannte World Music zu konsumieren, sondern sich mit dem Sound und seiner Tradition auseinanderzusetzen“. Aber auch beim Verwenden von Folk-Samples sei es von Bedeutung, auf eine faire Produktion zu achten und dafür zu sorgen, dass das Geld auch an die jeweiligen Communities zurückgeht, wo die Musik herkommt. „Oft haben die Künstlerinnen und Künstler, die aufgenommen worden sind, gar keine Ahnung davon, dass ihre Musik in westlichen Ländern veröffentlicht und damit Geld gemacht wird“. 

Volksmusik – neu kontextualisiert 

Der Einfluss traditioneller Musik ist auch den Solo-Projekten von Andi Stecher zu entnehmen, wie es auf der Platte austreiben/antreiben zu hören ist. „Ich mag insbesondere die Rohheit dieses traditionellen Sounds, die mich auch für meine eigenen Musik inspiriert“, beschreibt es der Musiker.

„Auch das volkstümliche Jodeln gefällt mir gut. Gerade in Österreich, oder im deutschsprachigen Raum allgemein, ist es inzwischen schwierig, einen solchen Sound zu finden. Er ist entweder stark kommerzialisiert oder von rechtspolitischer Seite ideologisch eingenommen“.

Das sei in anderen Ländern und Kulturkreisen wie beispielsweise im spanisch- oder portugiesisch-sprachigen Raum bei traditioneller Musik nicht der Fall. 

austreiben/antreiben war ein Versuch, den Brauchtum des Perchtenlaufs akustisch zu vertonen. „Als Kind haben diese Umzüge starke Impressionen auf mich zurückgelassen“, erklärt Andi seinen persönlichen Zugang. „Allgemein finde ich die vorchristlichen Bräuche super interessant“. Auch zukünftig will sich der gebürtige Innsbrucker einem weiteren Projekt mit persönlichem Hintergrund widmen – es soll eine Art musikalische Aufarbeitung der Jenischen in Tirol entstehen:

„Meine Familie hat auch jenische Wurzeln. Deswegen ist es mir wichtig, dieses verschüttete und gesellschaftlich stigmatisierte Thema auf meine eigene Weise abseits von Klischees aufzuarbeiten“.

Im Zuge dieses Projekts plant der Klangkünstler auch Feldforschung, Interviews, Roadtrips und natürlich eigene Sound-Aufnahmen. „Auch die jenische Sprache ist spannend, da lässt sich musikalisch viel daraus machen“. 

Sein Interesse für traditionelle Musik und Kultur erklärt er sich unter anderem durch zahlreiche Auslandsaufenthalte und Kollaborationen mit Künstler:innen aus unterschiedlichsten Regionen der Welt: „Dadurch, dass ich mich intensiv mit Musik von überall auseinandergesetzt habe, schien es mir absurd, dass man nicht auch die eigenen musikalischen Traditionen in zeitgenössischer Musik hören kann oder gar nicht weiß, wo unsere traditionelle Musik herkommt, wie sie entstanden ist“.

vom Musizieren zum Hirten – zum Musizieren

Bild: Andi Stecher

Inspiration holt sich Andi Stecher auch von der (akustischen) Landschaft alpenländischer Almen. Der hauptberufliche Schlagzeuger ist nämlich bereits seit zehn Jahren Hirte und wird auch den kommenden Sommer wieder auf einer Alm verbringen. Obwohl er mit Schlagzeug anreist, beziehungsweise hinaufwandert, bleibt dabei nicht viel Zeit zum Musizieren: „Das Hirten ist tatsächlich viel Arbeit und meistens bin ich dann so müde, dass ich nur eine halbe Stunde am Tag zum Schlagzeug-Spielen komme, aber das reicht zumindest, dass ich fit bleibe“. Zeitweise entstehen während seiner Tätigkeit als Hirte auch Field-Recordings wie etwa Aufnahmen von einem Kuhglocken-Klangspiel. 

Der praktische Zugang lag dem talentierten Musiker immer schon nahe. So stieg Andi gleich nach der Schule ins Arbeitsleben ein. Ein Musikstudium kam für ihn nie in Frage: „Erstens, weil ich faul war und mit 18 Jahren genug gehabt habe von der Schule und zweitens, weil ein Jazz-Studium einen großen Einfluss darauf ausübt, wie man klingt – man muss in gewisser Weise musikalisch formbar sein, das hat mich nicht interessiert“. Da verkauft er lieber nebenbei alpenländische Produkte in einem Berliner Käse-Shop: „Dort war ich lange Zeit selber Kunde, weil es der einzige vernünftige Laden ist, wo man in dieser Stadt guten Käse bekommt“. 

So vielschichtig seine Interessen, so auch sein musikalisches Repertoire. Derzeit ist er gerade dabei, ein weiteres Solo-Projekt fertigzustellen – dieses geht in Richtung Pop-Beats und Hip-Hop: „Man muss viele Sachen machen“, lacht er,

„ich forciere mein Künstler-Sein nicht im Sinne von: ‚das bin ich und das mache ich‘ – für andere ist das vielleicht schwer nachvollziehbar, aber ich bin sehr gern vielseitig und lerne immer wieder Neues, vor allem durch die Zusammenarbeit mit verschiedensten Menschen“.

Eine Überraschung also, was für eine Art von Sound wir beim nächsten Live-Konzert von Andi Stecher zu hören bekommen. 

| Brigitte Egger

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