kunstBOX – Ein versteckter Ort der Kunst

Seit etwa drei Jahren hat der Studienzweig Bildnerischen Erziehung, ein Studienangebot des Mozarteums, seinen Standort in Innsbruck, im ersten Stock des PEMA 2. Dort befindet sich auch die Ausstellungsplattform der Universität, die kunstBOX. Der etwa 10m2 große, längliche Quader, bestehend aus drei weißen Wänden und einer Glasfront, in der sich auch der Eingang befindet, wirkt wie eine begehbare Vitrine. 

Bild: Claudia Eichbichler

Die kunstBOX wird laufend von den Studierenden bespielt, Besucher:innen sind jederzeit willkommen. Da die Ausstellungsplattform in die Räumlichkeiten der Kunst-Universität integriert ist, bietet sich Gästen auch die Möglichkeit, sich im Atelier der Student:innen umzusehen.

Wir haben mit drei Künstler:innen gesprochen, die alle Teil der ersten Generation des Studiengangs Bildnerische Erziehung in Innsbruck waren: Johannes Davies, Claudia Eichbichler und Eva Javornik. Sie geben uns Einblicke in ihre Bachelorprojekte, mit denen sie der kunstBOX als Ausstellungsort Leben eingehaucht haben. 

Sicherheit – Safety – Security? – Johannes Davies

Johannes Davies war der erste Student, der in der kunstBOX sein Bachelor-Projekt vorstellte. In seiner Ausstellung SICHERHEIT – SAFETY – SECURITY? setzte er sich mit der Ambivalenz des Begriffs „Sicherheit“ auseinander.

Was bedeutet Sicherheit und was geben wir für sie auf? Was verunsichert uns und was gibt uns ein Gefühl von Sicherheit? Eine seiner ersten künstlerischen Begegnungen mit dem Thema materialisierte er im Werk Keramikstahlhelmen zur Stärkung des subjektiven Sicherheitgefühls. Den Grundstein zur Arbeit legte ein außergewöhnlicher Fund: In einem Bachbett entdeckte Johannes einen Nazi-Stahlhelm. Er kaschierte die Löcher, die über die Zeit hinweg entstanden waren, nahm ein Gipsnegativ ab und reproduzierte den Helm mit Gusston in Serie.

Keramikstahlhelmen zur Stärkung des subjektiven Sicherheitgefühls  | Bild: Johannes Davies

Im selbstprogrammierten Computerspiel Rapoldipark Panopticon spiegelt er lokale Entwicklungen im Zusammenhang mit Sicherheit und verarbeitet seine Überlegungen zum Phänomen der Massenüberwachung.

„Jedes ergatterte Bild wird nicht mehr irgendwo gelagert und vergessen, sondern ständig durch Algorithmen verglichen und beurteilt, die selbst in unsere Schlafzimmer und intimsten Momente hineinkriechen. Die Grenze zwischen Analogem und Digitalem löst sich auf und mit ihr verschwindet die Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem. Die Existenz der Anonymität wird nicht länger toleriert“

Claudia Eichbichler & Jakob Mödlinger spielen Rapoldipark Panopticon Video – © Johannes Davies

Die partizipative Klanginstallation Sicherheitsklänge untermalte die Ausstellung akustisch. Johannes sammelt dafür (fortlaufend) unter der E-Mail Adresse subjektivessicherheitsgefuehl@gmail.com Geräuschen, die Menschen mit Sicherheit verbinden.

Polpa di Claudi – in finissimi pezzi – Claudia Eichbichler

Claudia Eichbichler präsentierte in der kunstBOX die Ausstellung Polpa di Claudi – in finissimi pezzi (übersetzt: Claudi Soße – in feinsten Stücken). Wie der Titel schon verrät, stellt die Künstlerin einzelne Bruchteile ihrer Identität und Herkunftsgeschichte vor. Dazu gehören auch die Tomatendosen der Firma Mutti.

„Als ich von Italien nach Österreich gezogen bin, ist mir sofort die unterschiedliche Esskultur aufgefallen. Es gab Tage, an denen ich mich nach dem Geschmack der Heimat gesehnt habe, nach Produkten aus meiner Kindheit. In Innsbruck habe ich glücklicherweise die Mutti-Dosen entdeckt und so wurde der Pizzamontag zum kulinarischen Highlight meiner Woche. Ich habe begonnen, die leeren Dosen zu sammeln. Eines Tages ist mir aufgefallen, dass diese Dose mit ihrer italienischen Aufschrift „Mutti“ auch für den deutschen Sprachgebrauch lesbar ist.“

Während der Begriff Mutti im Italienischen lediglich mit einem Firmennamen konnotiert ist, habe er im deutschsprachigen Raum eine tiefgehende Bedeutung für Herkunft, „weil doch ein jeder von uns aus dem „Mutti-Leib“ entsprang“, meint Claudia augenzwinkernd. Diese zweisprachige Doppeldeutigkeit ist für sie eine besonders greifbare Darstellung dieser eigenartigen „Zwischenidentität“ die ihr als Südtirolerin innewohnt. 

Siebdruck | Bild: Claudia Eichbichler

In der Videoinstallation 2012 –2019 setzte sie die Analyse der eigenen Vergangenheit fort. Zur Präsentation in der kunstBOX transportierte sie den Couchtisch ihrer Kindheit von ihrem Geburtsort Brixen nach Innsbruck, um ihn als Untersetzer für den Beamer zu verwenden.

„Innerhalb der Lehrveranstaltung Neue Medien wurden wir aufgefordert, ein Selbstportrait zu entwerfen. Ich beschloss, alle Videoaufnahmen anzusehen, die ich in meinem Leben mit einem Smartphone gemacht hatte. Die meisten davon sah ich tatsächlich zum ersten Mal. Das Zusammenschneiden des Videomaterials und die Performance, in der ich meine gesammelten Aufnahmen auf mich selbst projizierte, war für mich eine Art Selbstreflexion und Schwelgen in den Erinnerungen meiner Jugend.“

erzählt Claudia. Neben dem filmischen Selbstporträt zeigte sie auch ein Ölgemälde ihrer selbst. Obwohl sie schon zu Studienbeginn, anfing, an dem Bild zu arbeiten, bleibt es doch bis heute unvollendet, so wie auch ihr Prozess der Selbstexploration. „Ich empfehle es jedem, sich eine Zeit lang nicht nur mit dem Außen, sondern mit dem Innen zu beschäftigen. Herauszufinden, dass man sich immer neu kennenlernen kann und man viele Facetten und Nuancen in sich trägt, die alle zu einem gewissen Zeitpunkt rauswollen.“

Filmstill 2012 – 2019 | Bild: Claudia Eichbichler

Artikulation & … – Eva Javornik

Eva musste ihre Ausstellung in den virtuellen Raum verlegen. Sie baute die Ausstellung zwar in der kunstBOX auf, digitalisierte sie aber dann von dort aus. Die Besucher konnten sich über eine Web-Applikation einloggen und per Mausklick umsehen. „Das ganze Studium über habe ich immer wieder in Gedanken gestöbert und Pläne für die Ausstellung meines Bachelorprojekts ausgefeilt – ein großer Raum, eine Vernissage mit Snacks, gutem Wein, lockerer Musik und vielen Leuten. Letztendlich saß ich am Tag der Ausstellungseröffnung zuhause vor meinem Bildschirm und wartete, bis die Gäste den virtuellen Raum betraten.“ Eva erzählt, wie erstaunt sie gewesen sei, dass die Leute trotz des speziellen Formats viele Fragen stellten und via Videochat ins Gespräch kamen.

„Die Fragerunde ging sehr ins Detail über Techniken, Entwicklung, Motive und Hintergründe bis hin zu Interpretationsmöglichkeiten. Auch das gemeinsame Anstoßen und der Wein hat bei den meisten Teilnehmenden vor dem Bildschirm nicht gefehlt. Das ein derartiges Zusammenkommen auch virtuell möglich war, hat mich riesig gefreut“ 

Evas studiert neben Kunst auch Germanistik. Ihr Drang, den elementaren Teilchen der Sprache auf den Grund zu gehen, spiegelte sich in ihrer Bachelor-Ausstellung Artikulation &… wider. „Während des Studiums habe ich mich mit unterschiedlichen Ausdrucksformen und Artikulationsweisen auseinandergesetzt.  Dabei befasste ich mich unter anderem mit den Lauten der deutschen Sprache, deren Artikulation, Formung und Entstehung.“ Aus dieser Auseinandersetzung heraus entstanden die grafischen Drucke Lippenlaut. Die Künstlerin bemalte dafür ihre Lippen mit schwarzer Farbe und presste sie, während sie einzelnen Buchstaben aussprach, aufs Papier. Eine lautmalerische Momentaufnahme.

Bilder: Eva Javornik

 „Ich habe mir auch Gedanken darüber gemacht, wie Zeit die Sprache prägt und gleichzeitig die Zeit von der Sprache abhängig ist. Erst durch unsere sprachlichen Zeitformen, Präteritum, Präsens und Futur, können sich unterschiedlichen Zeitebenen entfalten und Geschehnisse zeitlich eingeordnet werden.“

Diesen Überlegungen untersuchten sie anhand 40 alter Briefe einer Freundin, welche sie nach eigens definierten Kriterien zeitlich verschlüsselte.

Auch in ihrem filmisches Selbstportrait borkenkEva, wird deutlich, wie sehr die verschiedenen Zeitformen auf das gegenwärtige Ich einwirken. Wo kam ich her? Wer bin ich? Und wann werde ich mein zuhause (wieder)finden:

„Der Film zeigt meinen Versuch, mich zu verwurzeln. Wie ein Borkenkäfer will ich mich in einem Baum einnisten. Doch obwohl der Baum wie geschaffen für mich wirkt, entscheide ich mich am Schluss, dass vermeintlich passende Umfeld hinter mir zu lassen und ziehe weiter. Der Kurzfilm ist eines meiner Lieblingswerke, da ich mich nach wie vor mit den Geschehnissen im Video identifiziere.“

| Johanna Hinterholzer


KURZBIOS

Johannes Davies

geboren 1996 in Hall i. T., Lehrer am BG/BRG Sillgasse in Innsbruck,  lebt in Mils bei Hall

Claudia Eichbichler

geboren 1995 in Brixen/Südtirol, studiert seit 2017 in Innsbruck Bildnerische Erziehung und Biologie auf Lehramt. Zuvor hat sie einige Semester Restaurierung von Wandmalerei an der Akademie der Bildenden Künste in Wien absolviert.

Eva Javornik

geboren 1994 in Bregenz, Studium der Bildernische Erziehung und Deutsch Lehramt, lebt und arbeitet in Bonn


Das Ausstellungsprogramm der kunstBOX und anderer Orte, die von Student:innen der Bildnerischen Erziehung bespielt werden, findet ihr hier: www.bildnerische.at

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