PHILO*CAFÉ | mit STEPHANIE GRAF auf der Spur des Heiligen und des Profanen

Beim vergangenen Philosophischen Café, am 25. Mai in der Innsbrucker Kulturbackstube Die Bäckerei, verhandelte Stephanie Graf das Begriffspaar „das Heilige und das Profane“. Die Vortragende reihte sich damit in die aktuelle Schwerpunktserie zum Thema „Antagonismen: Philosophische Gegensätze im Fokus“ ein. Sie entschlüsselte die Terminologien und thematisierte die Säkularisierungsbewegung, um am Ende über den sakralen Charakter der Kunst und Adornos Wendung einer „Einwanderung des Heiligen ins Profane“ zu sprechen.

„Aghi Lich“ | Bild: Brigitte Egger

Das Heilige und das Profane

Das deutsche Wort „heilig“ geht auf das althochdeutsche „heil“ zurück, was soviel bedeutet wie Rettung, Gesundheit oder Heilung. Das Profane ist dagegen wörtlich das, was außerhalb des Heiligen steht („pro-fanum“). Dabei sind das Heilige und das Profane in ihrer Bedeutung aufeinander verwiesen; was heilig ist, lässt sich nur in Abgrenzung zum Profanen bestimmen und umgekehrt. Besonders deutlich wird das, wie Graf aufgezeigt hat, am lateinischen Wort sacrum. Damit ist ein Gegenstand oder eine Person gemeint, der oder die Bezug auf das Göttliche nimmt bzw. etwas Sakrales erschafft, das sich der Wirklichkeit entzieht.

Säkularisierung und Macht

Vor diesem Hintergrund widmete sich Graf der Frage, welche Rolle das Heilige im Diesseits spielt. Aus der Sicht des französischen Philosophen Jean-Luc Nancy ist die Relation von Heiligem und Profanem unabdingbar für unser Selbst- und Weltverständnis. Ohne das Heilige macht die Welt gleichsam keinen Sinn. So fungiert das Heilige als Perspektive oder Möglichkeit, welche dem konkreten, oftmals sinnlos scheinenden Alltag entgegentritt. Mit dem sinnstiftenden Charakter des Heiligen stellt sich aber, so Graf, zugleich die Frage nach dem Verhältnis zwischen dem Heiligen und der Macht.

Will man sich diesem Problem annähern, kommt man nicht umhin, auf die Säkularisierung einzugehen. Schon Max Weber stellt die Diagnose einer entzauberten Welt. Doch finden wir demnach keine heiligen Orte oder Gegenstände mehr? Graf erläuterte, dass es bei der Säkularisierung darum gehe, ein einstmals Heiliges aus dem religiösen Bereich herauszulösen und in eine nicht-religiöse Sphäre einzubetten. Exemplarisch zeigt sich das beispielsweise an den Sonderreglungen hinsichtlich des Gebrauchs oder Missbrauchs einer Nationalflagge. So spricht man im amerikanischen Gesetz von der flag desecration, d. h. der Entweihung der Flagge. Die Entweihung der Flagge hat strafrechtliche Konsequenzen. Walter Benjamin spricht in diesem Zusammenhang von einer „schnöden Säkularisierung“ und weist darauf hin, dass ein Heiliges stillschweigend ersetzt wird, unter Beibehaltung seiner machtpolitischen Funktionen.

Kunst als befreite Magie

Folgt man Nancys Auffassung, dass ohne das Heilige keine Welt möglich ist, so scheint die Welt einen Raum oder Räume für das Heilige zu benötigen. Diesem Gedanken folgend griff Graf Theodor W. Adornos Idee einer radikalen Säkularisierung auf, in der weder das Heilige zerstört wird noch sich unter hegemoniale Strukturen unterwerfen muss. In diesem Zusammenhang kommt Adorno auf die Kunst zu sprechen. In seiner Minima Moralia schreibt er: „Kunst ist Magie, befreit von der Lüge, Wahrheit zu sein“. Damit bringt Adorno, so erklärte Graf, die Kunst als eine Form des säkularisierten Heiligen in Stellung, wobei er den Begriff der Magie an anderer Stelle dort einführt, wo ein Heiliges von einem Profanen geschieden wird, und zudem unter allen Umständen auf dem Wahrheitsbezug der Kunst besteht. Demgegenüber ist für Adorno jeder Gedanke oder vermeintliche Einsicht Schwindel, Lüge oder Ideologie, der bzw. die mit absolutem Wahrheitsanspruch auftritt. Das aber ist gerade die Art und Weise, wie Machtsysteme hervorgebracht und legitimiert wurden und werden, wenn Vertreter des Heiligen sich so darstellen, als wäre ihre Lehre Wahrheit. Im Gegensatz dazu verweist Kunst (also befreite Magie) auf die Wahrheit, ohne ihre Identität mit Wahrheit zu behauptet.

Graf beendete ihren Vortrag mit folgender Überlegung: „Kunst als befreites Heiliges hätte keinen Marktwert. Sie wäre aber privilegiert dafür, etwas Wahres über das Bestehende auszusagen, und vor allem darauf zu verweisen, dass das Bestehende nicht das letzte Wort haben soll.“

| Melinka Karrer


KURZBIOS

STEPHANIE GRAF

ist Universitätsassistentin (post doc) am Institut für Philosophie der Universität Innsbruck und Mitarbeiterin beim FWF-Projekt Membership Metaphors as „Doorkeepers“.

MELINKA KARRER

ist Doktorandin am Institut für Philosophie der Universität Innsbruck und Psychologin.

Das nächste Philosophische Café findet am 22.06.2022 mit Florian Pistrol (Innsbruck) zum Thema „Inklusion und Exklusion“ statt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s