Schau hin, denn „Ich bin (immer noch) da“ – eine Installation im öffentlichen Raum

„Ich bin da“ schreit quasi nach Veränderung. Nicht zu übersehen, rückt die im leuchtenden Rot gehaltene, begehbare Installation am Innsbrucker Bischof-Reinhard-Stecher-Platz eine unsichtbare Randgruppe ins Zentrum, die gemeinhin von der Gesellschaft ignoriert wird. Lässt Lebenswelten aufeinanderprallen und fragt durch die Zugänglichmachung eines Raumes für alle offenkundig nach den Parametern, die bestimmen, wem der öffentliche Raum gehört, wer willkommen geheißen und wer ausgeschlossen wird. Eine Einladung des 20er an die Gesellschaft, spielerisch und doch mit so dringlichem Nachdruck an Lösungen zu feilen. Weil Wohnen kein Luxusgut, sondern ein Menschenrecht ist.

„Ich bin da“ – Installation | Foto: Nicolas Hafele

Ein junges Mädchen setzt sich auf die aufgebauten roten Balken und nimmt hier ihre Mittagsjause ein. Menschen schlendern vorbei, werfen einen Blick auf die hier ausgestellten Fotografien von Jana Sophia Nolle, andere legen sich nieder, um sich in der Landschaft auszuruhen und neue Kraft zu tanken. Manche schreiben hier ihre Hausarbeiten oder gehen die letzten Wiederholungen vor der Prüfung durch, manche unterhalten sich. Die Utopie eines gemeinschaftlichen Ortes, der jeder beliebigen Funktion gerecht werdend von den Menschen selbst ohne Wenn und Aber bespielt wird, scheint wahr zu werden: Hier ist jeder und jede erwünscht, hier wird nichts vorgeschrieben, hier wird niemand verjagt. Doch bricht man aus dieser Blase der zeitgleich auch mahnenden roten Hülle aus, wird die Realität plötzlich drastisch. Die vom Institut für Gestaltung.studio 2 in Kooperation mit der Tiroler Straßenzeitung 20er errichtete Intervention „Ich bin da“ ist für alle offen, richtet seinen Zweck nach den Bedürfnissen der Gesellschaft aus, wie sie gleichermaßen aufzeigt, was in dieser schief hängt.

Draußen ist es nicht so rosig, wie vielleicht gedacht, wir sehen viel zu oft weg, wenn es um Menschen und ihr Schicksal geht. Die Situation der städtischen Obdachlosigkeit beispielsweise, die so omnipräsent sie sich auch auftut, bereits aus dem Blickfeld verschwunden scheint: „Seit das Übernachten in der Innenstadt verboten ist, sieht man sie kaum noch. Früher war das anders“, betont ein Student, der am Projekt mitgewirkt hat. Sowie die Pandemie-Situation mit dem Rückzug der Gesellschaft in die eigenen vier Wände die Probleme für obdachlose Menschen nochmals verschärft hat, bleiben diese dennoch unsichtbar, ungehört und ungeachtet. Das soll sich nun ändern. Mit dem Projekt bestehend aus einem umfangreichen Rundumprogramm wie Vorträgen, Künstlergesprächen, Film- und Diskussionsabenden und Aufführungen ruft es nun sichtlich laut aus dem Bischof-Reinhold-Stecher-Platz in die Stadt hinein, um gegen die Zurückdrängung der Obdachlosen zu arbeiten und ihnen den nötigen, gebührenden und menschenwürdigen Platz zu geben. Und das mit so großem Widerhall, wie das „Ich bin da“ in Blockbuchstaben auf der dem Verkehr zugewandten Seite geschrieben steht.

„Ich bin da“ – Installation | Foto: Nicolas Hafele

„Verschließt eure Augen nicht vor den großen Problemen der Gesellschaft“, scheint es bereits beim Anblick aus roten Inneren zu ertönen. Die Armut wird plötzlich augenscheinlich. Diesmal kann sich niemand herausnehmen, sowie die so intensiv wirkende Installation Blicke wie von selbst anzieht und quasi wie ein rotes Stoppschild laut „Achtung“ zuruft. Wer nicht hören will, muss fühlen. Konkrete Lösungsansätze wie das „Housing first“ in Wien sollen als Möglichkeit auch für Tirol in Diskussion gestellt werden. Warum soll eine leistbare Wohnung nicht für alle möglich sein? Was hindert uns daran, welche Barrieren müssen ausgeräumt werden? Um diese Idee kreisend, sollen sich in Innsbruck gemeinschaftlich innovative Zugänge zu dieser Thematik eröffnen. Wenn der Architekt Alexander Hagner im Zuge eines Filmabends erzählt, wie er Behausungen für Menschen ohne Obdach entworfen hat oder Armutsforscher:innen vom Verein für Obdachlose am 29. Juni effiziente Hilfsmaßnahmen vorstellen, geht vielleicht ein Licht auf. Hinzu kommen soziale Aktionen vor Ort wie ein karitatives Diner en Blanc am 2. Juli mit mitgebrachtem Essen der Teilnehmer:innen und vielen Gesprächen und Debatten auf Augenhöhe. Abgerundet wird das Programm in der Finissage mit Straßenmusik am 13. August. Im Zentrum des über zwei Monate andauernden Events steht zudem die aus Arbeiten der Künstlerin Jana Sophia Nolle bestehende, rund um die Uhr besuchbare Ausstellung „Living Room“, die sich von den Erfahrungen der Obdachlosigkeit in San Francisco und Berlin inspiriert mit der immer größer werdenden Kluft zwischen Arm und Reich fotografisch auseinandersetzt und ganz in diesem Sinne Behausungen von Menschen ohne Obdach mitten in luxuriösen Villen inszeniert. Ein Aufeinanderprallen zweier Lebenswelten, das mit ihrer drastischen Gegenüberstellung zu denken gibt. Die Situation auf die Spitze treibend, scheint sie sich wie ausgemacht in das rote Gebilde einzufügen. Und regt zum Innehalten an.

Fotoausstellung „Living Room“ von Jana Sophia Nolle
| Foto: Nicolas Hafele

Entstanden ist das Projekt aus einer Idee der Herausgeberin des 20ers Birgit Schmoltner, um von der Situation der immer rarer werdenden obdachlosen Zeitungsverkäufer beim 20er ausgehend, explizit in den Raum zu gehen und etwas zur Veränderung beizutragen, ja ein Umdenken einzuleiten. Von Architekturstudent:innen wurde der architektonische Eingriff dann als Idee am Papier bis hin zur baulichen Umsetzung im Zeitraum von über einem Jahr akribisch ausgearbeitet und baulich umgesetzt: „Studierende hatten die herausfordernde Aufgabe, eine temporäre Intervention zu planen, die Sichtbarkeit erzeugt, zum Verweilen einlädt, sowie für Veranstaltungen genutzt werden kann“, so Birgit Brauner als eine der Projektkoordinatorinnen vom Institut für Gestaltung.studio 2. Eine wertvolle Aufgabe für Studierende, fernab der bloßen Theorie, mit kreativ-gesellschaftlichem Ansatz direkt ins kalte Wasser der Praxis einzutauchen. Und ein Gegenpol zu den Maßnahmen der öffentlichen Hand, die Obdachlose aus dem Stadtbild verbannen möchten:

„Sogenannte feindselige Architekturen verhindern, dass Parkbänke, Unterführungen, Nischen oder Gitter über Lüftungsschächte zu temporären Schlafplätzen umfunktioniert werden können. Wir möchten mittels Interventionen im öffentlichen Raum die Lebensrealitäten von Obdachlosen wieder an die Oberfläche holen“

– Projektbeschreibung

„Shelter“, ein gefalteter Karton in überdimensionaler Größe, setzte sich letztlich als Entwurf durch, etwas unfertig und vielleicht sogar zerbrechlich wirkend und doch mit so vielen Funktionen bereichert, ist es die Vielseitigkeit und Offenheit, die die Intervention einzigartig macht. Gleichermaßen auf die schützende Schale referierend wie mit den Streifenelementen auf den Karton als obdachgebende Behausung verweisend, birgt das sich quer über den Platz ausbreitende Gebilde verschiedene Bühnen, Aufenthaltsoptionen, Ausstellungsflächen und Niederlassungsmöglichkeiten, die nicht zuletzt durch die alarmierend wirkende stechend rote Farbe etwas Dringliches verliehen bekommen und fast danach rufen, angeeignet zu werden. Es ist jetzt an der Zeit, auf Veränderung im Sinne der Integration zu pochen: „Auch die Architektur kann hier ihren Beitrag leisten, wir nehmen das Thema sehr ernst.“, so Brauner. Jedoch liegt es an der gesamten Gesellschaft, ein Umdenken einzuleiten. Gerade aus diesem Grund wählte man einen farblich und formlich besonders ersichtlichen Entwurf für das Projekt aus: „Die Installation soll Leute aufmerksam machen, sie sollen regelrecht darüber stolpern.“ Die Intervention leistet jedenfalls seinen Beitrag dazu, lädt Besucher:innen paradigmatisch dazu ein, selbst ins Gespräch zu kommen, ja wahrzunehmen, was ansonsten aus dem Stadtbild verdrängt und als unschön zur Seite geschoben wird. „Ich bin da“ kratzt in den Augen, ist zeitgleich aber schön anzusehen, vermengt so viele Zwecke gleichermaßen in sich und ist augenfällig, auffallend, sowie es sich sichtlich in den Stadtraum einprägt. Es ist Fremdkörper, aber doch Teil der Stadtlandschaft, wie der Obdachlose selbst. Und scheint den in unserer Hektik enger und enger werdenden Tunnelblick aufzubrechen, um auf das Wesentliche zu pochen: Ein gemeinsames Miteinander ohne Ausschluss und mit respektvollem Blick aufeinander.

| ein Gastbeitrag von Florian Gucher

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