kriechend und tanzend zu „ZOOPOLIS“ – Kunstraum Innsbruck Summer School: ein Erfahrungsbericht 

Was Kunstwerke körperlich in einem auslösen können – zu welchen Bewegungen sie inspirieren, – das haben die Teilnehmerinnen des Workshops „TANZ UND PERFORMANCE“ im Zuge der vom Kunstraum Innsbruck initiierten Summer School vergangene Woche am eigenen Leibe erfahren. An zwei intensiven Abendeinheiten von jeweils drei Stunden hat Eva Müller die Gruppe von begeisterten Tänzerinnen geleitet. Müller ist Performerin, Choreographin, Tanzpädagogin und Gründungsmitglied des Kollektivs OFFTANZ Tirol. Ihre neueste künstlerische Arbeit war erst kürzlich im Rahmen des Heart of Noise Festivals auf der Bühne des BRUX zu sehen. In enger Zusammenarbeit entwickelte sie gemeinsam mit Choreographin Anna Müller einen Abend, der das Publikum mit seiner energetischen Performance melted snow and rising heroes zum Mittanzen und Interagieren ansteckte – ein kleiner Vorgeschmack für diejenigen, die im Rahmen der Summer School noch intensiver in das Feld des zeitgenössischen Tanz einsteigen wollten.

Workshop „Tanz und Performance“ im Kunstraum Innsbruck | Bild: Daniel Jarosch (in s/w bearbeitet durch komplex)

Die Summer School des Kunstraum Innsbruck fand dieses Jahr zum ersten Mal statt, mit der Intention, einen experimentellen Begegnungsort zu schaffen, bei dem unterschiedliche Menschen unterschiedlicher Generationen zusammenkommen und gemeinsam in das künstlerische Arbeiten hineinschnuppern, ohne Vorkenntnisse haben zu müssen. Von Bildender Kunst wie Malerei mit Ina Hsu oder Zeichnen mit Dan Perjoschvi bis hin zu Installationskunst angeleitet vom Kollektiv „Time’s up“ war das Angebot breit gefächert. Die Kurse fanden alle im Kunstraum statt – untypisch für einen Tanzworkshop, direkt im Ausstellungsraum, wo die quer verteilten künstlerischen Werke und Installationen auf den ersten Blick wie Hindernisse wirken, die die Bewegungsfreiheit einschränken: Ein filigraner Glastisch etwa, mit spitzigen Ecken und Kanten, bei dem man nicht nur auf das Objekt Acht geben muss, es nicht zu beschädigen, sondern auch auf den eigenen Körper.

Aber bereits nach der ersten Stunde wird den Teilnehmerinnen klar, welches Potenzial die Ausstellung selbst für die Tanzimprovisation bereithält – und umgekehrt: wie sich die Ausstellung durch eigene körperliche Bewegungen auf eine neue Art und Weise erschließen lässt. Derzeit ist im Kunstraum ZOOPOLIS zu sehen, der zweite Teil der Ausstellung „COHABITATION: Ein Manifest für Solidarität von Tieren und Menschen im Stadtraum“. Die Ausstellung hatte ich bereits ein paar Tage zuvor besucht, aber einige Details haben sich mir erst tanzend eröffnet. In einer Übung etwa sollten wir uns durch die Ausstellung bewegen, uns mit einem Zettel und einem Stift in der Hand von allen möglichen Elementen zu Bewegungen inspirieren lassen und dabei Notizen machen. Bei mir sah das dann so aus: 

Notizen zum Tanz | Bild: Brigitte Egger

Schriftzüge auf den Bannern, einzelne Wörter in den Beschreibungstexten – flüchtig gesehen und aus dem Zusammenhang gerissen, ohne lange nachzudenken, in eine Bewegung transformiert. So wurden auch die kleinsten Elemente und Motive der Ausstellungsobjekte durch den eigenen Körper zum Leben zu erweckt. „Normaler Weise sind Tanzräume leere neutrale Raume. Dadurch, daß der Raum gefüllt war mit Objekten und Bildern der Ausstellung hat der Raum bereits eine besondere räumliche Struktur und Aufteilung“, sagt Workshopleiterin Eva Müller:

„Wir haben sozusagen durch die Ausstellung getanzt und wenn wir uns gegenseitig bei den einzelnen Bewegungsaufgaben beobachtet haben, haben wir die anderen im Kontext mit den Kunstwerken der Ausstellung beobachtet. Diese war wie eine Art Bühnenbild“. 

Auch die Musikauswahl gliederte sich gut in die Ausstellungsatmosphäre von Pflanzen und Tieren, wie der Track „No“ von Nicolas Jaar, der die perfekte Stimmung erzeugte, um passend zu ZOOPOLIS tierische und pflanzliche Bewegungen nachzuahmen. 

Bei der anschließenden Reflexionsrunde wurde uns klar, dass sich eine tanzende Ausstellungsbesichtigung als wertvolles Vermittlungskonzept eignet. Dabei sei es bei der konzeptuellen Planung der Summer School gar nicht intendiert gewesen, beim Tanzkurs inhaltlich auf die Ausstellung einzugehen, schilderte es Kunstraunm-Leiterin Ivana Marjanović, die auch selbst als eine der Kursteilnehmerinnen nun eine neue Perspektive auf die von ihr kuratierte Ausstellung bekam.

„Nachdem der zeitgenössische Tanz interdisziplinär arbeitet und gerne das Theater verlässt und sich an anderen Orten und anderem Publikum zeigt und verortet, ist der Kunstraum eine perfekte Lokation für Zusammenarbeiten, seien das nun Workshops oder Performances“

resümiert Eva Müller und trifft dabei den genreübergreifenden Zugang der Kunstraum-Leiterin. 

Workshop „Tanz und Performance“ im Kunstraum Innsbruck | Bild: Daniel Jarosch (in s/w bearbeitet durch komplex)

Gegen Ende des Kurses gewann der Performance-Aspekt des Tanzens an Bedeutung. Aus bereitgestelltem Material wie Verpackungsfolie und Klebetape bastelten wir uns innerhalb von fünf Minuten eigene Kostüme und ließen uns durch verlängerte Arme oder aufgeklebte Flügel gegenseitig vorführen, was ZOOPOLIS in uns auslöste. „Es herrschte eine sehr fröhliche, konzentrierte Atmosphäre im Raum, die der Arbeit einen perfekten Nährboden für freies Entfalten, Experimentieren und Loslassen im Tun ermöglicht hat“, beobachtete Eva Müller. So war der Tanzworkshop für alle Teilnehmerinnen nicht nur eine bereichernde körperliche, sondern ebenso zwischenmenschliche Erfahrung – denn auch, wenn man nicht die Gelegenheit hatte, mit allen Teilnehmerinnen verbal zu kommunizieren, so hatte man nach zwei Kurseinheiten doch lauter intime Momente miteinander geteilt und das Gefühl, sich gegenseitig auf eine besondere Art und Weise kennengelernt zu haben – durch echte „Augen-Blicke“, wie es eine der Teilnehmerinnen treffend ausdrückte, haben wir unsere Masken des Alltags voreinander fallen gelassen. Und wer kann schon von sich behaupten, einmal barfuß und auf dem Boden rollend oder kriechend eine zeitgenössische Kunstaustellung besucht zu haben? 

| Brigitte Egger

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