HEART OF NOISE 2022 ruft zurück in die Bewegung. Ein Nachbericht.

Das Heart of Noise blickt auf ein paar turbulente Jahre zurück. Nach einigen Locationwechseln und einer von Kompromissen und spontanem Umdenken geprägten Pandemiezeit hat das Festival dieses Jahr unter dem Motto „Love Action“ nicht nur in eine alte Heimat, das Treibhaus, zurückgefunden, sondern auch noch einen weiteren Programmtag dazugewonnen. An vier vollgepackten Tagen gab es wieder allerlei Kompliziertes und Inspirierendes aus der Welt der elektronischen Musik und Performancekunst zu erleben. Ein Nachbericht.

Lucy Duncombe & Feronia Wennborg im Treibhaus-TurmFoto: Daniel Jarosch

Eine familiäre Atmosphäre begleiteten dieses Jahr den ersten Festivaltag, an dem die Acts hinter der jährlich erscheinenden Heart of Noise Vinyl Edition – alles lokale Künstler:innen – mit kurzen und prägnanten Auftritten durch das Programm führten. Die meisten, die hier auftraten, hat man als HoN-Stammpublikum schon öfter gesehen und weiß ungefähr, was einen erwartet. Trotzdem und obwohl es sich als zusätzliche Erschwernis auch noch um einen Donnerstagabend handelte, war der Innenhof des Treibhauses am ersten Tag gut gefüllt und die Motivation spürbar. Die Noise-Blase in Innsbruck mag nicht die größte sein, sie ist dafür aber umso enthusiastischer und einfach Fan voneinander. Geht einer von der Bühne, stellt er sich in die erste Reihe und applaudiert für den, der als nächstes hinaufgeht. Love Action halt.

Das Programm hinter den geöffneten Flügeltüren des Musikpavillons war für mich wieder durchwegs ein Festivalhighlight. Manchmal hat man bei Konzerten das Gefühl, im Publikum könnten es am Ende einige kaum erwarten, der oder die erste zu sein, die das Klatschen einläutet, während ich mir selbst oft noch ein paar Sekunden wünschen würde, um in der Stille das eben Gehörte nachklingen zu lassen. Umso schöner, als nach einem Moment Stille im Anschluss an das träumerische Konzert von Anthony Sahyoun dann ein Hund mit kurzem Gebell dem Applaus zuvor kam. Auch die gemütlich mit dem Publikum auf Augenhöhe am Boden sitzende Perila musste immer wieder lächeln, wenn sich Kindergeschrei von der Wiese draußen in ihren langsam lullenden Ambient-Klangrausch einstreute. Das Lineup war klug aufgebaut und steigerte die Stimmung an beiden Tagen behutsam Richtung Abend hin. Als am Samstag Kenji Araki mit seiner mitreißenden deconstructed club music den Pavillon enterte, holte er mit einer einzigen Handbewegung alle Sitzenden in die Vertikale und verbreitete schon gegen 17 Uhr eine fieberhafte Atmosphäre im Hofgarten als wäre es drei Uhr Nachts.

Perila | Foto: Daniel Jarosch

Neben Musik hatte das Festivalprogramm auch wieder einige Performances zu bieten. Über die Eröffnung von „Private Stages/Public Selves“ im Reich für die Insel haben wir bereits hier berichtet. Auch der Auftritt des HoN-Urgesteins Lissie Rettenwander, von dem sich die meisten von uns wohl Musik erwartet hatten, entpuppte sich vor Ort als wesentlich seltsamer. Verfolgt von nervösen Lachern zelebrierte die Sängerin vor aller Augen ihren rituellen „Übergang von der Musikerin zur Künstlerin“, geisterte mit Mikrofon und Verstärker durch die Turmstuhlreihen und malte mit dramatischer Gestik am Boden kleine Bilder, die sie anschließend für 20€ das Stück zum Verkauf anbot. (Falls es einen Award für den komischten Bühnenauftritt zu vergeben gilt, erhalten diesen meiner Meinung aber nach die Klangkünstlerinnen Lucy Duncombe & Feronia Wennborg, die während ihrem betörenden Programm „3rd Remove from the Real“ eine Stunde lang völlig bewegungs- und ausdruckslos auf zwei Stühlen saßen und nebeneinander in ihre Macbooks starrten.) Samstags und Sonntags gab es im BRUX außerdem die Tanzperformance melted snow and rising heroes von OFFTANZ Tirol / Anna Müller zu sehen. Die Musik kam dabei von Maurizio Nardo aka Brttrkllr, welcher schon am Donnerstagabend mit seinem Soloauftritt im Keller eines meiner Highlights war. Schon beim Betreten des Raumes wurde klar, dass es sich hier um kein klassisches Tanztheater handeln würde, von dem man sich friedlich berieseln lassen kann: nicht nur gab es keine Bestuhlung, es war nicht einmal wirklich erkennbar, wo man sich als Besucherin aufhalten und in welche Richtung man überhaupt schauen sollte. Die Performance riss das Publikum dann ganz nach dem Motto „mittendrin statt nur dabei“ in einen teils bedrohlichen, teils amüsanten Rausch der Sinne, bei dem man auch mal von einer ominös bemäntelten Gestalt angetanzt wurde oder seltsame Plastikschläuche von einem Ort zum anderen tragen musste – schaute man sich dann leicht peinlich berührt im Raum um, stellte man fest, dass einen dabei ohnehin keiner beobachtete, weil alle im Publikum damit beschäftigt waren, selber mitzumachen oder in komplett andere Richtungen blickten.

Meine größte Programmenttäuschung, die eigentlich nur eine halbe Enttäuschung war: The Bug und Flowdan am Samstagabend. Während die intensiven Bässe von Dub-Künstler The Bug einen in der neblig-verschwommenen Kellerhitze ordentlich durchmassierten, empfand ich die Ansagen von Rapper Flowdan mehr als störend denn als bereichernd. Etwas zu wenig Inhalt, etwas zu viel Resort-Animateur. Irgendwie kann ich es einfach chronisch nicht leiden, bei Konzerten aufgefordert zu werden, meine Arme oder ein Feuerzeug zu heben, mich hinzusetzen, aufzustehen oder zu springen. Als der Rapper dann schließlich inmitten eines Musikfestivals die kontroverse Frage „Who here loves music?“ ans Publikum richtete, habe ich mir mal eine Pause gegönnt. 

Die Installation „Chora“ von Lino Lanzmaier und Andreas Zißler | Foto: Daniel Jarosch

Wie immer beim Heart of Noise schieden sich so in vielen Fällen die Geister: wenn man zwischen den Acts draußen zum Trinken und Reflektieren zusammenkommt, treffen ständig Reaktionen wie „Wow, war das geil“ auf „Wow, war das schrecklich“ oder, noch besser, „Was sollte das denn überhaupt?!“. Ein Festival ist ja nicht zuletzt eine soziale Erfahrung, etwas, nach dem momentan alle dürsten. Deshalb würde ich dieses Stiften von Kontroversen auch als Erfolg verbuchen – jeden packt oder ärgert etwas anderes, und wenn alle immer alles gefeiert hätten, hätte es ja gar nichts zu reden gegeben. 

Der Auftritt der britischen Musikerin Aya am Sonntag war für mich sowohl wegen ihrem Bühnenauftritt als auch in Sachen Visuals ein Favorit. Viele der langbeinigen, kriechenden Seetiere und abstrakten Muster, die über ihrem Kopf flimmerten, hätte ich am liebsten eingerahmt und mir an die Wand gehängt. Genauso gern wie die Visuals schaut man sich aber die Performerin selbst an: zuerst wie eine Diva mit Sonnenbrille auf die dunkle Bühne spazierend, wurde sie uns allen sehr schnell sympathisch. Aya murmelte mit ihrem trockenen englischen Humor laufend komische kleine Kommentare ins Mikrofon, schnitt Grimassen, schrie das Publikum an, diskutierte unhörbar mit ihrem Equipment oder wand sich rhythmisch über jenes hinweg in die Menge hinein. Auf solche Performances muss man sich einlassen, um sie wirklich schätzen zu können, gleichzeitig führen sie manchmal an dunkle und unwegsame Orte – eine gewisse Instabilität überträgt sich von der Musik auf das Publikum. Das recht sprachlastige Konzert setzte sich inhaltlich mit Themen wie Sexualität, Loslassen und psychischen Erkrankungen auseinander, welche Aya ästhetisch und klanglich zu einem Inferno aus kompliziertem Techno, grimeartigen Textstücken und Wellen von Clubatmosphäre verarbeitete. Nach der Hälfte wäre ich fast hinausgegangen weil ich sensibel bin – das ist ein Kompliment, versteht sich.

Aya | Foto: Daniel Jarosch

Das Programm des Heart of Noise 2022 sprühte an jedem Festivaltag vor Enthusiasmus und der Freude daran, endlich wieder richtig veranstalten zu können. Während ich in den vorherigen Jahren manchmal etwas unterfordert aus den Konzertsälen kam und die letzten zwei, drei Acts vor lauter Stroboskop und hemmungslosem Drone-Gedröhn fast nicht auseinanderhalten konnte, war dieses Jahr kaum ein Act mit dem anderen zu vergleichen, auf melancholisch folgte fröhlich, auf kompliziert zugänglich, auf tanzbar meditativ und so weiter, alles mit einer gewissen entspannten Natürlichkeit. Das Programm fühlte sich weniger thematisch sortiert, abwechslungsreicher an: man wollte trotz irgendwann unweigerlich einsetzender Erschöpfung und Reizüberflutung einfach nichts verpassen. Auch war es schön, endlich wieder richtig HoN-Publikum sein zu können – sei es am Boden liegend oder sitzend-mitnickend oder tanzend, jedenfalls den Raum frei nutzend. Die Rückkehr in die altbekannte Location war in diesem Kontext ebenfalls eine große Verbesserung. Das Treibhaus kann mit seinen zwei so unterschiedlichen Konzerträumen den verschiedensten Acts ein passendes Setting bieten und schlägt eine unkomplizierte Brücke zwischen Vorabend und Nacht. Die begrenzten Dimensionen lassen die Besucher:innen eng zusammenrücken, wodurch Stimmungen überspringen und der ganze Raum in Feierlaune oder Trance versetzt werden kann, ohne an den ausfransenden Rändern zu großer Konzertsäle Einzelne an gedämpfte Unterhaltungen oder an ihr Handy zu verlieren. Auch eine Installation wie Chora, gestaltet von Lino Lanzmaier und Andreas Zißler, die für das Heart of Noise ja typisch und charakterspendend ist, kommt an einem geschützten Ort wie dem Treibhaus-Innenhof besser zur Geltung und wird auch als Sitzangebot lieber angenommen als inmitten eines ungemütlichen Durchzugraumes wie vor dem Congresseingang. Alles in allem fühlte sich das Festival dieses Jahr einfach an wie eine runde Sache. Wir sagen danke und blicken mit aufgefrischter Neugierde auf das, was uns im nächsten Jahr erwartet. 

| Delia Salzmann

heartofnoise.at

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