Ein Gespenst geht um – mit HEIDI HOLLEIS im Kunstraum Innsbruck

Vom 3.12.2022 bis zum 25.2.2023 präsentiert die aus Innsbruck stammende Künstlerin Heidi Holleis im Kunstraum Innsbruck ihre aktuellen Arbeiten, die sich mit den Geistern der Vergangenheit und dem kapitalistischen Zustand von Ausbeutung, Aneignung und Konsum beschäftigen. Ihre Ausstellung „NO MORE PROFIT“ zeigt neben mystischen Aschebildern auch Referenzen an die Popkultur und Stile der 1980er. Im Gespräch mit komplex berichtet Heidi Holleis wie sie zur Kunst gekommen ist und was hinter den Arbeiten ihrer neuen Ausstellung steckt. 

Heidi Holleis, „I am doing finally“, Öl auf Leinwand + Acryl, 130 x 210 cm, 2021 Bild: Günter Kresser

Die Künstlerin

Die im Jahr 1974 in Innsbruck geborene Künstlerin Heidi Holleis befasst sich mit den verschiedensten Medien wie der Malerei, Collagen, der Fotografie sowie mit analoger als auch digitaler Druckgrafik. Besonders in den letzten Jahren hat sich ihr Fokus auf Bilder mit Asche und Ruß gelegt, die ebenfalls Teil ihrer neuen Ausstellung sind.

Zur Kunst ist Heidi Holleis durch ihre Ausbildung an der HTL Bau und Design in Innsbruck gekommen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten hat sie dort gemerkt, dass Kunst nicht gelehrt werden kann, wenn man sich nicht selbst Wissen aneignet und interessiert ist. Auch die Kreativität ihrer Eltern diente Heidi Holleis als Inspiration und Ermutigung, sich mit der Kunst zu beschäftigen. So begann sie, selbstständig zahlreiche Ausstellungen zu besuchen und sich in die Literatur einzulesen. Doch erst mit ihrer ersten Ausstellung und damit einhergehenden Verkäufen in der Abschlussklasse entwickelte sich der Beruf der Künstlerin zu einem klaren, wenn auch für sie heute träumerischen Bild für die Zukunft.  

Die Kunstwerke von Heidi Holleis sind häufig von philosophischen sowie gesellschaftspolitischen Themen inspiriert. Bereits in der Schulzeit überlegte sich die Künstlerin, wie sie durch ihre Arbeit etwas zur Gesellschaft beitragen könnte. Als Beispiel nennt sie hierfür ihre Leidenschaft für Produktdesign und den Versuch, Verpackungen umweltfreundlich zu gestalten.

Heidi Holleis bekam seitdem immer wieder Preise und Stipendien für ihre Kunstwerke unter anderem 2017 beim 35.Österreichischer Grafikwettbewerb den Preis des Landes Vorarlberg oder den Förderpreis für Zeitgenössische Kunst des Landes Tirol. Des Weiteren ist sie durch einige Ausstellungen wie zum Beispiel 2019 der Soloshow „Phantom force“, 2018 der Groupshow „NOT“ und „Tirol.export“österreichweit bekannt.

Den Weg zur Hauntology fand die Künstlerin in den letzten drei Jahren, da sie aufgrund der politischen Bewegung in der Gesellschaft nach rechts und den diversen Krisen das Bedürfnis hatte, künstlerisch ein Statement zu setzen.

Heidi Holleis vor ihrem Bild „Interruption“, Öl auf Leinwand + Acryl, 245 x 140cm, 2021 | Bild: Alicia Martin Gomez

Die Hauntology

Die Hauntology ist eine Reihe von Ideen, die sich auf die Rückkehr oder das Fortbestehen von Elementen aus der sozialen oder kulturellen Vergangenheit beziehen, wie bei einem Geist. Der Begriff ist eine Neuschöpfung, die erstmals vom französischen Philosophen Jacques Derrida in seinem 1993 erschienenen Buch Specters of Marx eingeführt wurde. Seitdem wird er unter anderem in Bereichen wie der bildenden Kunst, der Philosophie, der elektronischen Musik oder der Politik verwendet. 

In den 2000er Jahren wurde der Begriff von den Theoretikern Simon Reynolds und Mark Fisher auf Musiker angewandt, die Ideen im Zusammenhang mit zeitlicher Disjunktion, Retrofuturismus, kulturellem Gedächtnis und dem Fortbestehen der Vergangenheit erforschten.

Aus Sicht der Künstlerin Heidi Holleis befasst sich die Hauntology unweigerlich mit dem Sehnen nach den guten alten Zeiten:

„Generell, glaube ich, hat der Mensch an sich ein gewisses Nostalgiedenken. Unser Gehirn und unsere Auffassung von Zeit haben immer zu tun mit gestern, heute, morgen.“

Dieses Phänomen beobachtet sie unter anderem durch das Wiederkehren der 80er Jahre in der Mode und Kunstwelt, sowie das erneute politische Aufbegehren der Jugend. Sie verbindet dieses Erscheinen der alten Geister mit einem gewissen Nostalgiedenken, welches neue Visionen für die Zukunft verhindert, aber auch, wie schon durch Derrida festgelegt, mit dem Kontrast des Kapitalismus und des Kommunismus. 

Heidi Holleis, „Pinky G. 1“, Öl auf Leinwand + Acryl, 245 x140 cm, 2022 | Bild: Alicia Martin Gomez

Das Gespenst 

„Ich fürchte mich nicht vor Geistern, sondern eher von Menschen, die sich vor Geistern fürchten.“

– Heidi Holleis

Das Gespenst als Kunstmittel verfolgt die Künstlerin schon seit einigen Jahren. Bereits bei ihren Werken mit Asche und Rauch und der Reihe „Fantôme Exceptionnel“ ist die Figur des Geistes sehr präsent. Durch das Hinzuziehen des Computerspieles Pac Man, in dem es bereits Geister gibt, und der Auseinandersetzung mit den politischen und wirtschaftlichen Phänomenen der 80er Jahre, wurde das Gespenst poppiger und auffälliger und auch immer mehr zum Träger einer Gesellschaftskritik. Die Künstlerin gibt zu, dass es den Anschein machen kann, dass ein Gespenst zu flüchtig sei, um Kritik auszuüben, doch in Bezug auf Texte von Avery f Gorden aus Ghostly Matters, sowie den ersten Zeilen des Kommunistischen Manifests von Marx und Engels „Ein Gespenst geht um in Europa“ wird klar, welche Bedeutung ein heimsuchendes und unterschwelliges Geschöpf in der Gesellschaft bekommen kann.

In der neuen Serie „Out of Paku Paku“ zeigt Heidi Holleis diese Bedeutung anhand des japanischen Labyrinth-Action-Spiel PAC MAN. Benannt nach dem Ausdruck „paku paku“ für das wiederholte Öffnen und Schließen des Mundes, repräsentiert Pac Man den allesfressenden Kapitalismus. Die Geister im Spiel, die nicht eliminiert werden können, repräsentieren hierbei den stetigen Kontrast zum aber auch Begleiter des Kapitalismus, den Kommunismus. Die gegenseitige Abhängigkeit von Vergangenem und Zukünftigem, wie sie schon Derrida beschreibt, ist das zentrale Thema dieser Serie. 

Aber auch Themen wie der Feminismus lassen sich in den Geistern der Serie „Out of Paku Paku“ erkennen. Die*der so genannte Pinky nimmt einen monumentalen Platz in der Serie ein. Dieses vorerst geschlechtslose Gespenst entwickelt langsam „weibliche““ Züge. Für die Künstlerin war hierbei äußerst wichtig, dass das Gespenst sehr groß und präsent ist, da es in der Gesellschaft dringend mehr Gleichberechtigung benötigt und die Frauen sich gegenseitig solidarisch unterstützen sollten. 

Heidi Holleis, „Fantôme Exceptionnel 3-5“, Fumage und Collage auf Papier, 30x22cm, 2018 | Bilder: Günter Kresser

Die Kunst als Spiegel der Gesellschaft

Die Themen der Ausstellung wurden durch verschiedene Phänomene aufgegriffen. So berichtet Heidi Holleis davon, dass besonders die Musik der Hautology für sie prägend war. Das Knarren und Knistern, das immer wieder in der neuen Musik zu finden ist, ist klar auf das Bild des heimsuchenden Geistes zurückzuführen. Aber auch das Streetlife und Graffitis inspirieren die Künstlerin zu neuen Auseinandersetzungen. So erkennt Heidi Holleis immer mehr auch Bilder ihrer Jugend, wie zum Beispiel die knalligen Farben aber auch auffällige Kleidungstile im gegenwärtigen Mainstream.

„Ich beobachte die Strömungen der Jugend und Gesellschaft gerne.“

– Heidi Holleis 

Die Phänomene der Jugend, wie TikTok und Instagram, so die Künstlerin, seien ihr in Bezug auf die Hauntology leider entgangen. Dennoch wird Heidi Holleis besonders von jungen Menschen inspiriert. Sie beobachtet, wie stark sich die Jugend auch politisch engagiert und möchte mit ihrer Kunst ihren Teil dazu beitragen, Sicherheit und Unterstützung zu schaffen. 

Zur Ausstellung 

„Von den Betrachter*Innen meiner Kunst wünsche ich mir in erster Linie Zeit.“

– Heidi Holleis

Die Ausstellung „NO MORE PROFIT“ kann noch bis zum 25. Februar 2023 im Kunstraum Innsbruck betrachtet werden. 

| Ein Gastbeitrag von Alicia Martin Gomez 

2 Gedanken zu “Ein Gespenst geht um – mit HEIDI HOLLEIS im Kunstraum Innsbruck

  1. Helmut Schiestl schreibt:

    Interessant wäre aber doch auch, der Frage nachzugehen, ob es Geister wirklich gibt. Vor einigen Monaten war ja mal auf Ö1 ein Radiokolleg, wo über Geisterjäger in Wien – ja die gibt es wirklich! – berichtet worden war. Ich selbst erlebe immer wieder, wenn ich nachts aufwache, dass ich in meinem Zimmer Geräusche höre, die ich eigentlich nicht hören dürfte, etwa das Rascheln von Papier oder eine Stimme, oder ich spüre ein sanftes Streichen etwa einer Hand über meinen Rücken. Ich denke natürlich, dass das wahrscheinlich Phänomene meiner eigenen Psyche sind. Aber wissen tu ich’s natürlich nicht! Also wäre es doch interessant, würde sich der Kunstraum mal paranormaler oder parapsychologischer Phänomene annehmen.
    Helmut Schiestl

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  2. Sabine Frühauf schreibt:

    Vielleicht einfach einmal den Film „Die Heilerin“ auf YouTube ansehen, da könnte schon die eine oder andere Antwort dabei sein! Darüber hinaus entstehen Geister oder ein großer Geist auch dann, wenn viele Menschen an die gleiche Sache denken! Heidi Holleis spricht vermutlich von diesen Geistern!
    Good luck beim Recherchieren, Helmut S.

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