„Das ist nur der Anfang“ von Claudia von Alemann am IFFI

Diese dichte Dokumentation beschäftigt sich mit den Ereignissen von 1968 in Frankreich, als 10 Millionen Arbeiter streikten und die Studierenden sich mit ihnen solidarisierten. Wir erleben die Sicht und das Engagement der Studierenden und vor allem werden wir immer wieder mit der Frage konfrontiert: Kann die Filmkunst als Waffe, als Werkzeug der politischen Arbeit dienen? Die Studierenden sagen ja: Anstatt Filme theoretisch abzuhandeln, sei es essentiell, Filme aus anderen Ländern zu zeigen, Filme der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, in denen die Absichten der Revolutionäre gezeigt werden, die Menschen sollen die „wahre Geschichte“ erfahren, nicht nur verfälschte Informationen aus den Zeitungen. Außerdem sollen sie selbst Filme drehen, denn jeder könne dies tun und genau das sei die stärkste Waffe des Films.

Dass hauptsächlich die Filme vernichtet wurden, in denen die Arbeiter zu Wort kamen und weniger die, die sich um die Studierendenproteste drehten, spricht für sich: Arbeiter können das System aus den Angeln heben, sie sind der Mittelpunkt des Kapitalismus.

Ein junger Mann erzählt über sein Leben im Wohnheim von Citroen, wohin die Arbeiter abends müde hinkommen und sich sofort schlafen legen. Zu ihrer Freizeitgestaltung gibt es ein einziges Fernsehprogramm und Kriminalromane sowie Bildgeschichten zu lesen. Die Menschen merken nicht, dass sie von ihrer Arbeit immer weiter entfremdet werden und wie düster ihr Alltag tatsächlich ist. Deshalb müsse man „den Arbeitern bewusst machen, wie sie leben“ sagt der junge Mann und nimmt ein Video des Wohnheims auf, um es den Menschen zu zeigen. Filme können Mechanismen des kapitalistischen Systems aufdecken – dies sei der angemessenere Weg für die Fortführung des Kampfes als Gewalt. Die Theorie ist: Wenn Menschen selbst Filme über den Alltag drehen, beginnen sie, ihre Lebensumstände zu hinterfragen. Und nur so kann es möglich sein, etwas zu verändern.

„Das ist nur der Anfang“ behandelt eine der aktuellsten Fragen des heutigen Kulturlebens: Wie viel kann Kunst bewirken, wie weit darf sie gehen und wie gehen wir mit Zensur um? Ist Kunst ästhetisch? Oder soll sie, wie die Studierenden im Interview sagen, „echte Informationen liefern“ und politische Arbeit leisten, weil gerade sie die größte Macht dazu hat? Wie kann Kunst denen zugänglich gemacht werden, die sich nicht im bürgerlich-elitären Leben wiederfinden?

Ein Film, der es vollkommen zurecht zum Internationalen Filmfestival Innsbruck geschafft hat, weil er wachrüttelt und fesselt und, was in diesem Zusammenhang wohl am wichtigsten erscheint, informiert. Ein Film über den Film als Waffe – in höchstem Maße selbstreflexiv und wirksam, denn auch diese Dokumentation bewirkt etwas in den Zuschauenden: Den Wunsch, selbst einen Film zu drehen, der der Welt und vielleicht vor allem sich selbst die momentanen Lebensumstände vor Augen führt.

SC

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