Der erste Tag

Es ist fünf Uhr am Nachmittag, als er die Tür zu seinem Lokal aufsperrt. Der Innenraum riecht nach altem Rauch und Schweiß. Sein Kopf hämmert. Hätte er doch gestern nicht wieder so viel mitgetrunken. Erst morgens um sieben ist er völlig erschöpft in sein Bett gestolpert. In seinem Alter hält man das nicht mehr so leicht aus. Sein Arzt sagt ihm das auch schon lange. Sein erster Weg führt ihn zur Kaffeemaschine. Während das Gerät die graue Brühe ausspuckt, kratzt er sich erst seinen etwas zu großen Bauch, dann seinen struppigen grauen Bart und schaltet den Fernseher über dem Gastraum ein. Nachrichten. Er schaut sich die Bilder über die aktuellen Geschehnisse an, die Schicksale aus fremden Ländern, hört mit halbem Ohr zu. Verächtlich schüttelt er den Kopf und beginnt vor sich hin zu grummeln. Was können die ihm schon erzählen. Er drückt die Aus-Taste der Fernbedienung, setzt sich mit seinem Kaffee auf einen Barhocker und zieht die Zeitung zu sich heran. Beim Blick auf das Titelblatt schnaubt er verächtlich. Der Postler hat also schon wieder die Adressen vertauscht. Entschieden schiebt er die Zeitung von sich weg, trinkt einen Schluck, zündet sich eine Zigarette an. Über ihm rattert ein Zug vorbei und wirbelt den Staub im Gastraum auf.

Freudestrahlend steht er vor dem großen verglasten Gebäude, schirmt seine Augen mit der Hand ab und schaut es von unten nach oben an. Sein neues Zuhause. Neben seiner neuen WG natürlich. Seine Mitbewohner scheinen auch ganz nett zu sein. Heute haben sie ihm den Wohnungsschlüssel überreicht. Und heute war sein erster Tag an der Uni. Er kann es immer noch nicht glauben. Jetzt fängt das Leben so richtig an. Er hat auch schon ein paar erste zärtliche Kontakte knüpfen können. Neben ihm im Hörsaal saßen ein Mädchen und ein Junge, mit denen hat er sich schon ein wenig über den Vorlesungsinhalt und die bevorstehenden Themen unterhalten können. Alles in allem ein guter Tag. Apropos: Seine zwei Kommilitonen gehen gerade aus dem Haupteingang. Sie entdecken ihn, winken kurz und kommen auf ihn zu. Sie nehmen sich je eine Zigarette aus einem Päckchen, das das Mädchen aus der Tasche holt, sie hält es auch ihm hin. Er verneint lächelnd. Vielleicht sollte er ja auch noch damit anfangen. Er fragt sich, ob die beiden zusammen sind. Er mustert sie. Zusammenpassen tun sie ja nicht. Er so riesig und schlacksig, sie so klein und ein wenig mollig. Mit der Zigarette im Mund begrüßt ihn das Mädchen: „Hey! Na, was ist dein erster Eindruck? Du schaust immer noch so begeistert!“ Er lacht. „Ja bin ich auch! Wisst ihr nicht, was für ein Glück wir haben? Ab jetzt besteht unser Leben nur noch aus lernen und ausgehen!“ Oh nein, jetzt halten sie ihn für einen Streber. Oder einen Draufgänger. Besser keines von beidem. Die beiden lachen. Gott sei Dank. „Womit wir schon beim Thema wären“, sagt der Junge. „Magst mit uns auf ein Bier gehen? Ich hab von dieser Ausgehmeile gehört – wie hat mein Bruder gesagt: Die Bögen?“

Mittlerweile hat sich das Lokal schon einigermaßen gefüllt. Was ihn verwundert – um diese Zeit ist bei ihm normalerweise noch nicht viel los. Er zapft Bier, verteilt Getränke an den Tischen, trinkt Jägermeister mit seinen Stammgästen, reißt ein paar derbe Scherze, kassiert, poliert Gläser. Seine Kellnerin hat ihm kurzerhand abgesagt. Krank ist sie, hat sie gesagt. Er glaubt ihr nicht. Und es ärgert ihn maßlos. Ausgerechnet heute, wo schon früh so viel los ist. Gerade jetzt kommen wieder drei junge Leute durch die Eingangstür. Er braucht nur einen Blick auf sie zu werfen, um zu wissen, was ihn erwartet. Sie gehen in die hintere Ecke und setzten sich auf die Eckbank. Er verdreht die Augen in Richtung eines Stammgastes und zeigt unauffällig auf das Dreiergespann. Der lacht leise, hält seinen Zeigefinger an den Mund. Er selbst schiebt den Gläserkorb in den Geschirrspüler, drückt auf den Knopf und geht widerwillig zu dem Tisch in der Ecke. Er muss sich anstrengen, seiner Abscheu nicht zu viel Ausdruck zu verleihen. Fragt stattdessen monoton nach der Bestellung. Der Größte in der Gruppe bestellt drei Bier. In dem Moment kommt seine Kellnerin mit einem schuldbewussten Gesichtsausdruck durch die Tür. Zuerst ist er wütend, dass sie ihn offenbar doch angelogen hat. Dann ist er erleichtert. Jetzt kann er ihr diesen Tisch überlassen. Er hat ja schon immer den Verdacht gehegt, dass sie auch so drauf ist wie die da.

Als der Kellner ihn so komisch mit schrägem Kopf mustert, erschrickt er. Kurz glaubt er, er hätte ihn durchschaut. Aber er hatte sich ja geschworen, dass alles anders wird. Wenn die zwei ihn heute darauf ansprechen, wird er ihnen jedenfalls die Wahrheit sagen. Der Kellner schaut stattdessen den anderen Jungen an, der sogleich bestellt. Vielleicht hat er sich es ja nur eingebildet. Er entspannt sich wieder ein wenig und hört nun wieder dem Mädchen zu. Das hat die ganze Zeit vor sich hin geplappert. Von dem Gymnasium, das sie vorher besucht hat. Von ihrer Maturafeier, dem einen besonders inspirierenden Lehrer, der sie zu ihrer Studienwahl beeinflusst hat. Er lächelt, baut sich in das Gespräch ein, erzählt ein wenig von sich selbst, hört den anderen zu. Genießt das Freiheitsgefühl, das ihn plötzlich überfällt. Der Junge bestellt erneut eine Runde. Mit steigendem Alkohollevel erhöht sich auch die Komplexität ihrer Themen. Sie reden über alles Mögliche. Darüber, ob Jesus für die Sünden der Menschheit gestorben ist. Oder ob die Regierung versagt hat. Oder ob Platon mit seiner Ideenlehre Recht hatte oder das alles nur Schwachsinn ist.

Die drei sind ihm wahrlich ein Dorn im Auge. Je länger er ihren fanatischen Reden zusieht und zuhört, desto mehr verzieht sich sein Gesicht. Was für ein Gesindel. Als ob die eine Ahnung hätten, wie die Welt funktioniert. Er schaut ihnen zu, wie sie aufgeregt gestikulieren, sich in ihre Reden verstricken, lachen. Überlegt ernsthaft, ob er sie aus dem Lokal werfen soll. Es ist jetzt fast Mitternacht. Er dreht sich weg, stapft wieder einmal zur Kaffeemaschine, wirft sie an. Ein anderer Kunde beansprucht seine Aufmerksamkeit. Müde wischt er sich über die Augen.

Schön langsam ist er wirklich besoffen. Und ein wenig beunruhigt. Er hat bemerkt, dass sein Kollege immer ausfälliger wird. Er scheint einer von denen zu sein, die im Suff gerne ein paar Streits anzetteln. Das Mädchen versucht ihn zu beruhigen, als ihn ein paar Männer vom Nachbartisch anpöbeln. Er selbst hält sich zurück. Er war noch nie in eine Schlägerei verwickelt, und das soll auch so bleiben. Er rutscht tiefer in seinen Sessel, als einer der Typen von nebenan auf sie zukommt. Bis jetzt hat er noch nicht einmal mitbekommen, worum es überhaupt geht. „Kannst du vielleicht deine Augen von meiner Freundin lassen?“, motzt sein Kollege den anderen an. Dieser verhöhnt ihn. „Die Fette greif ich nicht mal mit dem kleinen Finger an!“, krächzt er vor Lachen. Da holt der eine aus und betoniert ihm eine gerade auf die Nase. Hinter der Bar kommt der Barkeeper in die Gänge. „Raus hier!“, schreit er sie an. Er packt ihn und seinen Kommilitonen am Kragen. Das Mädchen stolpert hinterher. Es weint.

Das Lokal ist inzwischen voll. Seine Kellnerin hat offenbar doch nicht gelogen, wollte sich wahrscheinlich einfach nur den Lohn nicht entgehen lassen. Die ganze Zeit schnieft und schnäuzt sie vor sich hin. Eigentlich sollte er sie heimschicken. Aber er braucht die Arbeitskraft. Vor allem, weil vor seinen Augen auch schon wieder alles ein wenig verschwimmt. Scheiß Sauferei. Gerade, als er in seiner Schublade nach einer Kopfwehtablette kramt, vernimmt er ein Geräusch aus der einen Richtung, das ihn sofort aufhorchen lässt. Es ist der Tisch im Eck. Kurz starrt er sie wie betäubt an, bevor er endlich losspurtet. „So, das war’s jetzt mit euch“, sagt er, mit einem unmissverständlichen Crescendo in seiner Stimme. „Eure Parolen könnt ihr euch sonst wo hinstecken. Raus!“ Er schnappt sich die Männer und schiebt sie grob in Richtung der Eingangstür.

Benommen stolpert er aus dem Lokal. Die Kälte schneidet ihm für einen kurzen Moment die Luft ab. Er dreht sich zu den zweien um. Sie stecken in einer tiefen Umarmung, es scheint, er rede beruhigend auf sie ein, streicht über ihren Kopf. Er selbst geht ein paar Schritte weiter. Da knallt es plötzlich. Im Nachbarlokal fliegt die Tür auf. Drei junge Männer taumeln heraus. Die sind offenbar auch rausgeschmissen worden, schießt es ihm durch den Kopf. Sie kichern ein bisschen, provozieren sich gegenseitig. Da bemerken sie ihn, wie er da verloren am Gehsteig steht. Einer von ihnen schlendert langsam auf ihn zu. „Na, was bist denn du für einer“, sagt er lallend. Auf seiner Brust prangt ein gelber Button. Mit einem schwarzen Zeichen darauf. Fast wie Mercedes, denkt er sich noch. „Bist ein bisschen ein Warmer, hm?“, sagt sein Gegenüber. Er steht knapp einem Meter vor ihm, macht einen Kussmund, dreht sich um und lacht mit seinen Freunden. Dann wendet er sich wieder ihm zu, sein Gesicht verzieht sich. „Sowas wollen wir hier nicht.“ Er schubst ihn. Er selbst schließt die Augen. Macht sich gefasst. Dann hört er erneut das knallende Öffnen der Lokaltür. Ein untersetzter Mann mit ungepflegtem Bart stürmt heraus. „Jetzt schleicht’s euch endlich! Hier braucht ihr euch nicht mehr blicken lassen. Gesindel!“ Er gestikuliert wild in ihre Richtung. Die drei suchen das Weite. Der Mann nickt ihm aufmunternd zu und geht wieder ins Lokal. Dann ist es wieder still. Er dreht sich um. Seine Kommilitonen sind auch schon weg. Er lächelt unvermittelt. Was für ein Tag. Langsam macht er sich auf den Weg nach Hause.

JZ

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