Ein Pornolog*

*Begriff wurde gestohlen von der „Pumafrau“, die mit ihren fantastischen Ukuleleporncoversongs das Publikum im Anschluss an den Film „Die traurigen Mädchen aus den Bergen“ vor lauter Lachen zum Weinen gebracht hat – oder umgekehrt?

Zum vierten Mal präsentierte die DIAMETRALE – Filmfestival für Experimentelles und Komisches – in den vergangenen Tagen ihr wunderbar nutzloses und schönes Programm. Zwei der vielen dort vertretenen, spannenden Filmschaffenden hat das komplex-Kulturmagazin genauer unter die Lupe genommen: Candy Flip und Theo Meow sind die Filmemacher*innen der – bei aller Traurigkeit höchst unterhaltsamen – Mockumentary „Die traurigen Mädchen aus den Bergen“, die im Zuge der DIAMETRALE gezeigt wurde. Ihre eigene Traurigkeit scheint sie zu Höchstleistungen anzutreiben.

Theo Meow und Candy Flip

Theo Meow und Candy Flip | Bild: Jo Pollux

Zum Inhalt: Im Film geht es um vier junge Frauen, die sich in eine Hütte in den Bergen zurückziehen und dort Pornos drehen, um davon zu leben. Mit dem überschüssigen Geld unterstützen sie kurdische Frauenmilizen – und werden zum Medienphänomen. Sie selbst sehen sich weniger als Aktivistinnen, denn als jammernde, weinende Mädchen, die das patriarchale System lähmen, anstatt es zu bekämpfen. Der Reporter Hendrik sucht die Mädchen auf, um eine Doku über sie zu drehen und verbringt, so ist es zumindest geplant, drei Tage auf ihrer Hütte.

komplex: Euer Werk tritt in der Form eines fiktionalen Films auf, der eine fiktive Dokumentation behandelt. Hat euch diese Selbstreferenzialität gereizt oder wie kam es zur Form der Mockumentary?

Theo: Auf der einen Seite sind die Sad Girls ja eine Art Medienphänomen, die Art des Films ist auf der anderen Seite im Grunde eine Mediensatire – da hat sich dieses Format also angeboten. Der Reporter Hendrik erfüllt das Klischeebild des weltgewandten Entdeckers, wie er in vielen neueren Dokus vorkommt. Candy: Es geht ja auch um mediale Rezeption; um das medial vermittelte Bild von Weiblichkeit. Das hat häufig etwas Pornografisches, auch ohne ein Porno zu sein, beispielsweise in der Werbung oder in der Mode- und Kosmetikindustrie. Dazu kommt der sensationsheischende Blick auf Pornografie, der ohnehin herrscht – das passt gut zusammen.

komplex: Der Film behandelt ja das Thema des passiven Widerstands. Er soll keine Lösung anbieten, sondern eine Bestandsaufnahme der bestehenden Geschlechterverhältnisse darstellen. Kann dadurch trotzdem eine Veränderung bewirkt werden? Im Film wird erwähnt, dass sich durch das Experiment auf der Hütte zeigt, wie relevant das Sad Girl eigentlich ist – was macht es denn so relevant, wenn es nichts verändern will?

Candy: Das traurige Mädchen als gesellschaftliche Figur ist ein häufiges Phänomen. Traurigkeit führt erst einmal nirgendwo hin. Doch die Sad Girls verstehen ihre Depression als politisch. Als etwas gesellschaftlich bedingtes, was mit den widersprüchlichen und unerfüllbaren Erwartungen zusammenhängt, die die Leistungsgesellschaft an sie stellt. Deswegen ziehen sie sich in die Berge zurück und versuchen, diesen Anforderungen zu entfliehen. Dieser Versuch scheitert aber am Ende – sie machen sich auch nie die Illusion, die Welt zu verändern. Aber einen Moment der Verfremdung gibt es doch. Machtverhältnisse werden gestört, indem die traurigen Mädchen patriarchale Muster für eigene Zwecke nutzen. Im Film sagen sie: Wir können nur mit dem arbeiten, was wir haben. Was wir haben, ist ein Patriarchat.

komplex: Wie kam es zur konkreten Filmidee?

Theo: Wir haben uns vor vielen Jahren in einer Kleinstadt in Deutschland kennengelernt und schnell gemerkt, dass wir viele Interessen teilen. Wir haben politische und psychologische Debatten geführt, Feminismus war uns immer wichtig. Dann sind wir nach Berlin gezogen und sind dort auf zahlreiche queere, alternative und feministische Pornoschaffende gestoßen. –. Es gibt dort eine große Community, die Interesse daran hat, Erzählmuster aufzubrechen und klassische Pornografie zu verfremden. Ich bin ja eigentlich Wissenschaftsjournalist und ich mag den Job sehr, aber ich brauche auch einen Ausgleich zu dem trockeneren Bürojob.  Candy: Sexualität hat mich immer schon beschäftigt, vor allem in Verbindung mit weiblicher Sozialisation. Da lag erstmal Pornographie und Sexarbeit nahe, womit ich ja mein Geld verdiene. Die Filmidee entstand dann erst später, auch gespeist aus unseren Erfahrungen mit der Pornowelt.

komplex: Du hast die Sexarbeit angesprochen, durch die sich der Film ja finanziert hat. Wie kann man sich das genau vorstellen?

Candy: Das Budget war überschaubar und wir haben das mit viel schlecht bezahlter oder kostenloser Arbeit und mit der Begeisterung von allen Beteiligten umgesetzt. Dennoch kostet ein Film natürlich viel Geld. Um das Budget zu stemmen, haben Theo und ich gemeinsame Escort-Dates gemacht und in Mainstream-Pornos dargestellt.

komplex: Das heißt, ihr handelt im Grunde wie die Sad Girls.

(lachen) Theo: Im Grunde schon, ja.

Komplex: Also widerspricht das Mitwirken in Mainstream-Pornos nicht euren Grundsätzen? Fühlt ihr euch dabei unwohl oder ist es als Mittel zum Zweck ok für euch?

Theo: Natürlich sehen wir viele Probleme im kommerziellen Porno. Viele Filme haben rassistische und sexistische Erzählmuster. Sie spiegeln damit die Missstände in der Gesellschaft wider. Candy: Diese Probleme sind auch außerhalb der Pornografie allgegenwärtig. In unserer heutigen Gesellschaft treten sie aber häufig in verschleierter Form auf und sind privilegierten Menschen oft gar nicht richtig bewusst. In der Pornografie sind die Probleme ganz klar zu erkennen, etwa in Form von offen sexistischen und rassistischen Narrativen und Praktiken.  Man muss aber unterscheiden zwischen dem im Film dargestellten Erzählmustern und den Produktionsbedingungen, unter denen der Film hergestellt wird. Es sind auch durchaus respektvolle Bedingungen, unter denen ich im Mainstream-Porno arbeite. Theo: Der Inhalt ist nicht immer gut, aber die Arbeit am Set ist meistens ok. Und was den Inhalt betrifft, sind die Alternativen in der übrigen Arbeitswelt definitiv nicht besser. Candy: Für mich war’s leichter, als das Geld auf andere Weise zu verdienen. Als Frau ist man ohnehin nicht gleichberechtigt. In der Sexarbeit bin ich mit ganz konkretem, körperlichem Sexismus konfrontiert und werde auch genau dafür bezahlt. Damit umzugehen ist für mich einfacher, als wenn der Sexismus verschleiert und offiziell gar nicht vorhanden ist.

komplex: Herrscht dieser respektvolle Umgang auch im Escort-Bereich?

Candy: So sehr wie in anderen Service-Bereichen auch. Service-Kräfte haben viel auszuhalten, müssen viel Emotionsarbeit leisten, sich ständig zum Lächeln zwingen; dasselbe gilt für uns. Ich kann mir meine Kunden selber aussuchen, respektlose Anfragen sortiere ich aus. Im Bereich der Sexarbeit gebe ich immerhin meinen Konsens zur Sexualisierung meines Körpers –– als Kellnerin oder Psychologin würde es ohne meine Zustimmung passieren.

komplex: Ihr sagt, euer Film wurde an Produktionszwängen und Erwartungshaltungen vorbei produziert. Wie hätten diese Zwänge ausgesehen?

Theo: Wir haben ja die Form der Mockumentary gewählt. Das hat uns viel Freiraum bei der Produktion gegeben. Candy: Wir haben ein sehr kleines Team, viele davon aus der Underground-Filmszene. Und wir wollten auch keine Geschichte erzählen, die leichter zu finanzieren gewesen wäre – wir wollten es genau so, wie es jetzt ist. Theo: Ja, es sollte eine Groteske sein – auch um unsere eigene Seltsamkeit widerzuspiegeln. (lacht)

komplex: Das klingt eigentlich nach viel Spaß – Candy, warum hast du gesagt, du willst nie wieder einen Spielfilm drehen?

Candy: Das war Ausdruck meiner damaligen Stimmung, ich sehe das jetzt anders – aber phasenweise war es schon furchtbar anstrengend, aus den gleichen Gründen, aus denen es Spaß gemacht hat. Weil wir eben so viel selbst gemacht haben und zusätzlich nebenbei gearbeitet haben, um das Geld dafür zu verdienen. Aber ich kann auch keinen Film machen, ohne ein bisschen zu leiden, das gehört einfach dazu. Theo: Gerade bei einem Film wie den der Sad Girls!

komplex: Seid ihr traurig?

Theo: Wir empfinden ein Unbehagen, würde ich sagen. Aber wir jammern weniger als die Sad Girls. Candy: Ich bin schon auch manchmal träge, was aber auch viel mit der Gesellschaft und ihren Ansprüchen zu tun hat. Theo: Ich muss immer ein Projekt haben, wenn ich das mal nicht habe, werde ich sofort unruhig, es muss immer etwas geleistet werden, ich kann mich schwer entspannen. Ich bin eher ungeduldig als traurig, glaube ich. Candy: Ich würde sagen, ich bin posttraurig. Früher war es schlimmer.

komplex: Candy, du sagst, für dich ist Sexarbeit nicht nur ein angenehmes Einkommen, sondern auch eine Form, sich vom patriarchalen System etwas zurückzuholen. Inwiefern ist das auf diese Weise besser möglich, als in anderen Jobs? Befriedigst du nicht gerade damit die Wünsche des Patriarchats?

Candy: Ich fand meine Sozialisation als Frau immer schon komisch – dass ich aufgrund des mir zugewiesenen Geschlechts bestimmte Fähigkeiten haben soll und andere nicht… Das war ein Thema, an dem ich mich schon früh gerieben habe, gleichzeitig habe ich aber früh gelernt, diese Erwartungen zu erfüllen und fühlte mich natürlich auch bestätigt, wenn ich das geschafft habe. Ich habe früh gelernt, wie man nett und zurückhaltend ist, Leuten ein gutes Gefühl gibt und eine warme weiche Stütze für den Mann zu sein. Das lernt man als Frau eben. Gleichzeitig hatte ich immer einen Widerwillen dagegen. Dieser Konflikt lässt sich für mich in der Sexarbeit gut auflösen, weil ich das, was ich gelernt habe, zu meinen Konditionen mache. Es gibt professionelle Grenzen und ich bekomme Geld dafür, anstatt wie als Jugendliche mit Leuten ins Bett zu gehen, um ihnen einen Gefallen zu tun.

komplex: Also habt ihr nicht das Gefühl, das Patriarchat mit dieser Arbeit zu unterstützen?

Theo: In erster Linie ist es immer noch eine Arbeit, kein politischer Aktivismus. Die Tätigkeit hat natürlich viel mit dem Patriarchat zu tun, aber ich würde nicht sagen, dass es das System unterstützt. Candy: Sonderlich subversiv ist Sexarbeit sicher nicht, aber was ist schon subversive Lohnarbeit? Dass die meisten Kunden männlich sind und viele Anbieterinnen weiblich, hat nicht die Sexarbeit erfunden, sondern es liegt am System – Frauen lernen weniger, sich um ihre eigenen sexuellen Bedürfnisse zu kümmern. Als Mann wächst man damit auf, seine Sexualität zu erkunden, als Frau weniger. Außerdem verdienen Frauen weniger und können sich oft auch schlichtweg weniger leisten.

komplex: Glaubst du, dass Frauen mehr Zugang dazu bekämen, wenn sie sich dieser Sozialisation mehr bewusst wären? Könntest du dir zum Beispiel vorstellen, es in Anspruch zu nehmen?

Candy: Ich merke schon, dass es etwas mehr in Anspruch genommen wird als früher, aber es ist immer noch sehr wenig. Ich persönlich habe schon darüber nachgedacht, auch einmal die Kund*Innenperspektive auszuprobieren. Aber ich habe mich nie wirklich wohl gefühlt mit dem Gedanken und will mich auch nicht dazu zwingen. Ich denke, unsere Sozialisation sitzt tief, auch wenn es uns bewusst ist.

komplex: Theo, worin unterscheiden sich deine Pornos von klassischen Mainstream-Pornos?

Theo: Ich mag obskurere Dinge, ich mag Grenzen austesten und erkunden, was alles sexuell sein kann, abseits von „Penis muss in Vagina“. Wir sehen es als Experimentierfeld. Und auch beim Mainstream-Porno versuche ich, minimale Dinge zu verändern. Zum Beispiel haben bei klassischen Mann-Mann-Frau-Dreiern die Männer fast nie etwas miteinander, weil die Masse das nicht sehen will – bei meinen schon und ich freu mich diebisch, wenn ich es unterbringen kann und das dann unter der Mainstream-Pornokategorie verkauft wird.

komplex: Glaubt ihr, dass die Sehgewohnheiten durch das Zeigen von dieser Art von Pornos verändert werden können oder ist das ein zu hochgegriffener Anspruch?

Candy: Ich glaube nicht, dass sich durch ein paar Filme die Sehgewohnheiten ändern, aber wünschen würden wir es uns natürlich schon. Theo: Es gibt inzwischen ein großes Angebot an „ethischen“ Pornos, das sehen wir etwas skeptisch. Wir wollen den Gegenblick schaffen, aber deshalb wird der klassische Blickwinkel nicht einfach abgeschafft. Candy: Wir beziehen uns ja immer auf Dinge, die schon da sind – es gibt nur die Welt zu betrachten, die wir haben. Ich kann mir keine Welt ohne Patriarchat vorstellen, auch wenn ich es gerne so hätte.

komplex: Wie werden weniger sexistische Pornos angenommen? Kann sich das eurer Meinung nach zur Norm etablieren?

Theo: Es gibt gerade einen medialen Hype um feministische und ethische Pornos – Journalisten schreiben natürlich gerne darüber. Aber auch in diesen alternativen Pornos wird das Rad nicht neu erfunden, letztlich ist es immer noch Sex vor der Kamera. Das Label „ethisch“ find ich dabei schwierig, weil die Probleme allein durch den neuen Begriff nicht verschwinden. Candy: Was ist schon eine faire Bezahlung für Sexarbeit in einer Welt, in der Sexarbeit immer noch stark stigmatisiert ist? Was ist überhaupt ein fairer Lohn? Theo: Es gibt heute aber schon mehr Diskussionen und Reflexionen über Produktionsbedingungen. Aber sehr vieles läuft noch nicht gut. Candy: Wie in vielen anderen Industrien auch sind die Produktionsbedingungen in unserem Bereich schwierig.

komplex: Und was wird dabei auf der Inhaltsebene verändert?

Candy: Manche Filmschaffende stellen ganz klassisch Frauen und deren Lust in den Mittelpunkt. Bei anderen geht um queere Körper, queere Begehren… Sie wollen Körper zeigen, die nicht den gesellschaftlichen Normen entsprechen.

komplex: Es geht also vielleicht nicht darum, Pornos mehr auf Frauen zu fokussieren, sondern sie schlichtweg vielfältiger zu machen.

Theo: Genau! Und Sex ernst zu nehmen und nicht die Erotik ins Lächerliche zu ziehen, wie es im Porno oft passiert, finde ich wichtig. Momente der Annäherung finde ich zum Beispiel reizvoll, das wird im Porno kaum gezeigt. Candy: Was nicht heißt, dass andere Pornos weniger Berechtigung hätten, aber mehr Vielfalt wäre schön.

komplex: Eine persönliche Frage: Habt ihr beim Pornodreh Lust aufeinander?

Candy: Das ist sehr unterschiedlich. Kopfkino hilft viel, aber es ist natürlich nicht wie beim Sex zu Hause. Theo: Es ist eine künstliche Situation, ich finde es im ersten Moment immer sehr unsexy, es gibt viel technisches Gerede… Die Stimmung kommt natürlich schwer auf. Inzwischen kann ich das besser ignorieren. Candy: Aber es ist ja auch eine Performance-Arbeit, es ist keine innige, intime Beziehungsform von Sex, aber das ist nicht per se schlimm.

komplex: Was glaubt ihr, wie würde unsere Gesellschaft aussehen, wenn Pornografie immer schon weniger sexistisch ausgesehen hätte?

Candy: Das wäre utopisch. Ich kann mir keinen befreiten Porno ohne befreite Gesellschaft vorstellen. Theo: Die Art, wie wir Sex haben, wird schon durch Pornografie geprägt, deshalb finde ich es auch wichtig, Jugendlichen beizubringen, dass Pornografie fiktiv ist und nicht wirklichkeitsgetreu. Candy: Es müsste den Jugendlichen mehr Medienkompetenz vermittelt werden, damit sie das unterscheiden können.

komplex: Also sollten Pornos immer kontextualisiert werden?

Theo: Ja, auf jeden Fall. Aber vielleicht nicht immer im Pornofilm selbst, das könnte unsexy werden. (lacht)

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(c) Die traurigen Mädchen aus den Bergen

Das Interview führte Sarah Caliciotti

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