„Wer ist dieser Ton?“ – Vorbrenner 2020

toni_farbe

foto: philip/delia salzmann

Mit der offline-Eröffnung seiner experimentellen Programmschiene Vorbrenner war das Brux am vergangenen Samstag eines der ersten Innsbrucker Theater, die sich nach dem Corona-Shutdown wieder an eine Veranstaltung herantrauten. Wie jedes Jahr wurde auch für 2020 eine Reihe von künstlerischen Projekten zur Förderung ausgewählt, für die sich das Brux als Experimentierfläche und Aufführungsraum zur Verfügung stellt. Die im Frühling geplanten Termine mussten abgesagt werden, doch nun können sie, mit ein paar Planänderungen – der offene Rechercheprozess zum Projekt „Two Princesses (Queens Part III)“ wurde in den digitalen Raum verlegt – und Verschiebungen Richtung Jahresende, doch noch stattfinden. Und nach dieser kulturellen Dürreperiode hatte das Publikum auf die Chance, zurückzukehren, offensichtlich nur gewartet, jedenfalls war der Vorraum des Brux am Samstagabend ziemlich gut gefüllt (natürlich waren dabei alle adäquat desinfiziert und mindestens einen Meter voneinander entfernt). Zu sehen gab es aber nicht nur einander, sondern auch das erste Projekt des diesjährigen Vorbrenner-Programms, welches wieder im öffentlichen Rahmen stattfinden kann: die Installation „Immersive Ton(I)“ von Jan Contala und Philipp Schwaderer, welche die beiden Architekturstudenten im Zuge einer Lehrveranstaltung entwickelt hatten und die nun durch die Förderung auf eine große Bühne gebracht werden konnte.

Mit dem Einander-Sehen war es dann auch recht schnell wieder vorbei, denn sobald man den großen Raum des Freien Theaters betritt, findet man sich in vollkommener Dunkelheit wieder. Wir wandelten vorsichtig tastend ins Nichts, hinein in einen warmen Tonraum aus tief vibrierenden Bässen. Die experimentellen Klänge tauchen den Ort in eine Art meditative Trancestimmung, gleichzeitig lähmt die Dunkelheit schnelle Bewegung und hält zum Bleiben an; nur wer den eigenen Augen Zeit lässt, sich an die Umgebung zu gewöhnen, kann die Installation richtig sehen. Schauen alleine reicht aber nicht aus: um sein volles Potenzial auszuschöpfen, muss man in Interaktion mit Immersive Ton(I) treten. Am besten funktioniert das alleine, so kann man auch am klarsten sehen und hören, was die eigene Partizipation bewirkt. Eine an der Decke positionierte Kamera erfasst die Bewegungen der Besucher*innen auf der Installationsfläche. Diese werden anschließend durch das Auf und Ab dreier unaufhörlich über eine Leinwand wandernder Lichtpunkte rückkommuniziert. Die Lichter hinterlassen auf dem speicherfähigen Material glimmernde Spuren, die für ca. 15 Minuten sichtbar bleiben (lässt sich auch gut für andere Zwecke nutzen) und an vorangegangene Besucher*innen erinnern: bewegt sich niemand auf der Fläche, ziehen die Lichter stetig immer gleiche Bahnen, macht jemand einen Schritt hinein, beginnen sie auszuweichen. Gleichzeitig durchzieht ein Gewebe aus Klängen den Raum, das die Bewegungen schnell aber fließend musikalisch spiegelt. So könnte man auch mit geschlossenen Augen, rein akustisch, feststellen, ob gerade jemand mit der Installation interagiert. Als sekundenlang ein schriller, nervtötender Ton erklang fragte meine Begleitung in die Dunkelheit „Wer ist dieser Ton? Kann derjenige sich bitte woanders hinstellen?“.

Immersive Ton(I) liegt – wie jede interaktive Ausstellung – irgendwo zwischen Kunstwerk und Performance. Die Installation bewegt ihre Besucher*innen in eine ambivalente Zwischenebene und stellt die Frage: willst du aktiv oder passiv sein, Zuschauer*in oder Akteur*in? Wer hereinkommt, installiert sich selbst im Raum und schafft ihn dadurch gleichzeitig. Die Übergänge in Licht und Ton sind subtil, doch der erzeugte Moment ist trotzdem einzigartig, durch Person und Situation bestimmt. Noch ein paar Minuten lang zeugen die ephemeren Lichter auf der Leinwand davon, dann verlischt er. Das macht wieder einmal deutlich, dass Kunst ohne die Anwesenheit und Partizipation ihrer Zuschauer*innen nicht möglich ist, denn die Installation für sich alleine ist nicht vollständig. So scheint mir dieser erste Abend zurück im Brux eine ganz gute – wenn auch etwas rührselige – Metapher zu sein für das, was wir in den letzten Monaten gelernt haben, darüber, was Kunst für uns als Gesellschaft bedeutet und darüber, wie wichtig es ist, sich trotz allem real zu treffen, teilzunehmen und einen Moment zu teilen. Wir hören aufmerksam zu und finden uns langsam im Schatten wieder.

DS

 

Links
www.vorbrenner.org
www.brux.at

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s