Lass uns einander spüren, untertauchen: UNTERWASSERFLIMMERN von Katharina Schaller

„Unterwasserflimmern“ ist der erste Roman der Innsbrucker Autorin Katharina Schaller. Darin beschreibt sie die Geschichte einer jungen Frau, die irgendwo dazwischen steht: zwischen eigenen Geheimnissen und fremden Erwartungen, zwischen unbändiger Lust und lähmender Apathie. Die mit Entscheidungen konfrontiert wird, die sie nicht zu treffen vermag. Und die in der Folge beschließt, davonzulaufen. Um herauszufinden, was sich zwischen den Zeilen abspielt, lassen wir zwei Leser:innen miteinander in den Dialog treten. Wir fragen die Autorin selbst, was hinter der Geschichte steckt. Und beschreiben zum Schluss, was der Roman in uns ausgelöst hat.

Katharina Schaller | Foto: Emanuel Aeneas Photography

„Unterwasserflimmern“ erzählt aus der Sicht einer namenlosen Protagonistin, vermutlich Anfang 30, die mit ihrem Freund, dem zehn Jahre älteren Architekten Emil, zusammenlebt. Die beiden führen eine nach außen hin harmonische Beziehung, seine Lebens- und Familienpläne engen sie aber zunehmend ein, gleichzeitig schafft sie es nicht, ihm mitzuteilen, was sie sich selbst wünscht. Daneben trifft sie sich mit Leo, seinerseits 50-jährig und verheiratet, mit dem sie freier, ungebundener sein kann, mit dem sie reden und den sie begehren kann, wie es mit Emil nicht möglich wäre. Als ihr Emil offenbart, dass er ein Grundstück gekauft hat und ein Haus bauen möchte, ist sie vollends vor den Kopf gestoßen. Nach der Konfrontation weiß sie nicht, wohin. Gedankenlos setzt sie sich in einen Zug. Sie flieht. Richtung Süden. Und begibt sich so auf einen Road-Trip, der sie an die verschiedensten Orte schickt, Freundschaften schließen und sie ab und zu einfach untertauchen lässt. Am Ende ist alles so, wie es einmal war. Oder?

Rezension? Dialog! Im Gespräch mit zwei Leser:innen

Lassen wir nun zwei Leser:innen sprechen. Sie haben das Buch gelesen und sind bereit, uns ihre Lektüreerfahrung mitzuteilen. Beide sind um die Dreißig, beide sehr leseaffin. Auf ihren Wunsch hin ändern wir ihre Namen. Nennen wir sie Anton und Berta. Sie sind die Stimmen, die sich über den Roman unterhalten und uns ihre Eindrücke schildern.

Wie geht es euch nach der Lektüre – was ist euer Fazit zum Buch?

Anton: Wow, das war ganz schön intensiv: die Geheimnisse, der Betrug, der Sex, der Ausbruch, die Reise. Dieser sanfte und gleichzeitig heftige Sprachstil der Autorin hat mich richtig mitgerissen.

Berta: Dem kann ich zustimmen. Die Lektüre ist kurzweilig und ein Genuss. Ich finde den Schreibstil ebenfalls sehr ansprechend. Es ist ein sehr moderner Stil, dem sich viele Autor:innen bedienen: dieser Bewusstseinsstrom, ohne Umschweife, der das Alltägliche, das Banale zum Hauptthema macht und versucht, das Große darin zu entdecken. Vergleicht man den Roman mit anderen Büchern aus diesem „Genre“, muss ich sagen, fand ich diesen sprachlich als einen der ansprechendsten. Die teilweise sehr expliziten Sexszenen und die teilweise schon bewusst, denke ich, eingesetzten (ich nenne sie jetzt mal) „anrüchigen“ Formulierungen waren für mich erst sehr unvermittelt, integrieren sich aber gut in die Geschichte. Das ist für mich inzwischen kein Tabubruch mehr. Man hat das Gefühl, dass viele Autor:innen Sexszenen bewusst so inszenieren und gewisserweise damit „angeben“. Aber die Autorin verkauft es auch nicht als solchen. Das finde ich erfrischend. Das gehört ganz einfach zu der sehr unmittelbaren Erzählweise und fügt sich sehr gut darin ein.

Gab es Szenen oder Momente, die euch weniger gut gefallen haben?

Berta: Ich finde die Idee hinter der Geschichte, diese „Flucht“, den Road-Trip grundsätzlich sehr spannend und, wie bereits gesagt, gekonnt erzählt, dieses: Einfach mal schauen, wo es mich hintreibt. Stellenweise muss ich sagen, dass mir die Szenen, die Begegnungen und sexuellen Kontakte zu abrupt und etwas unglaubwürdig erschienen sind. Aber das fällt für mich in die Kategorie der literarischen Freiheit. Man könnte es auch so deuten, dass es sich um eine unzuverlässige Erzählerin handelt. Dieser atemlose stream-of-consciousness-Erzählstil unterstützt diese Lesart. Vielleicht ist ja doch „Alles nur geträumt“. Das darf man vielleicht gar nicht so ernst nehmen bzw. nicht an naturalistischen Maßstäben messen.

Anton: Diesen Gedanken finde ich sehr interessant. Ich musste mich nämlich auch hin und wieder über die Protagonistin ärgern. Ich wollte sie schütteln, ich wollte ihr sagen: Was tust du da? So im Sinne von: Reiß dich doch mal zusammen. Aber da tappe ich ja auch genau in diese Falle. Wie viel kann ich für bare Münze nehmen? Und was davon ist meine eigene Weltsicht, die internalisierten gesellschaftlichen Normen, dieser tadelnde Blick, der das Verhalten der Protagonistin auf eine ganz spezielle Weise in die Mängel nimmt? Ich glaube, dass die Autorin das ganz bewusst so macht. Ich kann mir aber auch gut vorstellen, dass dieses manchmal himmelschreiende Zum-Haare-Raufen für manche Leser, die aus einer konservativen Richtung kommen, etwas schwerer im Magen liegt. Aber in einem fiktiven, literarischen Text kann man ja genau diese Grenzen austesten, und schauen, wohin es einen verschlägt.

Könnt ihr euch mit der Protagonistin identifizieren?

Berta: Ich kann mich sehr gut mit der Protagonistin identifizieren. Als junger Mensch hat man das Gefühl, zerrissen zu sein: zwischen der Jugend und dem Erwachsenenalter, man sollte verschiedensten Ansprüchen gerecht werden, man sollte sein Leben in den Griff bekommen und nicht sinnlos herumdriften. Das sind alles Imperative der Gesellschaft. In diesem Buch wird das aufs Extrem ausgetestet: Was passiert, wenn alles über Bord geworfen wird?

Anton: Dieses Gefühl kann ich ebenfalls gut nachempfinden, und die Autorin erzählt und verstrickt das in der Geschichte auf beeindruckende Weise.

Welches Bild einer Frau entwirft Katharina Schaller in ihrem Roman?

Anton: Hier bin ich ein bisschen unschlüssig. Einerseits habe ich das Gefühl, dass die Autorin mit der Protagonistin eine freie, ungebundene, nach ihren eigenen Gesetzen lebende Figur erschaffen wollte. Das stimmt auch grundsätzlich. Aber, wenn sich die Autorin wirklich einer feministischen Perspektive annimmt, dergemäß die Protagonistin ja genau das machen kann und soll und darf, was sie will (und diese Perspektive unterstütze ich auch, wie gerade erwähnt), kommt das nicht immer so rüber. Im Endeffekt wirkt sie für mich sogar sehr abhängig: von ihren Männern, manchmal von Drogen, von Sex. Man hat das Gefühl, sie will ständig andere aufspüren und spüren, damit sie sich lebendig fühlt. Sie kann selten alleine sein. Aber gut: Sie ist einfach eine ambivalente Persönlichkeit. Und das wiederum macht sie sehr lebensnah.

Berta: Dem stimme ich zu. Für mich ist die Protagonistin keine starke Persönlichkeit, eher ein bisschen eine Anti-Heldin. So, wie sie sich anderen darbietet, sich preisgibt, das zeigt für mich eine sehr fragile Persönlichkeit, ein Lechzen nach Aufmerksamkeit. Damit muss man als Leser:in schon umgehen können. Letztlich ist ihre Flucht keine Lösung. Deswegen finde ich das Ende eigentlich auch ganz passend.

Gutes Stichwort! Ohne zu viel zu verraten: Wie fandet ihr das Ende?

Anton: Ich hätte mir erst schon einen „eindeutigeren“ Schluss gewünscht. Auf den zweiten Blick muss ich aber sagen, dass das Ende genau so passt.

Berta: Ich weiß, was du meinst, und mir ist es auch so gegangen. Sicher, die Geschichte hätte sich gerade zum Schluss noch in viele verschiedene Richtungen entwickeln können. Im Rahmen der Erzählung finde ich aber auch, dass die Geschichte genau so und genau an dem Punkt endet, wie sie enden muss.

Im Gespräch mit der Autorin: Über das Schreiben, gesellschaftliche Ansprüche und moderne Frauenfiguren

Die Autorin: Katharina Schaller, Jahrgang 1989, ist studierte Sprachwissenschaftlerin, Schriftstellerin und arbeitet als Literaturscout und Text- und Konzeptentwicklerin für die Verlagsgeschwister Löwenzahn und Haymon. Ihr Debütroman „Unterwasserflimmern“ wurde mit dem Literaturpreis der Universität Innsbruck 2020 ausgezeichnet. Wir haben uns mit der Autorin getroffen und gefragt, was hinter der Geschichte steckt.

Die Autorin | Foto: Emanuel Aeneas Photography

Gerade bei Debütromanen eine vielleicht allzu naheliegende, aber dennoch hochinteressante Frage: Wie ist die Idee für das Buch entstanden? Gab es ein spezielles Ereignis dafür? Oder ist das ganz einfach eine Geschichte, die schon lange geschlummert hat und erzählt werden musste?

Nein, es gab kein spezielles Ereignis. Ich glaube, auf eine gewisse Art und Weise hat die Geschichte wahrscheinlich schon „geschlummert“. Aber es gab keine Idee für den gesamten Plot, keinen Startschuss oder ein Konzept. Irgendwann habe ich mich hingesetzt und zehn Seiten geschrieben. Und von da an gehörte der Text zu meinen Abenden. Die Figuren, die Geschehnisse haben sich mit meinen Stimmungen entwickelt, mit den Menschen, die ich getroffen habe, mit den Dingen, die ich wahrgenommen habe. Aber: Im Roman will ich anhand der Protagonistin aufzeigen, mit welcher Wucht gesellschaftliche Ansprüche, Norm- und Moralvorstellungen auf Menschen, im Speziellen auf weiblich gelesene Personen, einwirken. Und diese Ansprüche, die Diskrepanz zwischen vorgegaukelter Freiheit bzw. Selbstbestimmung und Realität – die spürt man zwar immer, aber das wird dichter und intensiver, je mehr man erlebt, sich damit auseinandersetzt. So gesehen war das Überhandnehmen dieser Gefühle vielleicht doch eine Art Startschuss für den Schreibprozess.

Im Buch begegnen wir einer jungen Frau, die, ganz lapidar gesagt, hin- und hergerissen ist: zwischen gesellschaftlichen Anforderungen, persönlichen und fremden Erwartungen und eigenen Sehnsüchten. Ist die Protagonistin in ihren Entscheidungen, ihrem Wollen frei oder gefangen? Wer hält sie fest, wer fängt sie auf?

Sie ist beides, sie ist gefangen und frei. Das ist der Kampf, den wir in gewisser Weise ständig mit uns führen. Einerseits sind es systemimmanente Faktoren, die auf uns einwirken – und die uns in teilweise innerlich zerspringen lassen. Denn wir alle haben eine bestimmte Sozialisierung durchlebt, unter anderem ist da ein „Kodex“, auf den wir uns gesellschaftlich „geeinigt“ haben. Was dabei nur zu gern vergessen wird: Menschen sind unterschiedlich. Menschen haben verschiedene Bedürfnisse, sind geprägt von so vielen Dingen. Der Drang danach, ein Regelwerk zu erschaffen, anhand dessen wir alle kategorisieren und einteilen können, ist wahnsinnig. Und doch strebt das System, in dem wir leben, genau nach diesem Rahmen. Andererseits: Sind wir im Vergleich zu den Generationen vor uns sehr viel freier. Freier in unserer Wahl, in den Entscheidungen. Und damit haben wir auch einen „Glücksauftrag“ erhalten. Denn wer frei wählen kann – seinen Beruf, seine Beziehungsform etc. –, der:die muss doch glücklich werden. Auch die Idee, dass alles immer besser wird, ist eine, die sehr stark im Vordergrund steht: die Gesundheitsversorgung, Menschenrechte usw. Aber was ist, wenn wir plötzlich sehen: Vieles davon stimmt nicht? Was ist, wenn wir sehen, dass diese Ansprüche und Ideen für viele nicht bewältigbar sind? Und was passiert, wenn wir das nicht akzeptieren und Schuld und Verantwortung auf die jeweiligen einzelnen Personen laden? Das alles spielt eine Rolle, und deswegen: ist man wohl nie frei, auch wenn es den Anschein macht. Es ist immer eine Mischung aus fremden und eigenen Bedürfnissen, aus den Bedürfnissen der Gesellschaft, aus Prägungen, Wünschen … Und so ist es auch mit dem Festhalten und Auffangen. Es ist ein Mix aus all diesen Dingen. Die Protagonistin lebt und zehrt von Beziehungen und Kontakt in ganz verschiedenen Formen, und natürlich sind dieser Kontakt, die Gespräche, der Austausch, der Sex etwas, das sie aufhält und gleichzeitig auffängt. Vielleicht ist das etwas, das wir lernen müssen: mit Ambivalenzen leben, mit Grauzonen, mit Schwebezuständen.

Handelt es sich bei dem Buch um einen „Bildungsroman“? Gibt es für die Protagonistin einen kathartischen Moment? Oder geht es im Gegenteil darum, solche Ansprüche an einen Roman zu dekonstruieren?

Vielleicht enthält der Text Elemente eines „Bildungsromans“, aber ich würde ihn nicht so klassifizieren. Und auch die Begriffe „Katharsis“, „kathartischer Moment“ können in so viele Richtungen gedeutet werden, dass es mir schwerfällt, das zu bejahen oder zu verneinen. Das Ende des Romans bleibt zum Beispiel in gewisser Weise offen. Ohne zu viel verraten zu wollen: Mit diesem Ende schließt sich auch ein Kreis. Es gibt mittlerweile schon viele Leser:innenstimmen, positive wie negative, und manchmal kam die Frage auf: Warum hat die Protagonistin das denn alles durchmachen müssen? Wo ist die Charakterentwicklung? Aber: Warum muss man überhaupt etwas durchmachen? Vielleicht wieder etwas, von dem wir uns im Leben verabschieden müssen: die ständige Erwartung einer Verbesserung, einer Moral, einer Art „Einsicht“. So läuft es eben nicht. Ich kann nicht gesellschaftlich anprangern und dann ein Happy End liefern. Oder etwas, mit dem sich die Leser:innen wohlfühlen. Das Schönste für mich wäre, die Leser:innen würden selbst einen kathartischen Moment erfahren, und zwar durch einen nicht-distanzierten Blick auf die ungeschönten Gedanken der Protagonistin. Es wäre das Beste, sie würden aus sich heraustreten und sehen: Es gibt so viele unterschiedliche Emotionen, Umgangsformen in Situationen, es gibt verschiedenste Arten der Wahrnehmung – und selbst wenn ich sie nicht nachvollziehen kann, kann ich vielleicht verstehen: Die Welt besteht aus mehr als einer Meinung, einer Moral, einer Art, Dinge zu sehen, und das auch zu akzeptieren. Das ist doch auch letztlich das, was Lesen überhaupt so spannend macht: sich nicht dauernd selbst zu bestätigen, sondern sich neu zu verorten.

Ist die Protagonistin, obwohl natürlich eine fiktive Figur, repräsentativ für eine junge Frauenfigur der Gegenwart? Fängt sie den Zeitgeist der 2020er-Jahre ein, ist sie die Stimme einer Generation?

Das ist schwierig zu beantworten. Ich glaube, dass es viele Frauen bzw. weiblich gelesene Personen dieser Generation gibt, die solche Gedanken, Gefühle nachspüren können. Denn ja, diesen „Glücksauftrag“, die ständige Reflektion des eigenen Zustands und der Zufriedenheit – bis zum Exzess –, ist etwas, das in dieser Generation stark im Vordergrund steht. Es werden Themen bearbeitet, die heute, zumindest in bestimmten Bereichen, vielfach diskutiert sind: Beziehungsformen, Bewertungen von weiblich gelesenen Personen, Schwangerschaftsabbruch, das patriarchale System und seine Auswirkungen, selbstbestimmter Sex aus weiblicher Perspektive, die Erwartung an weiblich gelesene Personen, lieb und nett zu sein. Zeitgleich gibt es in dieser Generation viele Personen, die sich nicht damit identifizieren können. Denn ja, eine Generation eint Menschen bis zu einem gewissen Grad, aber letztlich spielt noch viel mehr eine Rolle. Und das ist das eigentlich Wunderbare: viele Menschen zu erreichen und starke Emotionen auszulösen, im Grunde egal, ob positiv oder negativ.

Katharina Schaller, Unterwasserflimmern, Haymon Verlag 2021, 240 Seiten

Was „Unterwasserflimmern“ in uns auslöst: ein abschließendes Fazit

„Unterwasserflimmern“ ist eine bewegende Erzählung, die sich rund um die namenlose Erzählerin aufbaut. Wer ist sie nun, diese Protagonistin, die uns diese rasante Geschichte auf die Nase binden möchte? Oberflächlich bestimmt sie ein Unwillen, sich zu binden, ein Unwillen, sich einem vorgezeichneten Lebensweg anzupassen. In der Intimität mit anderen versucht sie sich selbst zu ertasten, sich zu spüren. Sie ist auf der Suche, sie ist noch nicht angekommen. Aber wo überhaupt? Das ist genau die Frage, der Katharina Schaller nachspürt: Was sollen, was wollen, was dürfen wir – an dem Punkt in unserem Leben, an dem uns scheinbar alles offensteht, aber dennoch starr vorgeschrieben ist?

Katharina Schaller will uns keine normativen Kategorien zu Leben und Liebe vorlegen, kein Schema vorkauen, keine moralischen Maximen über Richtig oder Falsch in den Mund legen. Es geht nicht darum, den eigenen Weg zu finden oder darum, dass am Ende alles gut wird. Es geht genau um das Mittendrin, in dem sich die Protagonistin wiederfindet. Um die Schritte dazwischen, die unbeobachteten Momente, über die niemand spricht. Manchmal ist es das Banale, manchmal das Überwältigende. Die Protagonistin macht das, was wir uns nicht erlauben oder nicht bewusst wahrnehmen: Sie lebt, ungeachtet aller Umstände.

Dass sie keine subalterne, sondern im Gegenteil gerade privilegierte Figur ist, macht es umso spannender. Mit einer solchen sind wir Leser:innen viel strenger. Wir erlauben ihr viel weniger Handlungsspielraum. Sie soll doch froh sein, dass es ihr so gut geht, und nicht lange spinnen. Du sollst nicht lügen, du sollst nicht betrügen. Heißt es doch, oder?

Die Protagonistin hingegen lässt sich von ihren Sinnen leiten: vom Spüren, Schmecken, Einsaugen und Loslassen. Katharina Schaller bringt uns diese Sehnsüchte und Befindlichkeiten der Protagonistin in einer Sprache nahe, die leise ist und tobend zugleich. Die Lektüre gleicht wie der Geschichte einer turbulenten Fahrt, die unmittelbare, mal zärtliche und mal grobe Erzählweise im Stil eines Stream-of-Consciousness lassen uns hautnah miterleben, was die Protagonistin fühlt, lebt, denkt.

Katharina Schaller vermeidet tunlichst, Position zu beziehen, und das macht den Reiz der Geschichte aus. Die Leser:innen sind in der Deutung auf sich selbst gestellt. Aber dennoch lehrt sie uns eine wichtige Lektion: Das Leben im Moment bedeutet keine Verweigerung des Morgen.

| Julia Zachenhofer

Link zum Buch „Unterwasserflimmern“ von Katharina Schaller (2021, Haymon Verlag)

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