POSTMODERN TALKING – über die Reanimation von Räumen und die Beherbergung von Kunst

Orte, die wir für gewöhnlich nur als volle, laute Partylocations kennen und lieben, stehen nun schon seit geraumer Zeit leer und still. Während sie auf die Erlaubnis warten, endlich wieder ihrer Berufung nachzugehen, hat es das POSTMODERN-TALKING-Kollektiv, bestehend aus Franz-Xaver Franz, Martin Fritz, Lia Sudermann, Elias Candolini, Wiebke Strombeck und Gregor Steinweg, satt zu warten und nutzt den Leerstand für seine Zwecke: die p.m.k wurde kurzerhand zum Studio für die neue Staffel ihrer Show umfunktioniert. Dass die äußere Umgebung nie isoliert von den in ihr transportierten Inhalten betrachtet werden kann, ist ja hinlänglich bekannt – doch wie sehr beeinflussen Raum und Kunst einander tatsächlich? Welche Menschen kommen in der Show zu Wort und warum? Was verbirgt sich hinter dem skurrilen Performance/Kunst/Theorie/TV-Show-Gemisch überhaupt? Und wie ist die Radieschenprinzessin in all das hineingeraten? komplex hat nachgefragt.

Postmodern Talking | Bild: Carmen Sulzenbacher

komplex: Seit wann existiert Postmodern Talking und wie ist es entstanden?

Martin: Das lässt sich gar nicht so eindeutig sagen, weil wir schon länger – in auch immer wieder wechselnden Zusammensetzungen – als Kollektiv an Dingen arbeiten, die irgendwo zwischen Theater, Fernsehunterhaltungsshow und Kunstprojekt liegen, was für mich sozusagen den Kern von “Postmodern Talking” ausmacht. Bereits 2016 gab es zum Beispiel mit “Guten Abend Realweltdrohung” eine Art Vorläuferin der Show, 2017 wurde in Köln dann die erste Staffel unter dem jetzigen Namen gedreht.

Xaver: Der Name kommt übrigens von einer Trucker-Band, die ich mal hatte. Wir haben exakt einen Song aufgenommen, dann habe ich den Namen geklaut und die Band aufgelöst. Und dass ich einmal Showmoderator werde, haben schon alle zu mir als Kind gesagt. Das waren jedoch einfältige Menschen, die leicht zu unterhalten waren, aber ich habe ihnen geglaubt.

Elias: Ich bin ja auch Musiker und muss sagen, dass sich das Kollektiv “Postmodern Talking” eigentlich sehr wie eine Band anfühlt, beim Proben, beim Jammen, beim Performen, beim Technikschrauben, beim Gigs-Organisieren, Promoten – mit all den Freuden und Herausforderungen des Bandlebens.

Lia: Stimmt ja! Das hab ich mir eh immer gewünscht: Teil einer Band zu sein, obwohl ich kein Instrument spiele und singen kann ich auch nicht. Aber labern hat ja auch was sehr Musikalisches würde ich sagen.

komplex: Die neue Staffel wird in der p.m.k gedreht. Wie kam es dazu und welche Bedeutung hat dieser Ort für Euch?

Martin: Wir haben bereits im Spätsommer 2018 eine Live-Ausgabe von Postmodern Talking in der p.m.k  gespielt, von daher gibt es natürlich schon eine gewisse Verbundenheit mit der Location. Ich finde die p.m.k als grundsätzlich offener und vielfältiger Ort, der von den Mitgliedsvereinen teilweise extrem unterschiedlich bespielt und ausgestaltet wird, passt auch sehr gut zu uns.

Da in der p.m.k derzeit aus den bekannten Gründen keine Veranstaltungen mit Publikum vor Ort stattfinden können, haben wir die einmalige Chance genutzt, uns dort länger einzunisten und eine neue Inkarnation von “Postmodern Talking” auszubrüten. Wir haben uns ein richtiges Studio eingerichtet, bei der Gestaltung der Bühne und des Sets hat sich unsere Set-Designerin Wiebke Strombeck gemeinsam mit Natalie Nagl mal wieder einmal selbst übertroffen.

Xaver: Danke Martin für diese offizielle Version. In Wahrheit haben wir für die neue Staffel einfach den Ort ausgesucht, wo wir am meisten geknutscht und Schleicher getanzt haben in unserem Leben.

komplex: Welchen Einfluss übt dieser Ort auf die Show aus?

Martin: Wir arbeiten immer viel mit Improvisation und vertrauen darauf, dass wir mit dem, was wir vorfinden, spannende Sachen anstellen können, insofern lässt sich der Einfluss der p.m.k nicht überschätzen. Das war ursprünglich gar nicht in dem Maß geplant, aber es war dann tatsächlich so, dass wir das Ergebnis nicht anders denn als “p.m.k-Residency” bezeichnen konnten – das, was eben dabei rauskommt, wenn unser Kollektiv mit seinem Kosmos auf die leere p.m.k trifft.

Xaver: Die p.m.k hat für uns alle eine private, politische und berufliche Geschichte. Das ist schon was besonderes, wenn ich weiß: Da wo ich jetzt gerade moderiere habe ich schon getanzt, geknutscht und gekotzt.  Also zumindest mit mir macht das was. Deshalb war es wichtig, dass der Moderationsbereich nicht auf der Bühne ist, sondern dort, wo sonst die Tanzfläche ist. Es geht ja viel um Sprecher*innenpositionen in unserer Show. Und das ist meine.

komplex: Was ist Euer Gedanke hinter dem Projekt? Oder anders gefragt: Was wollt Ihr denn?

Elias: Irgendwie haben wir uns, seit es “Postmodern Talking” gibt, nie so ganz festlegen können bzw. wollen, was genau wir sind und machen, auch wenn die Grundpfeiler sich immer recht klar aus dem ergeben haben, wer wir „privat“ sind und was wir gut finden, womit wir uns auseinandersetzen und worüber wir sowieso gerade debattieren. Wir haben ja alle keine Schauspielausbildung, von daher war immer klar, dass wir Versionen von uns auf der Bühne zeigen wollen. Dieses Mal ist die Pandemie dazugekommen und der Wunsch, auch anderen Künstler*innen eine Plattform bieten zu können, die sie sonst gerade nicht hätten. Da hat die p.m.k perfekt gepasst, die ja auch “Plattform” im Namen trägt und schon ursprünglich aus genau dieser Idee entstanden ist.

Martin: Für mich macht vor allem die Arbeitsweise im Kollektiv “Postmodern Talking” aus. Also speziell im Kernteam gibt es nicht die klassische Arbeitsteilung und Hierarchie mit Rollen wie Regie, Performende etc., sondern alle machen das alles gemeinsam. Das gibt uns einerseits eine extrem große Freiheit, weil uns niemand außer wir selbst irgendwas vorschreiben kann und wir uns selbst nicht vorab irgendwie in unseren Möglichkeiten einschränken, ist aber andererseits auch sehr anstrengend, weil eben alles auch im Kollektiv diskutiert und entschieden werden muss. Aber diese Anstrengung ist eben unbedingt notwendig, wenn etwas rauskommen soll, das weit besser ist als wir es mit unseren individuellen Approaches schaffen könnten.

Inhaltlich geht es uns halt darum, uns in unterhaltsamer Weise mit den relevanten Themen unserer Zeit zu beschäftigen. Also für mich persönlich wäre das zum Beispiel die Propagierung von Fully Automated Luxury Queer Space Communism, aber ich schätze, das würden schon wieder nicht alle von uns gleich sehen. Oder zumindest andere Ansichten haben, wie wir dorthin kommen.

Xaver: Ich frage nie nach dem Warum, Wozu oder Wohin, ich halte das für kunstfeindlich. Kunst ist nutzlos, das ist das einzig Widerständige an ihr, ihr autonomer Anteil. Und zugleich ein Märchen, ein schlechter Witz! Denn auch wir verkaufen uns natürlich auf Social Media wie die letzten Deppen, sind nur ein Produkt. Das ist erniedrigend und wir kommen deswegen in die Hölle, aber zumindest kann ich mir selbst noch vorgaukeln, es wäre anders.

komplex: Nach welchen Kriterien sucht Ihr eure Gäst*innen aus? Mit welchen Themen sollten sich diese beschäftigen?

Martin: Da wir für die aktuelle Staffel eine Subvention aus einem speziellen Fördertopf vom Land Tirol bekommen haben, war eine Konzentration auf Leute mit Tirol-Bezug Grundvoraussetzung. Ansonsten haben wir eben Personen gesucht, die etwas zu sagen haben und das auch in unterhaltsamer Weise tun können.

Lia: Es war das erste Mal, dass wir in jeder Folge “echte” Gäst*innen hatten, die nicht wir selber in anderen Kostümen waren. Das war schon aufregend! Wir haben uns gefragt welche Leute wir eigentlich kennen und welche wir gerne kennenlernen würden. Klar wollen wir da gerne möglichst divers sein und unterschiedliche Themen drin haben, die uns auch wichtig sind.

komplex: Können sich Eure Fans als Gäst*innen bewerben?

Martin: Natürlich sehr gerne, nur ist die aktuelle Staffel bereits abgedreht – das ist also nur für allfällige nächste Staffeln möglich.

Xaver: Unsere Fans arbeiten eh schon für uns, indem sie unsere Videos liken und sharen, das muss reichen. Die will ich nicht auch noch vor der Kamera ausbeuten.

komplex: Martin, wie hast Du den Weg zur Radieschenprinzessin geschafft? Wer hat Dich gekürt?

Martin: Tatsächlich ist mir diese meine Berufung zur Radieschenprinzessin im Traum klar geworden. Also ich habe tatsächlich einmal geträumt, dass ich die Radieschenprinzessin bin. Wer wäre ich da, mich einem Traum zu widersetzen?

komplex: Wie lang willst Du Dein Amt noch ausführen? Welche Aufgaben hat eine Radieschenprinzessin und wie gehst Du mit dieser Verantwortung um?

Martin: Also auf jeden Fall so lange es nötig ist –  und so wie es aussieht, wird das noch lange so sein. Ich denke, es ist die wichtigste Aufgabe der Radieschenprinzessin, stets die bestmögliche Version ihrer Selbst werden zu wollen und alle anderen dazu anzuhalten, sich ebenfalls darum zu bemühen. Also Freude und Bezaubertsein und Verbundenheit mit allen Lebewesen zu vermitteln, und natürlich ganz speziell ganz viel Liebe zu Radieschen.

komplex: Franz Xaver Franz, wie hat sich Dein Leben als Speed-Hating-Champion verändert? Würdest Du sagen, der Ruhm ist Dir ein wenig zu Kopf gestiegen?

Xaver: Seit ich nur mehr beruflich hasse, geht es mir besser. Jetzt verdiene ich Geld mit dem Elend der Welt. Ich fühle mich wie ein Pharmakonzern oder ein Thaurer Gemüsebauer. Außerdem darf man den Hass nicht den durchgeknallten Typen im Standard-Forum überlassen. Stilvoller Hass ist wichtiger denn je!

komplex: Könntest Du Dir ein Speed-Hating-Thema aussuchen, was wär Dein liebstes?

Xaver: Bekanntlich hasse ich nichts mehr als Opportunismus, beispielsweise Künstler*innen die sich an die Kronen Zeitung verkaufen, wie es momentan häufig passiert. Prekariat wird zur Legitimation für Kollaboration, das ist so billig. Ich jedenfalls möchte meinen Lebensabend nicht in einem Internierungslager verbringen und nehme den Slogan “Wehret den Anfängen” deshalb sehr ernst.

komplex: Aber nichts scheint Dir genug. Du betreibst zusätzlich noch einen Videoblog. Was passiert dort? Und warum trägt er den Namen „Mikroplastik Florida“?

Xaver: Mikroplastik ist wie Faschismus: Steckt in jedem von uns drinnen, ohne dass wir’s merken. Und Florida kommt von Kalbshaxe Florida, das ist mein Leibgericht! Der Videoblog war ein TKI open Projekt, wo es auch viel um Tirol ging. Ich mache leider viel über Tirol, weil ich mir sonst nichts zutraue. Das ist das Provinzwürschtel in mir, der katholische Bub in all seiner Begrenztheit, kaputt und klein gemacht.

komplex: Lia, Du brüstest dich währenddessen mit dem Titel „the most angry djane in the world“. Was macht Dich so wütend? Und hat Postmodern Talking zu weniger oder mehr Hass in Dir geführt?

Lia: Das ist das Motto von meinem Alter Ego, Djane Sündemann. Als “Postmodern Talking”-Stammgast mixt sie ihre Gedanken zu Mind-Sets und legt auf wie sie aufgelegt ist: meistens eben schlecht. Die feministische Sci-Fiction-Autorin Joanna Russ hat ja mal gesagt, dass sie keinen Leuten vertraut, die nicht wütend sind. Ich ärgere mich ständig, hab aber Angst vor Konflikten und will immer, dass alle sich gegenseitig und vor allem mich mögen. Als Djane Sündemann kann ich’s den Leuten so trotzdem um die Ohren hauen. Seit “Postmodern Talking” ein reines Videoformat geworden ist und weil auflegen ohne Live-Publikum nicht so viel Spaß macht, gibt’s jetzt “Labern an der Bar” mit mir, das hat quasi den selben Effekt. In jedem Fall kann ich dabei Bier trinken, das ist wichtig.

Martin Fritz als Katze | Bild: Postmodern Talking

komplex: Martin, Du nimmst die Position von Angela Merkels entlaufener Katze ein. Hat sie jemals nach Dir gesucht?

Martin: Die echte Katze von Merkel? Nein, leider nicht, aber die kennt mich ja auch gar nicht. Ich würde sie natürlich jederzeit mit den offensten Armen empfangen.

komplex:  Fühlst Du Dich als Katze?

Martin: Das ist eine sehr gute und schwierige Frage. Ich würde eher sagen, ich weiß gar nicht, wie sich eine Katze wirklich fühlt, von daher eher leider nicht. Aber ich würde es natürlich sehr gern tun.

komplex: Die bisherigen Folgen der neuen Staffel legen ihren Fokus auf Verschwörungstheorien, auf gefallene Held*innen sowie auf „Empathie in der Landwirtschaft“. Gibt es einen roten Faden?

Martin: Ich denke ein gemeinsames Überthema dieser Staffel wie aller unserer Arbeiten ist es auszuloten, wie es sich anfühlt im Patriarchat und im Spätkapitalismus leben zu müssen und wie das verschiedene Leute mehr oder weniger aushalten und was sie dagegen zu tun versuchen. Aber ob das auf der Ebene der Themen der einzelnen Episoden als roter Faden ablesbar ist, ich weiß es nicht…

Xaver: Wir sind Derridas Text générale in Showformat: Alles hängt mit allem zusammen, und alles alles alles geht uns an!

Lia: Das klingt als Slogan zwar knackig, aber ich würds lieber mit Donna Haraway sagen: Es hängt nicht alles mit allem zusammen, sondern jedes mit etwas und diese Zusammenhänge sind interessant!

komplex: Wo soll das alles alles hinführen?

Elias: Zunächst zum Season-Finale-Furioso unserer Casting-Show für das „Widerwärtigste Luder 2021“. Davon werden wir uns alle, samt Publikum, erst einmal erholen müssen.

Martin: Längerfristig dann zur queer-feministischen Weltrevolution.

Xaver:  Und in die Zerschlagung der Kronenzeitung. Die ist aber eh in der queer-feministischen Weltrevolution inbegriffen.

Lia: Nur den Psychotest-Fragebogen behalten wir eventuell bei – natürlich in abgewandelter Form.

Die Folgen von Postmodern Talking – The p.m.k Residency werden jeden Montag um 20:15 Uhr auf ihrem Youtube-Channel veröffentlicht und können dort auch nachgeschaut werden.

| Sarah Caliciotti

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