AUS DEM UKRAINISCHEN: „Der Erzherzog, der den Schwarzmarkt regierte, Matrosen liebte und mein Großvater wurde“

Die Tatsache, dass literarische Werke in andere Sprachen übersetzt werden, ermöglicht uns Zugang zu unterschiedlichsten Kulturen und Lebensformen. Dabei ist nur Wenigen bewusst, dass rund 80% der übersetzten Werke im deutschsprachigen Buchmarkt aus dem englischsprachigen Raum stammen. Nur ein Bruchteil der Übersetzungen liegen „kleineren“ Sprachen zugrunde. Meist sind es Nischenverlage, die bewusst das Ziel verfolgen, Literatur aus unterbeleuchteten Sprachen und Regionen für das deutschsprachige Lesepublikum zugänglich zu machen – dies jedoch mehr aus ideellen als aus ökonomischen Gründen. So betreibt das auch der Innsbrucker Haymon Verlag, wo seit zehn Jahren fokussiert literarische Werke aus dem Ukrainischen ins Deutsche übersetzt werden. Ausschlaggebend war die persönliche Bekanntschaft des Verlegers Markus Hatzer mit dem ukrainischen Autor Andrej Kurkow. 

In einer neuen Beitragsreihe stellen wir ausgewählte literarische Übersetzungen vor, die wir mit Expert:innen besprechen. Den Anfang macht der Roman „Der Erzherzog, der den Schwarzmarkt regierte, Matrosen liebte und mein Großvater wurde“ von Natalka Sniadanko – erschienen vergangenen Herbst in der Übersetzung von Maria Weissenböck. Wir haben uns über den Roman und die Themen drumherum mit der Haymon-Lektorin Nina Gruber unterhalten, die den Entstehungsprozess des Buchs intensiv begleitete. 

Buchcover deutsche Übersetzung
Buchcover ukrainische Originalversion

Nina, was ist dein Background? Wie bist du als Lektorin zum Haymon Verlag gekommen? 

Ich habe Slawistik in Innsbruck studiert und habe anschließend an den Master im Verlag zu arbeiten begonnen. Den Haymon Verlag fand ich unter anderem wegen der engen Zusammenarbeit mit vielen ukrainischen Autor:innen interessant. Ukrainisch spreche ich kaum. Ich habe es vor einigen Jahren ein bisschen in der Ukraine gelernt, jetzt bin ich gerade wieder dabei, es aufzufrischen, auch, um Texte einfacher im Original lesen zu können. 

Du warst also selbst in der Ukraine – was hast du dort gemacht?

Das war großteils im Rahmen von Exkursionen der Uni Innsbruck und bei Sommerschulen. Ich konnte viel vom Land entdecken – von Ost bis West, von Nord bis Süd, von den Bergen bis zu Metropolen … 

Was ist das Faszinierende für dich an diesem Land?

Ich finde das Land total spannend, weil es eine so bewegte Geschichte hat. Als Österreicherin natürlich besonders, da die Geschichte der beiden Länder eng miteinander verwoben ist. Galizien und die Bukowina, die Städte Lwiw und Tscherniwzi – besonders dort finden sich diese Spuren. Auch die Landschaft in der Ukraine ist so abwechslungsreich, von der Steppe zu den Bergen bis hin zum mediterranen Klima im Süden. Ich habe über die Jahre viele Menschen dort kennengelernt und Freund:innen gefunden. Aus irgendeinem Grund zieht es mich einfach dorthin.

War Natalka Sniadanko die erste ukrainische Autorin, mit der du im Haymon Verlag gearbeitet hast? 

Nein, sie war nicht die erste. Dank unseres Schwerpunktes von Übersetzungen zeitgenössischer Literatur aus der Ukraine hatte ich schon davor mit ukrainischen Autor:innen zu tun.

Welche Aufgaben übernimmst du als Lektorin beim Verlag – insbesondere auch bei Übersetzungen?

Im Lektorat geht es darum, das volle Potenzial eines Texts zu schöpfen. Es ist eine intensive Arbeit am Text, die immer gemeinsam mit den Autor:innen stattfindet. Bei einem Roman zum Beispiel wird man sich zuerst gemeinsam klar darüber, wohin die Reise gehen soll, welche Aspekte, Figuren, Themen im Zentrum stehen. Danach beginnt der sprachliche Feinschliff – es wird etwa überprüft, ob Sprachbilder wirken, ob es Wiederholungen gibt etc. Den Abschluss bildet das Korrektorat, wo man auf Rechtschreibung, Grammatik, Zeichensetzung achtet. 

Bei Lektoraten von Übersetzungen fallen einige dieser Schritte weg, weil der Text ja schon steht. Man konzentriert sich auf die sprachliche Ebene und gleicht mit dem Original ab. Im besten Fall spricht man als Lektorin also die Sprache, in der das Buch im Original geschrieben wurde. Wichtig ist es dabei, immer auch das Zielpublikum im Auge zu behalten und zu überlegen, welche zusätzlichen Informationen man zum Beispiel in Form eines Glossars mitgibt, um das Verständnis von länderspezifischen Ereignissen, Persönlichkeiten etc. zu erleichtern.

Außerdem ist es wichtig, immer auch die eigene Perspektive beim Lektorat zu reflektieren: Welche Begrenzung habe ich in meiner Arbeit aufgrund meiner eigenen Lebensrealität oder Lebenserfahrung? Welche Auswirkungen hat das auf den Text und ich wie Dinge beurteile, interpretiere, betone oder abschwäche? Das alleine reicht aber oft nicht aus. Wir holen uns daher bei Buchprojekten, die dies erfordern, Unterstützung von Expert:innen und Sensitivity Readern, zum Beispiel von DisCheck.

Was war ausschlaggebend dafür, dass der Roman von Sniadanko ins Deutsche übersetzt wurde?

Von Natalka Sniadanko sind vorher schon zwei Übersetzungen bei uns erschienen: „Sammlung der Leidenschaften“ und „Frau Müller hat nicht die Absicht, mehr zu bezahlen“. Das sind zwei sehr humorvolle Romane, bei denen jeweils junge Frauen im Vordergrund stehen. Wir wussten also schon, dass Natalka Sniadanko eine tolle Schriftstellerin ist und sehr gut erzählen kann. „Der Erzherzog …“ ist ein umfangreicher, teils historischer Roman. Uns hat das Buch sofort überzeugt, weil es eine für die meisten wohl unbekannte österreichisch-ukrainische Geschichte des Habsburger Erzherzogs Wilhelm erzählt. Der Roman selbst ist eine Mischung aus Fiktion und historisch belegten Fakten, aber selbst das aus Wilhelms Leben, das historisch belegt ist, ist schon eine verrückte Geschichte. Er war ein richtiger Outlaw.

Neben Wilhelm steht auch Halyna, seine (fiktive) Enkelin im Zentrum des Romans. Natalka Sniadanko erzählt mit ihr die Geschichte einer jungen Frau, die in der schon unabhängigen Ukraine lebt – wie sie aufwächst und mit welchen Herausforderungen sie zu kämpfen hat. Da steckt ein klar feministischer Ansatz dahinter. 

Was ist in deinen Augen das Besondere an der Schreibweise von Sniadanko?

Ihre Bücher sprühen vor wunderbaren Beobachtungen. Die Autorin macht komplexe Themen auf eine sehr zugängliche Art und Weise greifbar. Sie bringt ukrainische Geschichte, Kultur und Alltagsleben in ihren Büchern ein, aber so, dass man es auch mitnehmen kann, wenn man kein Vorwissen hat. Natalka Sniadanko erzählt in einer klaren und prägnanten Sprache, die es leicht macht, alles zu fassen – auch in diesem Roman.

Weißt du etwas über die Entstehung des Romans – wie die Autorin auf dieses Thema gekommen ist? 

Natalka Sniadanko ist in Lwiw geboren und lebte dort bis vor dem Angriffskrieg . Sie kennt die Stadt, die Gegend, die Geschichte. Bis vor ein wenigen Jahren war die Geschichte Wilhelms auch in der Ukraine wenig bekannt. Zwischen dem Habsburgerreich und heute lag ja die Sowjetunion, im Zuge derer viel Geschichtsumschreibung oder -umdeutung passiert ist. Eine Figur wie Wilhelm – ein Aristokrat, der sich für eine unabhängige Ukraine einsetzt –, hatte natürlich keinen Platz in den sowjetischen Geschichtsbüchern. Unter anderem hat Timothy Snider, der viele Bücher zur Ukraine geschrieben hat, mit seinem Werk „Der rote Prinz“ auf Wilhelm aufmerksam gemacht. So ist Natalka Sniadanko auf ihn gestoßen und hat weiterrecherchiert. Es ranken sich ja immer noch Mythen darum, wie Wilhelm gestorben ist. Sniadanko ist auf verschiedene Theorien gestoßen, und die haben sie angeregt, selber die Fantasie spielen zu lassen und sich zu fragen: Was wäre denn gewesen, wenn er nicht gestorben wäre? Was für ein Leben hätte er geführt, wenn er nach dem Zweiten Weltkrieg in der Ukraine gelebt hätte? Wie hätte er sich in der Sowjetunion verhalten? – So ist die Geschichte geboren. 

Natalka Sniadanko | Bild: Kateryna Slipchenko

Würdest du sagen, du hast auch selbst etwas beim Lesen des Romans gelernt?

Auf jeden Fall, sehr viel! Ein Roman trifft mich in einer ganz anderen Art als ein Sachbuch. Ich erfahre etwas aus dem Leben unterschiedlichster Menschen und bestimmten politischen und gesellschaftlichen Umständen. Ich kann nach dem Lesen von „Der Erzherzog, …“ viele Dinge besser zuordnen und besser verstehen. Was sich für mich manifestiert hat, ist die gemeinsame Geschichte zwischen Österreich und der Ukraine, und wie wichtig es ist, daran zu erinnern, was war und welche Kontinuitäten es gibt. Wenn ich mir vorstelle, dass die Menschen hundert Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr das Bewusstsein dafür haben, was Österreich und Deutschland angerichtet haben, bereitet mir das Sorgen. Denn ich merke, was passiert, wenn Dinge aus dem Blick geraten – man fühlt sich weniger „verwandt“, man fühlt sich nicht zuständig oder verantwortlich. Das Bewusstsein von Verbundenheit hat klare Auswirkungen darauf, wem gegenüber man sich solidarisch fühlt und verhält. Das gilt auch dann, wenn es sich nicht um eine historische, geografische oder kulturelle „Verwandtschaft“ handelt. Vom Leben anderer zu erfahren und zu lesen, ihre Perspektiven und Erfahrungen kennenzulernen und mit ihnen mitzuerleben – gerade wenn sie sich von der persönlichen unterscheiden –, kann Empathie und solidarisches Handeln fördern. Natalka Sniadankos Roman löst das auf vielen verschiedenen Ebenen ein.

Mich macht der lange Buchtitel neugierig, den man sich kaum merken kann. Das ist eine ungewöhnliche Verlagsentscheidung – wie ist es dazu gekommen?

In dem Buch steckt so viel. Wir haben einen Titel gesucht, der diese Fülle wiedergibt: Wilhelms Leben, seine Enkelin. Diese Geschichte hat in keinem Drei-Wort-Titel Platz – und das muss auch nicht sein. Man darf keine Angst davor haben, Dinge einfach mal anders zu machen.

Und zum Cover: Mir sind gleich die Farben der ukrainischen Flagge im Hintergrund in die Augen gestochen, die nun allgegenwärtig sind, aber das Buch ist bereits vor Kriegsausbruch erschienen. Welche Überlegung steckt dahinter?

Sowohl mit dem Titel als auch mit dem Cover versucht man als Verlag, das, was im Buch drinsteckt, im Äußeren wiederzugeben. Das, was schon den Titel ausmacht, also diese Fülle, wollten wir auch auf dem Cover durch die Collage zum Ausdruck bringen. Es macht darüber hinaus auch den Aufbau des Romans sichtbar, denn die Geschichte wird nicht streng chronologisch erzählt. Man sieht darauf Wilhelm (den echten), Halyna und ihren Sohn, auch Orte und Epochen, etwa den k.u.k.-Doppeladler, das Auto aus Sowjetzeiten, das Unabhängigkeitsdenkmal auf dem Majdan …

Die ukrainische Flagge ist auch abgebildet, weil der Roman neben den zwei Hauptfiguren eigentlich noch eine dritte Hauptfigur hat, und das ist die Ukraine selbst – der Staat, wie er sich entwickelt hat. 

Hast du eine Lieblingsstelle im Roman oder eine Szene, die sich bei dir besonders eingeprägt hat?

Ja, bei mir prägen sich immer jene Szenen besonders gut ein, bei denen es ums Essen geht (lacht). Da gibt es eine Stelle, in der die Großmütter Sofia und Alyona im Konkurrenzkampf stehen, wenn es darum geht, Wareniky zuzubereiten. Es ist eine sehr witzige Stelle, und was ich daran so spannend finde – was auch den Stil und die satirische Ader der Autorin ausmacht – ist, dass dabei viel mehr sichtbar wird, als vordergründig beschrieben wird. Wenn Sofia und Alyona aufeinandertreffen, treffen nicht nur zwei Omas aufeinander, die ein Gericht kochen, sondern zwei Figuren mit ganz unterschiedlichem sozialen und kulturellen Hintergrund.

Großmutter Sofias Piroggen und Babuschka Aljonas Wareniky schmeckten tatsächlich verschieden, doch war es kein qualitativer Unterschied, sondern eine Erweiterung der Geschmackspalette, Das Bestreben der beiden Hausfrauen, einander zu übertreffen, gipfelte in einem nicht enden wollenden Drang nach Vollendung bei jeder der beiden. Beim Formen der Wareniky sang Großmutter Sofia oft Koledas – polnische Weihnachstslieder –, […]. Babuschka Aljona konnte nicht singen und kannte keine Lieder. Wenn sie also abends auf ihre Enkelin aufpasste, erzählte sie ihr beim Einschlafen Gedichte, die sie in ihrer sowjetischen Kindheit gelernt hatte. (S. 81.)

Mir hat sich die Taxifahrt-Szene in Wien gut eingeprägt, bei der der Taxifahrer durchwegs redet, während Halyna [die Enkelin] kaum zu Wort kommt. Die Art und Weise, wie Sniadanko diesen „Dialog“ beschreibt – ich konnte mir die Szene wunderbar vorstellen, wie in einem Film. 

„Woher ist Ihr Flugzeug gekommen? Aus Deutschland?“, fragte der Taxifahrer Halyna auf dem Weg vom Wiener Flughafen zum Hotel. „Nein, aus der Ukraine“, antwortete sie. „Aus der Ukraine?“ Der Taxilenker blühte auf. „Ich bin auch nicht von hier. Ich bin in Salzburg geboren, in der Stadt Mozarts. Kennen Sie die Stadt?“ „Ja“, sagte Halyna. […] Der Taxifahrer sprach sehr schnell und sie verstand nicht alles. Er schien ihre Gedanken zu lesen: „Na klar, wenn Sie aus der Ukraine sind, verstehen Sie mich sicher nicht so gut. Die Deutschen und wir sprechen eine ähnliche Sprache, aber ich könnte nie in Deutschland leben, dort haben sie einfach keine Esskultur. Aber die Ukraine ist da ganz anders. Die Ukrainer haben eine sehr hohe Esskultur. Ich habe einen Patensohn, seine Familie ist aus der Ukraine nach Österreich gezogen. Ich war zweimal in Kiew. Die Esskultur dort ist hervorragend. Fast wie bei den Jugoslawen. Waren Sie in Kroatien?“ „Ja.“ […] (S. 70)

Ja, Taxi-Szenen haben immer eine ganz eigene Atmosphäre, wie Bahnhöfe oder Hotels, wo viele verschiedene Menschen in diesem besonderen Kontext für eine begrenzte Zeit aufeinandertreffen. 

Hast du den Roman auch im Original gelesen und gab es Stellen, bei denen es eine Herausforderung war, sie ins Deutsche zu übersetzen? 

Ich habe das Original vorab passagenweise gelesen, unter anderem, um ein Gefühl für die Sprachmelodie zu bekommen. Die Übersetzerin, Maria Weissenböck, hat Großartiges geleistet, weil es nicht nur darum ging, alles sozusagen sprachlich korrekt und ansprechend wiederzugeben, sondern die Arbeit auch mit viel Rechercheaufwand verbunden war. Beim Lektorat von Übersetzungen stolpert man hin und wieder über Stellen, die einem seltsam vorkommen – ganz häufig sind das Sprachbilder oder Redewendungen, die es in der Ausgangssprache gibt, aber nicht in der Sprache, in die der Text übersetzt wird. Und auch viele kulturspezifische Dinge, die sich nicht wortwörtlich ins Deutsche übertragen lassen, auch äquivalente Redewendungen aus dem Deutschen funktionieren oft nicht. Maria Weissenböck hat diese Herausforderung aber wunderbar gemeistert.

Trotz Übersetzung würde ich Mehrsprachigkeit als Merkmal für den Roman nennen, weil viele Begriffe oder Aussagen in Original- und Fremdsprachen belassen wurden – nicht nur aus dem Ukrainischen, sondern auch aus anderen Sprachen… 

Da gibt es bei Übersetzungen zwei Ebenen: Einerseits, wenn im Original schon Ausdrücke aus einer anderen Sprache verwendet werden, dann wird versucht, das im Deutschen auch so wiederzugeben, damit die Welt, in der der Text spielt, entsprechend übertragen werden kann bzw. die Situation, in der sich die Lesenden der Übersetzung befinden, der entspricht, in der sich auch die Lesenden des Originaltexts befinden. Die Autor:innen verwenden diese Ausdrücke ja auch aus einem bestimmten Grund. Andererseits geht es auch darum, besonders typische Begriffe – wie Eigennamen – beizubehalten und nicht einzudeutschen. Wir hätten zum Beispiel anstatt „Wareniky“ einfach „Teigtaschen“ schreiben können, aber Wareniky sind halt ein Ding in der Ukraine, das wäre so, als würde man in Übersetzungen aus dem Deutschen in andere Sprachen nicht „Schnitzel“ schreiben, sondern eine dem Schnitzel entsprechende Umschreibung finden. Ich glaube auch, dass besonders Leser:innen von Übersetzungen Lust darauf haben, beim Lesen etwas von der Originalsprache und der jeweiligen anderen Kultur mitzubekommen. 

Es kommen manchmal auch Begriffe vor, die zwar ukrainisch sind, aber deutsch klingen, woran man erkennt, wie sehr die gemeinsame Geschichte und Kultur in die Sprache eingeflossen sind. Der Roman bringt für mich die Mulitkulturalität historischer Regionen wie Galizien zum Ausdruck, wo selbstverständlich mehrere unterschiedliche Sprachen gesprochen wurden, was ja mittlerweile kaum mehr der Fall ist… 

Ja, es ist eigenartig, weil wir alle glauben, dass wir heute so offen sind und viele Kulturen kennen, nur weil wir einmal im Monat thailändisch essen gehen oder über Social Media gut vernetzt sind – aber gleichzeitig sind wir doch großteils in unseren Blasen und Nationalstaaten verortet. Ich finde Texte über Gegenden, die von Mehrsprachigkeit und Multikulturalität geprägt sind, sehr spannend. Ich weiß zwar nicht, wie die Menschen im Galizien von vor 150 Jahren wirklich miteinander umgegangen sind. Vieles wird im Nachhinein ja verklärt oder umgedeutet, gerade wenn es um die Habsburgermonarchie geht. Aber man sieht das schon auch an der Literatur, die in Regionen wie Galizien entstanden ist, dass auf jeden Fall Sprachen und Kulturen miteinander existiert haben und in gegenseitigem Austausch standen. Und es macht den Eindruck, als wäre dieser Austausch stärker und weniger einseitig gewesen, als er heute in Österreich stattfindet.

Wie gefällt dir eigentlich das Buch – ganz ehrlich? 

Generell lese ich, ehrlich gesagt, lieber Kurzgeschichten oder weniger umfangreiche Romane, selten historische Romane, die über mehrere hundert Seiten gehen, da steige ich immer schnell aus. Was mir an diesem Roman aber so gut gefällt ist, dass die einzelnen Kapitel so viel hergeben, dass sie auch gut für sich stehen können – das liegt vermutlich daran, dass die Geschichte nicht chronologisch erzählt wird. Außerdem schafft es die Autorin, dass beim Lesen viele Bilder im Kopf entstehen. Ich habe normalerweise einen besseren Zugang zu Filmen als zu Literatur, aber Szenen und Figuren aus diesem Roman konnte ich mir so gut vorstellen, als würde ich einen Film schauen. Es wurde nie langweilig.

| Brigitte Egger


KURZBIOS

Natalka Sniadanko

geboren 1973 in Lemberg, ist Schriftstellerin, Übersetzerin und Journalistin. Die Ukrainerin kennt in Lemberg jede Ecke und hat ein Herz für exzentrische Figuren. Ihr Debütroman „Sammlung der Leidenschaften“ erschien erstmals 2007 auf Deutsch. 2016 folgte bei Haymon „Frau Müller hat nicht die Absicht, mehr zu bezahlen“. 2021 erschien mit „Der Erzherzog, der den Schwarzmarkt regierte, Matrosen liebte und mein Großvater wurde“ der dritte Roman der Autorin auf Deutsch.

Maria Weissenböck

geboren 1980 in Wien, übersetzt aus dem Ukrainischen, Belarussischen und Russischen, u. a. Werke von Taras Schewtschenko, Serhij Zhadan, Oksana Zabuzhko, Tanja Maljartschuk, Ljubko Deresch, Maria Matios, Taras Prochasko and Volja Hapeyeva.

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