Unerhörtes hörbar gemacht: mit UNTERTON in der p.m.k

Vielleicht seid ihr auf Spotify schon mal über den Innsbrucker Musikpodcast Unterton gestolpert, oder habt die ein oder andere Veranstaltung von Structure Research in der p.m.k besucht? Kuratiert werden die Formate von den Musikliebhabern Martin Bleicher und Matthias Hacksteiner, die ihr Publikum in regelmäßigen Abständen mit „Unerwartetem, Unerhörtem und Unvorhergesehenem“ konfrontieren. Letzten Donnerstag haben wir uns mit den beiden beim Joul’s für ein Interview getroffen, bevor es dann im Cinematograph und in der p.m.k mit einem extravaganten musikalischen Programm von Structure Research in Kooperation mit der Workstation weiterging. 

Martin Bleicher und Matthias Hacksteiner | Bild: Unterton

Wie stehen Unterton und Structure Research zueinander? Was war zuerst da?

Zuerst war Structure Research da. Wir haben den Kulturverein in den 90ern gegründet und damit Musikveranstaltungen sowie ein Festival im öffentlichen Raum organisiert. Unterton – der Podcast und die dazugehörige Veranstaltungsreihe – ist seit 2019 das aktuelle Projekt unseres Vereins. 

Woher kennt ihr euch? Und wie setzt sich euer Verein zusammen? 

Der Verein – das sind offiziell nur wir beide. Wir kennen uns schon seit Ewigkeiten, wir sind als Nachbarn in Steinach am Brenner aufgewachsen. Wir haben aber auch einen Pool von ca. zehn Leuten, die bei uns mithelfen, viele davon kommen ebenso aus der Region Wipptal. 

Wie ist die Idee zum Projekt Unterton entstanden? Was bedeutet der Name?

Wir beide sind extreme Musikliebhaber und pflegen in unserer Freizeit einen regen Austausch über Musik. Mit dem Podcast-Hype dachten wir uns, dass es cool wäre, unsere Gespräche in einen Rahmen zu bringen. 2019 haben wir dann mit dem Unterton-Podcast gestartet, der auch von einer Veranstaltungsreihe begleitet wird. 

„Unterton“ ist einerseits ein Bezug zur Untergrund-Szene. Und in der Musik gibt es ja sogenannte Obertöne und Untertöne, Untertöne sind die, die eher im Hintergrund sind. So wollen wir versuchen, diese unbekannteren Töne zu präsentieren.

Welche Podcast-Folge hat euch bisher am meisten Spaß gemacht?

Martin: „Die Liebe“. Ich höre mir jede Folge nochmals an, aber die über die Liebe, die hab ich mir vier Mal angehört. 

Matthias: Ich hab die „Guilty Pleasures“ am Lustigsten gefunden, weil die so ungewöhnlich war, auch für mich selber – zu überlegen: „Was taugt mir eigentlich für Musik, zu der ich sonst vielleicht nicht so stehe?“

Weitaus am Erfolgreichsten, was Zuhörerzahlen betrifft, war aber die „Drum & Bass“-Folge. 

Inwieweit sprecht ihr euch vor der Aufnahme ab? Musstet ihr auch schon mal eine Folge verschmeißen, die nicht funktioniert hat?

Wir haben uns gewandelt: Am Anfang sind wir strukturierter vorgegangen, auch die Aufnahmen haben wir im Nachhinein editiert. Mittlerweile ist es aber wirklich eine One-Take-G’schicht, die so steht wie sie ist. Natürlich sind wir so nicht zu hundert Prozent vorbereitet, aber wir würden es nicht mehr anders machen. Wenn ein Fehler passiert, passiert halt ein Fehler. Aber dafür wirkt das Ganze nicht mehr so steif. 

Eure Herkunft lässt sich manchmal im Podcast heraushören. Was ist euer Zugang zur Sprache?

Wir wollen den Podcast bewusst regional halten, deswegen reden wir auch nicht richtig hochdeutsch. Am Anfang haben wir noch darauf geachtet, aber wir sind langsam davon weg gegangen, weil wir uns in unserer Sprache wohler fühlen und es uns nicht um den großen Durchbruch geht, sondern es soll uns einfach Spaß machen. Trotzdem bemühen wir uns natürlich um Verständlichkeit. 

Was ist das Besondere an eurer Veranstaltungsreihe? 

Wir wollen Musik, die bei uns nicht so oft zu hören ist, nach Innsbruck holen und somit interessante Musiker:innen fördern. Uns ist dabei auch die Dokumentation und mediale Aufarbeitung wichtig. Wolfgang und Caro, unsere Helfer:innen, führen mit allen Künstler:innen Interviews, die wir nachträglich auf unserem Youtube-Kanal veröffentlichen. 

Das ist schön, weil man so mit den Musiker:innen anders ins Gespräch kommt. Wir bekommen auch durchwegs gutes Feedback von ihnen, weil das auch von Interesse an ihrer Arbeit zeugt. 

Interview mit Gwenifer Raymond vom 19.05.22 im Weyrer Loft Innsbruck

Was war bis dato euer Konzerthighlight aus der Unterton-Reihe? 

Vermutlich das Open-Air-Konzert am 4. August dieses Jahres mit Etran de L’Aïr im Sillwerk. Die Show war ein unglaubliches Erlebnis – auch die Dynamik unter dem Publikum – das dauert in Innsbruck oft lange, bis solch ekstatische Momente bei Konzerten entstehen. Wir haben die nigerianischen Musiker dann drei Tage bei einem Bekannten von uns auf der Sattelbergalm übernachten lassen und sie dort oben auch besucht. Das hat ihnen voll getaugt. 

Etran de L’Aïr im Sillwerk | Bild: Unterton

Wie kommt ihr zu neuer Musik?

Ganz unterschiedlich: Wir lesen viel online, durchstöbern Bandcamp, haben Musikmagazine abonniert, besuchen internationale Festivals, mittlerweile sind auch Algorithmen gut auf uns eingestellt…  da kommt so viel zusammen, dass wir eher anfangen müssen, zu filtern. Wir haben mehr Ideen als wir machen können. Es war noch nie so leicht, zu neuer Musik zu kommen, wie heutzutage. 

Ist euer Podcast partizipativ – nehmt ihr Vorschläge für Themen und Musik an?

Das wäre auf jeden Fall unser Anliegen – ja gern, könnten mehr sein! Was Feedback anbelangt, da sind wir noch nicht so gut aufgestellt. Aber wir freuen uns darüber und nehmen gerne Vorschläge an – am besten erreicht man uns über unsere E-Mail-Adresse: info@unterton.org

Wie finanziert ihr eure Arbeit?

Wir haben Förderungen von der Stadt und vom Land bekommen, und erhalten uns auch durch Einnahmen von Veranstaltungen – aber von Fair Pay sind wir noch weit weg, den Künstler:innen würden wir gerne viel mehr bezahlen. Auch wir machen unsere Arbeit zu hundert Prozent ehrenamtlich. 

Was ist für euch das Schöne an dem Projekt und an eurer Zusammenarbeit?

Dass wir damit unser Hobby verfolgen – ohne Druck und ohne finanzielles Interesse. Wir produzieren unsere Folgen nach Lust und Laune, ganz unverfänglich und unkompliziert und holen Musiker:innen nach Innsbruck, die wir selber gerne sehen wollen. Der Podcast hat schon auch etwas Buddy-haftes, da müssen wir beim Reden oft aufpassen, dass wir nicht zu viele Insider drin haben. 


TRANS-AEOLIAN TRANSMISSION / HÄSSÄN K / PUTAN CLUB

Nach dem Interview ging es im Cinematograph mit der Live-Film-Vertonung „Xinjiang, Taklamakan & Karakoram – A Concert-Road-Movie from Trans-Aeolian Transmission“ (Xinjiang, 2016, 70min) von Francois R. Cambuzat (FR) und Gianna Greco (IT) weiter. „Das ist ein Musikerpaar, das ungefähr 200 Tage im Jahr quer durch die Welt – von Wladiwostok bis nach Kanada – reist und dabei Konzerte spielt“, so Unterton, die diese Veranstaltung eigentlich als Auftakt für 2020 geplant hätten, aber aufgrund von Covid um zwei Jahre verschieben mussten.

(Der gesamte Film ist auch auf Youtube zu finden)

Der präsentierte Film zeigt Ausschnitte von einem Roadtrip durch die chinesische Region Xinjiang, wo sich Cambuzat und Greco intensiv mit Schamanismus und der Musik der Uyghuren beschäftigten. Einflüsse daraus sind nun in ihrem Soundtrack zu hören. „Schamanen zeigen wir im Film aber keine – denn auf die Ausübung des Schamanismus gilt in China die Todesstrafe“, erzählt Cambuzat in seinen einleitenden Worten. Der Film hat etwas Dokumentarisches, zwischen dem Bildmaterial werden immer wieder Informationen über die Region Xinjiang eingeblendet, deren Bevölkerung aufgrund der starken Unterdrückung in China seit Jahren für Autonomie kämpft. „Aber davon wird in den westlichen Medien kaum berichtet“, so die Musiker:innen, die in einem Zwiespalt stehen: Zum einen verhelfen sie durch ihr Projekt einer unterdrückten Gesellschaft und Kultur zu Sichtbarkeit, zum anderen tragen sie durch die Veröffentlichung ihres Materials und ihrer engen Zusammenarbeit mit Menschen in Xinjiang zu deren persönlichen Gefährdung bei. Ein zwiespältiges Gefühl, das die gesamte Live-Performance begleitet und sich merklich auch auf das Publikum überträgt, das nach dem Konzert eine ungewöhnliche Stille ausstrahlt.

Etwas aufgelockert wird die Stimmung dann von Keyvane Alinaghi alias Hässän K auf der p.m.k Stage. „Hässän K hosten wir bereits zum zweiten Mal – er war damals schließlich der erste Act, der unsere Reihe anstatt der beiden Musiker eröffnete, mit denen er heute gemeinsam auftritt“, erzählen Unterton. Der französisch-iranische Künstler steht als One-Man-Band allein auf der Bühne, vereint dafür aber zig-Genres in seiner Musik: von Surf Rock über Melodic Metal bis zu arabischer Hochzeitsmusik. Trotz der chaotisch-hektischen Melodien schafft er es, einen fast schon meditativen Trance-Zustand zu evozieren. Dass seine Live-Shows mitunter zur Ekstase führen, bestätigen vereinzelt exzessiv Tanzende im Publikum. Bevor er noch zwei Zugaben spielt, verweist er auf seine mitgebrachten Sticker: „I’m not on the Social Networks“ – möchte man ihm Folgen, finde man auf diesem Sticker Infos zur Newsletter-Anmeldung:

Sticker von Hässän K | Bild: Brigitte Egger

Den Abschluss des Konzertabends machen wiederum Francois R. Cambuzat und Gianna Greco mit ihrem musikalischen Project Putan Club: “The PUTAN CLUB is NOT a PUNK band, but takes everything it needs […]. The Putan Club is a TEST BENCH“, wie sie sich selbst beschreiben. Im Vorraum der p.m.k bleibt es keinem Vorbehalten, auf seinem oder ihren Platz zu bleiben. Die beiden Musiker:innen bewegen sich quer durch den Raum, nehmen die ein oder andere Person an der Hand und stellen sie woanders wieder ab. Auch mit den Zuschauer:innen, die durch das Straßenfenster blicken, wird zuweilen kommuniziert. 

Mit der Veranstaltung stand die p.m.k wieder unter einer besonderen Atmosphäre, die vor allem auch die Vorfreude auf eine vielversprechende Reihe von Konzerten in der Herbstsaison wachsen ließ.  

| Brigitte Egger


Links

www.unterton.org

Unterton auf Spotify | Unterton auf Youtube

Empfehlung am Rande: “This Sound I Ride” – ein weiterer Musikpodcast auf Englisch von Martin Bleicher

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