Aufgeschnittene Leiber, entblößte Organe: Wenn Kunst über dem Seziertisch hängt

Sie pendelt gerne zwischen Extremen hin und her, verwebt Kontraste und grast Verhältnisse zwischen Kunst und Gesellschaft ab, mit Tendenz, versteckte Tabus sichtbar zu machen. Nikolina Žunec findet ihre Themen als Künstlerin nicht zuletzt fernab des Mainstreams wie gesellschaftlicher Normen auf und scheut das Experiment nicht. In ihrer aktuellen Ausstellung „Running Anatomy“, die gestern im Institut für Klinisch-Funktionelle Anatomie in Innsbruck eröffnete und noch einen Monat laufen wird, rückt sie verselbstständigte Organe ohne Körper ins Zentrum und spielt mit den Konzepten der Wissenschaft und ihren (Un)Möglichkeiten. 

„Oh My God, It’s My Brain!“ aus Running Anatomy | Bild: Nikolina Žunec

Es hört sich fast schon ein wenig makaber an: Ausgerechnet ein Seziersaal im medizinischen Institut verwandelt sich temporär in einen Schauraum für Kunst, sperrt seine Tore der Öffentlichkeit auf und zelebriert seine Vernissage über den Tischen, an denen gemeinhin Leichen auseinandergenommen werden. Bedenkt man, was für gewöhnlich hinter diesen verschlossenen Türen passiert, wird dem Publikum wohl etwas flau im Magen. Vermengt jedoch mit einem Gefühl der Magie, an einem ausschließlich Ärzt:innen und Naturwissenschaftler:innen vorbehaltenen Ort zu stehen, der sich uns entzieht und für den Moment wie selbstverständlich betreten werden kann. Die Kunst von Nikolina Žunec aka Schuh Netz trägt ihren Teil dazu bei, dieses Erlebnis zu intensivieren: „Es ist das erste Mal, dass in diesem Räumen eine Ausstellung bildender Kunst stattfindet“, so die Künstlerin, die den Drang nach Neuem liebt.

Um einzelne Körperteile geht es auch in der Kunstschau und mit ihnen zeitgleich um Geschichte, Realität und Absurdität der bespielten Räumlichkeiten. An den Wänden: Grafiken von lose dargestellten Organen, die ihr Eigenleben erhalten, teils auf humorvoll-absurde wie skurrile Weise, nicht zuletzt aber auch mit Schwenk in eine gesellschaftskritische Ebene. Sie sind vom Körper entfremdet, haben sich selbstständig gemacht. So aufschreckend wie der Ort selbst, lassen auch diese Kunstwerke Betrachter:innen mit einem durchwegs mulmigen Gefühl zurück, aber gehen noch darüber hinaus, um schließlich in einem Erwachungszustand zu münden, bereit, angenommene Selbstverständlichkeiten anzuzweifeln: Ist wirklich alles so, wie wir es deuten? Was geschieht, wenn sicher Geglaubtes plötzlich umgekippt wird?

Seziersaal, Institut für Klinisch-Funktionelle Anatomie, Innsbruck | Bild: Delia Salzmann

Nikolina Žunec verwandelt die anatomische Werkstätte ist ein großes Versuchslabor, das starre Einordnungen zunichtemacht und Gegenpositionen dazu formuliert. Durchwegs mit lachendem Auge. Vor allem lässt sie Kunst und Wissenschaft aufeinanderprallen und blickt darauf, was geschieht. Wie verhalten sich Kunst und Medizin als Sparten zueinander, wenn freie künstlerische Positionen plötzlich logische Grundsätze der Biologie herausfordern? Das alles probiert Žunec im exklusiven Ambiente mit ihren Zeichnungen aus, in weiterer Folge auch auf eine philosophisch-metaphorische Ebene verweisend, die bis hinein in Gefilde demokratiepolitischer Realitäten und Illusionen reicht:

„Hinter der von mir gezeichneten Bilderserie innerer Körperteile, die nicht als mehr als Teil eines gesamten Organismus gezeiht werden, steckt das Paradigma des organlosen Körpers von Felix Guattari und Gilles Deleuze. Hier geht es darum, das Zentrum der Macht aufzubrechen und in einzelne Teile zu demontieren und zu demokratisieren“

betont Žunec. Mit Organen, die nicht in geringster Weise das Interesse haben, sich dem Gehirn als Schaltstelle unterzuordnen und verselbstständigt werden, schafft die Künstlerin eine ironische Übersteigerung dessen, was einst das französische Autorenduo Dellueze und Guattari formulierte. Sie untersucht, was dann passiert, wenn Milz, Leber und Darm plötzlich eine eigene Persönlichkeit erhalten. Wo wir dann in der Mitte der Gesellschaft angelangt sind, die Žunec vornehmlich mit all den Randerscheinungen interessiert und gerne systematisch ins Zentrum hievt. Übertragen auf andere Lebensbereiche, erhalten Žunecs Arbeiten eine höchst politische Dimension, die von psychischen Zuständen ausgehend, über gesellschaftliche Macht bis zu den Gender Studies seine Kreise zieht.

Nikolina Žunec vor ihrer Mural, Talstation

Nikolina Žunec selbst ist in Karlovac geboren und war lange Zeit als kroatischsprachige Autorin tätig. Mit der Übersiedelung nach Innsbruck im Jahre 2003 versuchte sie ihre Sprachlosigkeit zu kompensieren und fand in der bildenden Kunst ein Ventil, um sich kreativ auszudrücken. Ihr Spektrum ist äußerst breit und vielfältig, ihre Werke schlagen thematisch wie gestalterisch abrupt Brücken von Utopien hin zu Dystopien, von Absurditäten hin zum Ernst des Lebens, von Kitsch in den Minimalismus wie auch von monochromen Gemälden hinein in bunte Farbwelten. Wobei die Künstlerin ihren Kick stets im Ausloten von Extremen sucht. Gerne sucht sie ihre Inspiration in Randphänomenen auf, die gesellschaftlich übersehen werden:

„Ich möchte Banalitäten und Dinge, die übersehen werden, augenscheinlich machen und künstlerisch eine Stimme verleihen. In diesem Sinne lasse ich mich gerne von Art brut, sprich von künstlerischen Positionen der Außenseiter:innen, inspirieren. Umgekehrt gebe ich all den gesellschaftlichen Outsidern, sowie Obdachlosen, Kindern und Tieren auch einen zentralen Platz in meinen Werken“

so die Künstlerin, die ihre Kunst als anarchistisch bezeichnet. Wie in einer Fotoserie, bestehend aus Abbildungen von gebissenen Fingernägeln, macht sie Dinge sichtbar, die ansonsten versteckt oder verborgen werden. Tabugrenzen kennt Žunec kaum, sie übt sich an verschiedensten Techniken, kombiniert mit Belieben und blickt über den Tellerrand hinaus. Von Spraykunst über Tape-Techniken bis hin zu multimedialen Projekten lässt sich die Künstlerin im großen Feld der Kunst treiben und findet ihren Anker auf stets neuem Terrain. Wie eine gemeinschaftlich mit ihrem Partner Bertram Schrettl ins Leben gerufene Multimediale Galerie in Innsbruck, aber auch viele ihrer jüngeren Arbeiten beweisen, beschäftigt sie isch aktuell stark mit künstlerischen Möglichkeiten neuer Technologien. Mit Elementen aus Augmented Reality und der Mapping-Technologie lässt sie analoge und digitale Welten fluide werden, wie sie auch das Agieren in den Schnittstellen der virtuellen Realität auskostet. Oder in digitalen Hashtags, die künstlerisch auf Leinwand gemalt werden, um eine analoge optische Illusion zu erzeugen: Nikolina Žunec schreitet ihre Wege am Puls der Zeit und weit darüber hinaus. Ganz gleich ob gemalte Poesie, psychedelische Kunst oder empörend wirkende künstlerische Entlehnungen aus der Wirklichkeit – ihr Anspruch ist es, der Welt gewissermaßen den Spiegel vorzuhalten. Der Zauber ihrer Werke entfaltet sich in erster Linie in der Ungewissheit. Ihre Arbeiten sind derart facettenreich, man weiß nie, was als nächstes kommt.

| Florian Gucher

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