Während in den letzten Monaten am ehemaligen Industrieareal St. Bartlmä kulturell Vieles zum Stillstand gekommen ist, brachte das zweitätige ZUNDER FESTIVAL Mitte Juni endlich wieder Leben in die Halle 6. Ein audiovisuelles Gesamtkunstwerk, das Performer:innen aus verschiedensten Spektren der experimentellen elektronischen Musik nach Innsbruck einlud. Eindrücke vom Festival und Gedanken zur Kulturarbeit am Standort St. Bartlmä gibt es im Nachbericht.

Mein erster Besuch am Areal St. Bartlmä liegt schon einige Jahre zurück. Damals erzählte mir ein Freund von einem „fensterlosen Turm“, bewohnt von zwei Brüdern, den er in einer Kurzgeschichte von Schriftsteller Thomas Bernhard entdeckt hatte. Der Freund meinte, er habe geforscht, Karten studiert und Indizien kombiniert und den echten Turm gefunden, und jetzt wollte er ihn mit mir besichtigen. Ein paar Stunden und einen Spaziergang ins Ungewisse später befanden wir uns im Vorgarten eines Schützenvereins, fühlten uns mitten in Wilten plötzlich in die Dorfidylle versetzt, und vor uns stand ein verschrobenes kleines Türmchen: die Kapelle von St. Bartlmä.
In den darauffolgenden Jahren wurde das verlassene Fabriksgelände der ehemaligen Gießerei Oberhammer, Nachbarin der Kapelle, plötzlich von einer Horde von Handwerker:innen und Kulturarbeiter:innen neu besiedelt, und an einem Tag im Juni 2026 sitzen wir wieder in dieser kleinen Kirche. Diesmal, weil Fabian Lanzmaier im Rahmen des ZUNDER FESTIVALS hier eine Sound-Performance spielt.

„Ich bin immer auf der Suche nach neuen Klängen und Formen“ erklärt der Künstler. „Das ist generell mein Antrieb beim Musikmachen: etwas Neues zu entdecken, das ich nur innerhalb eines experimentellen Prozesses finden kann und das mich überrascht.“ Für das ZUNDER FESTIVAL installierte Fabian Lanzmaier ein selbstgebautes Mehrkanalsystem mit insgesamt zehn Lautsprechern in der Kapelle. Er experimentierte mit verschiedenen Klängen und Lautsprecheraufstellungen und erarbeitete ein an die Kapelle angepasstes Live-Set: „Mich interessiert vor allem die Wahrnehmung von Sound im Raum und die Frage, wie dieser Raum verändert, geformt und bewegt werden kann.“
Die Performance wurde an den beiden Festivaltagen, immer vor begrenzter Zuschauer:innenzahl, insgesamt fünf Mal gezeigt und fiel dabei jedes Mal ein bisschen anders aus: „Viele der Software-Instrumente, die ich verwendet habe, sind komplex und nur begrenzt kontrollierbar. Dadurch bleibt der Prozess auch für mich spannend, und die Performances können sich jedes Mal in unterschiedliche Richtungen entwickeln“ so Fabian Lanzmaier. Nach einem Besuch in der Kapelle einige Monate zuvor begleiteten die räumlichen Eindrücke den Künstler während der Vorbereitung. Direkt vor dem Festival verbrachte er dann vier ganze Tage dort. Sein erster Auftritt in einem sakralen Gebäude war es zwar nicht, spielte er doch ein paar Wochen zuvor mit seinem Projekt agar agar in der Minoritenkirche in Krems. Zu seinem Eindruck vom Raum erklärt er aber:
„Die Kapelle am Bartlmä-Areal unterscheidet sich deutlich davon, da sie noch für Gottesdienste verwendet wird und in ihrer Gestalt sehr puristisch ist. Anfangs war ich etwas überwältigt, da der Ort kulturell so aufgeladen ist und ich jede Geste und deren mögliche Bedeutung doppelt überprüfen wollte. Viele Entscheidungen, wie etwa: wo ich mich im Raum positioniere, welche Sounds ich spiele, wie das Publikum sitzt oder welche Lichtsituation ich wähle, erschienen dadurch bedeutungsvoller als sonst. Solche Fragen spielen zwar bei jeder Arbeit eine Rolle, aber hier musste ich mich stärker mit dem Kontext des Ortes auseinandersetzen als in einem klassischen Ausstellungs- oder Konzertraum.“

Früher war die Kirche das Herz einer Stadt. Um das spirituelle Zentrum herum breitete sich eine Siedlung aus, und hier kam man zusammen; nicht nur zum Beten, auch, um sich auszutauschen, und das in einer Regelmäßigkeit, auf die sich alle verlassen konnten. Heute, in einer zunehmend säkularisierten Gesellschaft, hat eine Stadt vielleicht verschiedene Herzen. In Innsbruck könnte im Frühling ein solches Herz zum Beispiel der Marktplatz sein, wenn sich am Spätnachmittag dort hunderte Leute zum Sitzen, Trinken, Malen, Häkeln und Reden versammeln. Eines der Herzen der Stadt ist in den letzten Jahren auch St. Bartlmä geworden. Ein Ort, an dem sich nicht nur Schützenverein, Gießerei und Geistlichkeit mischen. Tagsüber wuseln hier die unterschiedlichsten Arbeiter:innen übers Areal, es wird an Autos geschraubt, getöpfert, Veranstaltungsequipment verliehen und Kunst gemacht, sogar ein Fitnessstudio gibt es mittlerweile. Im Oberstübchen feilen Menschen vor PCs an Architektur, Visuals und Quantenphysik. Und wenn sich am Areal die Dunkelheit breitmacht, erklingt Musik aus den Hallen. Alles von den Klangspuren und den Wiltener Sängerknaben bis zum antifaschistischen Kampfsportturnier und der Soliparty für zivile Seenotrettung war hier schon zu Gast – an Anfragen mangelt es in Anbetracht des geringen Angebots an Räumlichkeiten in Innsbruck nie. Anders als viele dieser Veranstaltungen ist das ZUNDER FESTIVAL aber eine reine Eigenproduktion, quasi direkt aus dem Herzblut des Vereins SNKTBRTLM gespeist, welcher sich unter anderem aus den schon lange bestehenden Innsbrucker Veranstaltungskollektiven Verschubu Records und Inseminoid zusammensetzt. Hier unterstützt der Verein nicht nur bei der Umsetzung von Ideen, sondern glänzt mit den eigenen.
Fünfzehn Stunden haben sie hier gestern Lichter aufgehängt, erzählt mir Thomas vom Team lachend am ersten Veranstaltungstag. Nicht, weil es unbedingt nötig war, sondern weil es eben so lang gedauert hat, bis alle komplett zufrieden waren. Zwischen den Hallen haben Architekturstudierende des ./studio3 – Institut für experimentelle Architektur unter Leitung von Teilen des Festivalteams eine Aufenthaltslandschaft gebaut. Bunte Charaktere wuseln über die Baugerüste, die an den Bereich hinter einer Bühne erinnern sollen, dort also, wo gemalt, geschraubt und an Ideen geschliffen wird. Mir scheint das wie ein Sinnbild für das, was das Areal als Ganzes für die Stadt leistet. Als es langsam dunkel wird, überziehen flimmernde Projektionen die Landschaft mit einer weiteren Schicht Farbe und Form. Die eingebauten Aschenbecher in Pastellfarben haben es mir besonders angetan, und, dass vor jedem Act über den Eingang der Hallentür projiziert wird, wer als nächstes spielen wird. Das sind kleine Dinge, aber sie zeigen, dass das Festivalteam sich hier jede Ecke anschaut und überlegt „was könnte man da machen?“.
Das Musikprogramm hat auf einem Spektrum von in Trance versetzenden Ambient-Performances bis zu hartem Geballere alles zu bieten und hält einige Überraschungen bereit. Chloe Ryo entlockt ihrer Posaune Geräusche und Stimmungen, die ich so noch nie gehört habe, und mischt sie mit elektronischen Klängen und ominösem Flüstern. Ähnlich verzaubernd ist die Performance von Brootworth ft. Rogine, die, eigentlich beide Solokünstler:innen, zum ersten Mal gemeinsam auftreten und intensive Soundscapes mit einer Art Spoken-Word-Poetry verweben. Immer wieder bleiben Wortfetzen in meinem Kopf hängen, über die ich während dem Konzert nachdenke. Auch die immersiven Konzerte von Aho Ssan aus Paris und Hüma Utku aus der Türkei bleiben mir besonders im Gedächtnis.

Das ZUNDER FESTIVAL ist deshalb ein rarer Besuch im Areal, weil hier seit 2026 aufgrund neuer Verordnungen beinahe alles stillsteht. Nur noch an zehn Tagen im Jahr sind derzeit Veranstaltungen erlaubt – zwar gibt es seit letztem Jahr zusätzlich eine Förderung, trotzdem ist es mit den Einnahmen aus so wenigen Veranstaltungen beinahe unmöglich, die Miete zu bezahlen. Mal abgesehen davon, dass es die Menge an Arbeit und Zeit, die hier (ehrenamtlich!) in Renovierungen gesteckt wurde, ad absurdum führt.
Egal wie viele Veranstaltungshallen plattgemacht und wie viele Mietverträge aufgrund von Anrainerbeschwerden nicht verlängert werden, Menschen werden sich immer wieder sammeln, um gemeinsam etwas zu organisieren, und ihr Ideenreichtum ist nicht totzukriegen; ihre Motivation, etwas auf die Beine zu stellen, nicht für Geld, sondern, obwohl es keines gibt. Was aber schon totzukriegen ist, ist die Gemeinschaftlichkeit und das Gefühl der Zugehörigkeit. Wenn mein Lieblingslokal schließt, kann ich stattdessen zwar einen anderen Ort aufsuchen, einen IIG-Kulturraum vielleicht, wo vor dem nächsten Pilates-Kurs zwei Stunden für eine Kulturveranstaltung anberaumt wurden, aber da kenne ich eben niemanden, und die Wände dieses Ortes haben keine Geschichte, und am Klo klebt auf den Fliesen nirgendwo ein Pickerl vom Verein meiner Freund:innen.
Das ständige Schließen von Räumen und Deplatzieren von Vereinen macht den Bruch in subkultureller Kontinuität, den die Pandemiejahre ohnehin schon in unsere Soziallandschaft gerissen haben, noch scharfkantiger. Kulturräume bergen Jahre der Erfahrung, die nur dadurch, dass ein Raum dauerhaft besteht, wachsen und an die nächsten Generationen von Veranstalter:innen weitergegeben werden kann. Auch ein Veranstaltungskollektiv fällt nicht einfach vom Himmel: die Menschen müssen sich kennen und mögen, um Aufgaben sinnvoll aufzuteilen und die Verantwortung für ein Projekt gemeinsam zu tragen. Wenn wir jedes Mal wieder vor leeren weißen Räumen stehen, dann müssen wir jedes Mal wieder von vorne anfangen zu lernen, wie alles funktioniert, und alles von null aufbauen: Equipment und Infrastruktur, die Veranstaltungen möglich machen, ein Netzwerk von Menschen, die bereit sind, oft unbezahlt an Bar und Tür auszuhelfen, gute Beziehungen zu den Nachbar:innen, Bekanntheit in der Stadt und bei der Politik, falls man Förderungen braucht, und allem voran natürlich ein Publikum, das regelmäßig kommt. Im Grunde lagert in jedem Veranstaltungsraum ein Schatz, und deswegen graut mir jedes Mal, wenn wieder einer geschlossen wird. Mal ganz abgesehen davon, dass es die Menschen emotional schlaucht, die Jahre ihrer Lebenszeit in Räume investieren, die dann aus fadenscheinigen Gründen geschlossen werden. Kein Wunder, wenn Einzelpersonen nicht noch einmal die Motivation aufbringen, um ein neues Projekt aufzubauen. Manchmal sind Idealismus, Vertrauen und Glaube an die Sache dann einfach dahin. Kulturarbeiter:innen und die Räume, die sie gestalten, werden in der Innsbrucker Politik völlig missverstanden: als austauschbar.
Laut Duden ist ein Zunder ein „(…) leicht brennbares Material, das zum Feueranzünden verwendet wird“. Und „jemandem Zunder geben“ heißt umgangssprachlich: „jemanden zu größerer Eile antreiben“. Es bleibt nur zu hoffen, dass dieses Festival der Politik Zunder gibt, endlich eine Lösung zu erarbeiten. Bevor auch noch das letzte Feuer gelöscht ist.
| Delia Salzmann
Zu einem komplex-Interview mit der Künstlerin Sanna Lu Una, die am Freitagabend auftrat, geht es hier.
