Livefilmvertonung ĎZIM ŠVANTÉ / Christoph Fügenschuh

Regie: Michail Kalatozov

Live-Vertonung: Christoph Fügenschuh

Von Glück im Unglück kann man sprechen, wenn sich das IFFI und das Heart of Noise Festival zwar überschneiden, daraus aber eine wunderbare Kollaboration entsteht. Christoph Fügenschuh hat Michail Kalatozovs Film „Ďzim Švanté“ aus dem Jahr 1930 neu vertont und durch die Stimmigkeit zwischen der expressiven Bildgewalt und den modernen Klängen gezeigt, wie avantgardistisch der Film tatsächlich war.
Ursprünglich wollte Michail Kalatozov einen Spielfilm mit dem Titel „A blind woman“ drehen. Dieses Projekt scheiterte, jedoch landeten einige Ausschnitte daraus im Stummfilm „Ďzim Švanté“ zu Deutsch „Das Salz Swanetiens“.  „Ďzim Švanté“ ist weder Dokumentarfilm noch Spielfilm, sondern vielmehr eine moderne Mischung aus beidem. Mit emotionaler Bildsprache porträtiert Kalatozov das Leben in einem abgeschiedenen Dorf in den kaukasischen Bergen. Die Bildfolgen wurden stets von russischen Textstellen unterbrochen. Da wir dieser Sprache nicht mächtig sind, mussten wir uns voll und ganz auf die visuelle Komposition und nicht zuletzt den Soundtrack verlassen. Das reichte aber aus, um uns auf eine Reise in längst vergangene Zeiten mitzunehmen. Erst als dann fünf Minuten vor Schluss die Technik versagte und die Filmmusik aussetzte bemerkten wir, wie sehr uns der Film in Kombination mit der Musik in seinen Bann gezogen hatte. Ebenso wussten wir plötzlich die musikalische Komponente noch viel mehr zu schätzen, denn obwohl die Bilder sehr eindrucksvoll waren, so verlor der Film ohne die perfekt inszenierte Musik doch etwas von seinem Zauber. Auf einen Schlag befanden wir uns nicht mehr in der Einöde der georgischen Berglandschaft, sondern wieder im bis zum letzten Platz gefülltem Cinematograph.

Kurzinterview mit Christoph Fügenschuh

Nach der Filmvorführung haben wir dem Komponisten Christoph Fügenschuh ein paar Fragen gestellt. Der Multi-Instrumentalist und Künstler ist schon in den Jahren zuvor beim Heart of Noise aufgetreten.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, genau diesen Film zu vertonen?

Ursprünglich sollte ich ja beim Heart of Noise als Musiker im Rahmen der Konzerte auftreten. Den Einfall mit der Filmvertonung hatten die Veranstalter dann, als sie sich wegen der zeitlichen Überschneidung der beiden Festivals IFFI und Heart of Noise überlegt hatten, eine Kollaboration zu machen. Die Filmauswahl hat sich dann gar nicht so einfach gestaltet, weil es oft rechtliche Schwierigkeiten gibt. Als ich erfahren habe, dass einer der Schwerpunkte beim diesjährigen IFFI Georgien ist, habe ich begonnen, auf eigene Faust zu recherchieren. „Ďzim Švanté“ war für mich dann der einzige Film, der infrage kommt. Die anderen waren mir zu propagandistisch und martialisch.

Grundsätzlich ist es ja bei einem Tonfilm schwierig, den Soundtrack zu erweitern, und macht auch wenig Sinn, da Ton- und Dialogspur nicht voneinander getrennt sind. Deswegen vertone ich viel lieber Stummfilme, das macht mir sehr viel Spaß, und das habe ich schon einige Male gemacht: Zum Beispiel habe ich „Metropolis“ vertont, oder „Das Cabinet des Dr. Caligari“, meistens zur eigenen Gaudi oder im kleineren Kreis.

Für diesen Film „Ďzim Švanté“  gibt es sogar eine Originalvertonung, da gäbe es auch Noten dazu. Im Netz findet man auch verschiedene Versionen, allerdings nie für den gesamten Film.

Wie geht man als Komponist an sein Werk heran?

Im Normalfall setze ich mich mit zwei, drei Instrumenten hin, fange dann vielleicht einmal damit an, mit der Gitarre zu spielen. Parallel dazu arbeite ich auch von Anfang an mit dem Computer, messe aus, schau mir an, wo Übergänge Sinn machen. Ich probiere einfach herum.

Was waren die vorherrschenden Instrumente bei dieser Vertonung?

Am meisten sind Kontrabass, akustische Bassgitarre, Weissenborn und Lap-Steel-Gitarre zum Einsatz gekommen. Dann habe ich noch einige indische Klänge hineingemischt, von Tablas oder vom indischen Harmonium. Synthetische Klänge und solche von Effektgeräten kommen dann natürlich auch noch dazu.

Wie empfinden Sie den Kontrast von den „alten“ Schwarz-Weiß-Bildern und der modernen Musik?

Am Anfang wollte ich die Vertonung rein akustisch machen, war überzeugt, dass das „ländlich“ klingen muss, passend zu den Bildern. Ich bin dann aber schnell an meine Grenzen gestoßen, ich habe gemerkt, dass ich mit diesen Instrumenten nicht ausdrücken kann, was ich eigentlich will. Schließlich habe ich erkannt, dass sich die Reibung vom zeitlich-ästhetischen extrem gut anbietet und funktioniert. Und es ist ja auch das Heart of Noise, da kann es ruhig ein bisschen krachen.

JH JZ

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