BÜCHSENHAUSEN: Die neuen Fellows stellen sich vor

Am 11. Oktober 2019 fanden im Künstlerhaus Büchsenhausen die Start-up Lectures des Fellowship-Programms für Kunst und Theorie 2019-20 statt. Neben der Ausstellungseröffnung mit aktuellen Werken der Fellows, stellten sich diese auch sich selbst und ihre Arbeit vor. Im gemütlichen Rahmen konnten erste Einblicke in die Arbeitsweise und die Arbeitsvorhaben in Bezug auf das Fellowship-Programm gewonnen werden.

Foto_Büchsenhausen

Das Fellowship-Programm, welches in Büchsenhausen seit 2003 absolviert wird, stellt Künstler*innen und Theoretiker*innen einen Raum, in dem Kunst- und Gesellschaftsdiskurse geschaffen werden können, zur Verfügung. Die Möglichkeit Neues auszuprobieren und zu reflektieren soll die Verbreitung künstlerisch kritischer und zeitgenössischer Diskurse zu fördern.

Das diesjährige Programm beschäftigt sich mit Identitätskonstruktionen

„Die Fundamente dieser Identitätskonstruktionen liegen im Humus (post)-nationalsozialistischer sowie (post)kommunistischer Geschichtsereignisse: Die militärische Konstruktion des „Anderen” im Zuge der UN-Präsenz während der Jugoslawienkriege in den 1990er Jahren, aktivistische Biografien in Osteuropa nach dem Mauerfall, aber auch die nationalsozialistische Ideologie und deren subkutane Persistenz bis heute, sowie ihr Widerpart in Jugoslawien, die Partisan_innen-Bewegung und deren Kultur, sind Themenfelder beziehungsweise Ausgangspunkte für die Vorhaben der Fellows.“

Zu den Fellows

Anna Dasović arbeitet hauptsächlich interdisziplinär im Bereich der Archiv- und Feldforschung. Dazu zählen ebenso Interviews und bibliographische Recherchen. In ihrer künstlerischen Praxis beschäftigt sie sich mit der Sichtbarmachung von völkermörderischer Gewalt mittels rhetorische Strukturen und stellt sich dabei Fragen, wie: An welchen ideologischen Narrativen nehmen Gewaltdarstellungen auf struktureller Ebene teil? Welche Formen von Trauma können solche Dokumente, die entweder im legislativen Bereich angesiedelt oder für das Archiv (hier im doppleten Sinn eines physischen Ortes aber auch als Metapher für kollektive Erniedrigung und Reue) konstitutiv sind, nicht bewältigen? Mit dem forschungsbasierten Projekt Before the Fall there was no Fall entwickelt Anna Dasović eine Reihe von (Video-) Arbeiten, öffentlichen Begegnungen und einem Buch in Zusammenarbeit mit andern Produzent_innen und Theoretiker_innen.

Das Künstlerduo KURS, mit Miloš Miletić und Mirjana Radovanović, untersucht die Wechselwirkungen zwischen künstlerischer Praxis und sozialen Bewegungen. Mittels Archivmaterialien in Kombination mit selbstverfasster Poesie und Prosa, die sie mit einer Bildsprache progressiver Bewegungen aus der Vergangenheit vermengen, entstehen Wandmalereien, Illustrationen, Zeitungen, Poster und Grafiken. Ziel ist es diese Inhalte für eine breite Öffentlichkeit zugänglich zu machen. In Büchsenhausen arbeitet KURS an dem Projekt Lessons in Defense, eine Archivforschung, die sich mit spezifischen Aspekten der Entwicklung von Kultur und Kulturpolitik innerhalb der Volksbefreiungsbewegung (PLM) auf dem Territorium Jugoslawiens während des Zweiten Weltkriegs befasst. Diese führte bereits zu zwei Buchveröffentlichungen. Im Rahmen des Fellowship-Programms soll aus dem bereits vorhandenen Text eine künstlerische Arbeit entstehen. Ziel ist es diese Forschungsergebnisse mit zeitgenössischen Diskursen in Verbindung zu bringen. KURS wird sich dabei folgende Fragen stellen: Welchen Stellenwert kann der revolutionäre Kampf und die revolutionäre Kultur der Volksbefreiungsbewegung heute einnehmen, insbesondere im Kontext des ehemaligen Jugoslawiens, aber auch Europas im Allgemeinen, angesichts des steigenden Zuspruchs, den die extreme Rechte derzeit hier erlebt? Was können wir aus den Erfahrungen bei dem Zusammenschluss der Kulturarbeiter_innen innerhalb der antifaschistischen Bewegung lernen und könnten ihre Modelle heute erneut Geltung erlangen? Können wir die praktischen Erfahrungen jener Zeit in unserem künstlerischen Prozess produktiv anwenden? Und schließlich die unvermeidliche Frage, die unsere Position in der kulturellen und künstlerischen Szene weitgehend bestimmt: Welche Rolle kann Kunst in sozialen und politischen Kämpfen einnehmen?

Lena Ditte Nissen kuratiert neben ihren Tätigkeiten als Künstlerin und Filmemacherin, seit 2013 auch Film- und Videoprogramme. Mit Reflexive Alliance arbeitet sie die Vergangenheit ihrer Familie auf und beschäftigt sich diesbezüglich mit Themen wie generationenübergreifendem Trauma, Wissenstransfer und politischer, wie individueller Positionierung. Gegenstand ihrer Arbeit ist das Fluchttagebuch und die Memoiren ihrer Großmutter, welche 1945 die Flucht der Familie vor den Alliierten dokumentierte und die Sorgen um die Familie und das Schicksal des Führers beschrieb. Zudem war die Urgroßmutter Reichshebammenführerin und der Großonkel Reichsgesundheitsführer, der bei den Nürnberger Prozessen angeklagt wurde. Mittels einer kollektiven Analyse möchte die Künstlerin die Nazigeschichte ihrer Familie aufarbeiten. Dabei wendet sie die Methode der Deutungswerkstatt, welche in den 1990ern von der Schweizer Kulturanthropologin und Psychoanalytikerin Prof. Dr. Maya Nadig für Verhaltensforscher_innen entwickelt wurde.

Airi Trisberg lebt als unabhängige Kuratorin, Autorin und Pädagogin in Tallinn. Ihre Arbeit setzt sich mit Themen wie Gender und Sexualität, Krankheit/Gesundheit und Un/fähigkeiten, Selbstorganisation und kollektive Fürsorgepraktiken sowie dem Kampf gegen prekäre Arbeitsbedingungen im Kunstbereich und darüber hinaus, auseinander. Dabei kombiniert sie zwischen politischer Bildung, Selbstorganisation und Wissensproduktion. Im Künstlerhaus Büchsenhausen arbeitet sie an dem Forschungsprojekt Activist Biographies in Eastern Europe. Im Zuge dieses Projekts sollen soziale Bewegungen in Osteuropa dokumentiert, kontextualisiert und analysiert werden. Dabei werden Interviews mit politischen Organisator_innen geführt und am Ende zu einem Buch zusammengetragen. Trisberg konzentriert sich hierbei vor allem auf den Ostseeraum des Baltikums und versucht mit den Interviews Einblicke in die jüngere Geschichte der sozialen Bewegungen und deren Politiken in Osteuropa geben und stellt dabei Fragen wie: Wie wirkt sich politisches Engagement auf persönliche Biografien aus? Wie unterstützen sich politische Organisator_innen gegenseitig? Wie gehen Aktivist_innen mit Burn-Out, Depressionen und anderen psychischen Problemen um?

 

Mit dem Fellowship-Programm 2019/20 können wir uns auf viele spannende Projekte freuen, von denen das komplex-KULTURMAGAZIN INNSBRUCK mit einigen Beiträgen berichten wird.

Die nächste Veranstaltung im Rahmen des Fellowship-Programms gibt es im Zuge der Premierentage 2019. Am 09. November findet ab 18:30 Uhr im Künstlerhaus Büchsenhausen ein Screening & Talk von und mit dem Büchsenhausen-Fellow Lena Ditte Nissen statt. Es werden Fragmente ihres neuen Films „Es Gibt“ gezeigt. Thema des Films ist die deutsche Künstlerin und Filmemacherin Margaret Raspé (1933), die Erfinderin der „Helmkamera“ in den 1970er Jahren. Nach dem Screening wird es ein Gespräch zwischen Andrei Siclodi und Lena Ditte Nissen über ihren Film geben.

Weitere Infos unter: https://www.buchsenhausen.at/event/es-gibt/

ST

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s