Dis.Crimi.Nation: komplex im Gespräch mit Tamara Burghart

Im Brux – Freies Theater Innsbruck gilt es derzeit, einen Kampf der besonderen Art zu verfolgen: Dis.Crimi.Nation, ein Stück, das vom positiven und negativen Unterscheiden erzählt, von verschiedenen Sichtweisen darauf und möglichen Umgängen damit, vom ewigen Ankämpfen gegen alltägliche Angriffe und von der Macht der eigenen Gedanken. Ohne die Moralkeule zu schwingen und mit viel Humor, beschäftigt sich diese Produktion mit den aktuellen Fragen unserer Gesellschaft. Im Gespräch mit Schauspielerin Tamara Burghart, die das Stück maßgeblich mitentwickelt hat, erfahren wir etwas über die Gedanken und Hoffnungen hinter dieser Produktion.

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Foto: Robert Puteano

komplex: Erzähl uns doch etwas über Dis.Crimi.Nation.

Tamara Burghart: Dis.Crimi.Nation ist ein kleiner Anstoß zum Nachdenken, Überdenken und bewusst Handeln. Wenn wir richtig diskriminieren, kann uns niemand mehr auseinander dividieren. Ein Satz aus dem Stück, der alles sagt, ist: Natürlich auch Liebe hilft jetzt gewaltig.

k: Wie bist Du auf die Idee zu diesem Stück gekommen?

T.B.: Ich habe viel mit Jugendlichen zu tun durch Verwandtschaft und durch Young Acting (Theaterschule für Kinder und Jugendliche). Mir ist aufgefallen, dass die Rolemodels in Film und Internet etc. ein völlig falsches Bild von Menschen vermitteln. Ich hatte eine Phase, in der ich sehr kritisch auf Songs, Werbung und Videos reagiert habe. Einstellungen junger Menschen in meinem Umfeld haben mich inspiriert, dieses Stück zu schreiben. Aber auch meine eigene Vergangenheit hat mich vorangetrieben, etwas zu schreiben.

k: Ist es Dir wichtig, eine bestimmte Aussage zu transportieren? Willst Du auf die verschiedenen Gesichter der Diskriminierung hinweisen? Oder willst Du zeigen, dass Unterschiede an sich nichts schlechtes sind, wenn wir richtig damit umgehen?

T.B.: Der Arbeitstitel von Dis.Crimi.Nation war ursprünglich „Decision Sempre“. Ich habe zu oft gehört, dass alles „nun mal so sei“ und oft eine Entscheidungsohnmacht dominiere. Mit dieser Stückentwicklung wollte ich zeigen, dass Unterschiede etwas Gutes und Wichtiges sind, solange wir richtig damit umgehen. Der Kreis hat sich dann gut erschlossen mit dem neuen Titel, da das Wort Diskrimination ursprünglich einen positiven Wortstamm hat.

k: In einer Szene beschließt eine Figur, sexuelle Belästigungen zu ignorieren. Gibt es in Deinen Augen einen besseren Umgang mit und in solchen Situationen?

T.B.: Die Tankstellenszene, in der eine Belästigung im Stück dargestellt wird, beruht wie alle anderen Szenen auf Wahrheit und hat sich genau so zugetragen. Ich habe viel darüber nachgedacht und mit einigen Menschen darüber gesprochen. Ich finde die Ignoranz sehr stark, da die meisten ja eine emotionale Reaktion wollen und in meinen Augen jede Reaktion einen selber kleiner machen kann. Es ist sehr schwierig, auf solche Anmachsprüche rational zu reagieren. Meiner Meinung nach ist die Ignoranz ein Ausdruck dafür, dass eine Grenzüberschreitung stattfindet, auf die nicht reagiert werden muss. Aber darüber diskutiere ich sehr gerne, denn die Meinungen gehen stark auseinander – zu Recht.

k: Welche Szene ist Dir als Schauspielerin in dem Stück die liebste und warum?

T.B.: Ich persönlich mag alle Szenen sehr gerne, weil eine zur anderen führt und ich zu allen einen Bezug habe und jede für sich sehr mag. Ich kann nur schwer eine auswählen. Aber der ernährungstechnisch gut informierte Kaschperl hat es mir als Schauspielerin sehr angetan, weil man einfach mutig und uneitel sein kann. Genauso wie die Kampf- und Tanzszenen.

k: Welches Publikum würdest Du am liebsten ansprechen?

T.B.: Ich würde am liebsten Menschen ansprechen, die mir Kopfweh bereiten. Ich komme vom Land und ich möchte jetzt niemandem zu nahe treten. Aber dort mache ich oft die Erfahrung, dass sehr viel Hass und Hetze stattfindet und dass es schwierig ist, diese Menschen von ihrer geprägten Engstirnigkeit wegzutreiben – was nicht heißen soll, das wäre in der Stadt nie so.
Außerdem möchte ich junge Menschen ansprechen, da diese ja mit uns gemeinsam einiges zum Wohl aller beitragen können. Wichtig bei jungen Leuten ist mir, dass sie ein gutes Selbstbewusstsein haben und einen gesunden Stolz und genauso wie wir lernen, respektvoll miteinander umzugehen.

k: Das Bühnenbild wird von einem riesigen, schwebenden Ballon beherrscht, der als Gedankenwelt der Figuren gelesen werden kann. All das eigentlich Verborgene wird dann für die ZuschauerInnen sicht- und hörbar. Soll auch im wirklichen Leben Gedachtes immer laut ausgesprochen werden?

T.B: Das ist eine sehr gute Frage und mit dieser wird auch in der Stückentwicklung gespielt. Jeder sollte für sich entscheiden was ausgesprochen werden soll und was nicht. Meiner Meinung nach hat man sich richtig verhalten, wenn es einen danach nicht mehr wurmt. Ich habe oft die Erfahrung gemacht, dass ich mir selber danach gedacht habe „Hätte ich doch, warum hab ich nicht…“. Mit der Zeit bekomme ich es immer besser hin, dass ich mit meiner Entscheidung im Nachhinein zufrieden bin, ohne jemanden zu verletzen. Und die Ästhetik spielt immer eine große Rolle im Theater. Ich muss zugeben, unser Hauptdarsteller – wie ich den Ballon nenne – hat sehr gepunktet mit seiner bummeligen Präsenz!

k: Mit welchem Gefühl soll man idealerweise aus dem Stück gehen?

T.B.: Uns war wichtig, dass es kein schwerer Abend wird. Solche Themen sind eine Gradwanderung. Es besteht große Gefahr, dass ein Zeigefinger erhoben wird. Daher haben wir wahnsinnig darauf geachtet, dass es charmant und leicht bleibt. Ich denke wir erreichen mehrere Menschen mit dieser Energie und zugleich bleibt es jedem selber überlassen, wie er die Dinge interpretiert. Ich freue mich, wenn sich die Menschen befreit fühlen durch ungeschönt Gesagtes und wenn der eine oder andere über zukünftige Lästereien nachdenkt. Wir selber haben im Prozess festgestellt, wie oft man leichtsinnig mitlacht oder mitredet. Ich gebe zu, ich habe mich immer wieder ertappt und ich glaube, ich bin damit nicht alleine.

k: Dis.Crimi.Nation war Dein erstes selbst entwickeltes Stück. Was würdest Du beim nächsten Mal anders machen? Was ist Dir besonders gut gelungen?

T.B.: Da es ja mein erstes (miteinander entwickeltes) Stück ist, war ich sehr unsicher. Ich bin keine Autorin und ich wusste bis zum Schluss, also bis zur Premiere, nicht wie es ankommt. Die Motivation im Team hat mich schon beruhigt. Vor allem aber hat mich die Motivation und das Verständnis von Regisseurin Eva Kuen bestärkt. Sie hat sofort verstanden, mit diesen Texten umzugehen. Dazu kam noch die Kreativität von uns allen und ich hatte als Schauspielerin den nötigen Abstand zum selbstgeschriebenen Text, weil ich vertrauen konnte. Das ist natürlich der Idealzustand. Mit Worten lässt sich so viel machen…
Das klingt jetzt vielleicht etwas komisch. Aber ich würde es wieder gleich machen. Ich möchte weiter schreiben und freue mich zu lernen und zu wachsen. Es gibt einiges zu tun aber ich bin zufrieden mit diesem Start 😉
Ich glaube die Einfachheit des Textes ist uns gut gelungen. Wir haben kein literarisches Werk geschrieben sondern aus dem Leben gegriffen. Einfach in der Sprache und in der Umsetzung! Besonders gut gelungen ist mir/uns außerdem die Auswahl der Menschen, die mitgewirkt haben. Es funktioniert immer nur mit einem guten Team. Es darf und soll überall mitgesprochen werden. Jeder darf und soll auch mal über seinen Aufgabenbereich hinausschauen und wenn das mit Respekt passiert, steht einem gelungenen Projekt nichts mehr im Weg!

k: Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für weitere so schöne Projekte!

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Foto: Robert Puteano

 

SC

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