Im Gespräch mit Lukas Moritz Wegscheider über Erinnerungen, Nostalgie und was danach kommt

Am diesjährigen Heart of Noise Festival (3.-5.9.2021) präsentiert der Tiroler Klangkünstler Lukas Moritz Wegscheider sein erstes Doppel-Vinyl-Album NOT EVEN STALIN WIRETAPPED THE DEAD. Der Titel hat uns neugierig gemacht – wir haben nachgefragt.

Lukas Moritz Wegscheider | Bild: Tiberio Sorvillo

Lieber Lukas, aus der HoN-Künstlerbeschreibung geht hervor, dass du dich im Zuge deines musikalischen Projekts mit der russischen Avantgarde beschäftigst. Woher dieses Interesse?

Inspiriert hat mich vor allem das Buch Die neue Menschheit[1], herausgegeben von Boris Groys. Darin sind Originaltexte von russischen Avantgardisten gesammelt. In einem Text ist von Nikolai Federov hat er sich die Frage gestellt: Ist der Sozialismus wirklich eine gerechte Ordnung bzw. gerechte Gesellschaft? Und er ist zum Schluss gekommen, dass dies nicht der Fall ist, solange nicht auch die Verstorbenen miteinbezogen werden. Seiner Ansicht nach haben alle Menschen, die etwas für den menschlichen, geschichtlichen Fortschritt geleistet haben und dafür gestorben sind, keine Gerechtigkeit erhalten. Nur durch die Unsterblichkeit könnten wir das letzte Stück privaten Eigentums, welche uns voneinander unterscheidet, also unsere Lebenszeit, ablegen.

Nikolai Federov hat dafür das Museum aller Menschen, die je lebten vorgeschlagen, in dem jedem Menschen, der je gelebt hat, ein Bereich gewidmet sein sollte. Heute würde man in etwa an einen genetischen Code oder an ein Profil in einem sozialen Medium denken. Diesem theoretisch gedachten Museum habe ich meine letztjährige Klanginstallation mit demselben Titel (Not Even Stalin Wiretapped The Dead) gewidmet. Der Unterschied zu einem konventionellen Museum ist jedoch, dass dieses Museum nicht wie ein Friedhof gedacht ist, sondern wie ein Wartesaal bis zur Wiederbelebung. Für das musikalische Album NOT EVEN STALIN WIRETAPPED THE DEAD habe ich mir dafür die Ideen von Konstantin Ciolkovskij und die eben weitergeführten Themen der Kryonik – die möglichen Folgen auf die menschliche Erinnerung und Identität sowie der fiktiven kosmischen Reise bis zur Wiederbelebung – als Inspirationsquelle genommen.

Wie kommt diese Thematik in deiner Kunst klanglich zum Ausdruck?

Zum einen sind es die Gefühle der sowjetischen Nostalgie sowie einer gewissen Aufbruchsstimmung, die erweckt werden. Zum anderen habe ich Klangmaterial verwendet, welches an dieses Thema referenzieren soll. Dann arbeite ich noch mit Aufnahmen von Amateurfunk, die ich selber aufgezeichnet habe. Diese Aufnahmen fließen direkt in die Musik ein und haben für mich dadurch, dass sie aus dem “Äther“ kommen, etwas Gespenstisches, aber auch Unsterbliches an sich – ich versuche, eine gewisse Stimmung, die ich selbst mit der Thematik in Verbindung bringe, in meiner Musik einzufangen.

Deine digitale Musik speist sich ja zu einem großen Teil aus den analogen Tapes, denen du dich als Medium bedienst. Kannst du uns Musiklaien erklären, wie dein Sound zustande kommt?

Meist beginnt der Prozess mit der Auswahl von Klangmaterial aus verschiedenen Quellen, also sogenanntem found-sound. Dieses Material wird durch selbst aufgenommenes Klangmaterial ergänzt und dann entweder auf Tape aufgenommen und als Tapeloop abgespielt oder durch verschiedene Sampler und Klangeffekte verarbeitet. Diese Ansammlung an Klangmaterial wird dann meist live gespielt und aufgenommen, manchmal auch digital arrangiert.

Zum Albumcover gibt es ja auch eine interessante Hintergrundgeschichte, die sich aus deinem Interesse für Fotografie ergab…

Ein Bekannter hat auf einem Flohmarkt eine alte Kamera aus dem Jahre 1896 für mich aufgetrieben – ein Modell einer der ersten Kodak-Rollfilmkameras. Darin befand sich noch ein jahrzehntealter Film, den ich selber entwickelte. Tatsächlich konnte ich noch ein paar Bilder auf diesem Film retten. Auf dem Albumcover sieht man einen abstrakteren Abschnitt des Films, aber es gibt auch noch zwei Fotos, auf denen auch Menschen abgebildet sind. Was ich mit denen mache, weiß ich noch nicht, aber es ist auf jeden Fall ein ganz spezielles und starkes Material, welches sicherlich noch in meine künstlerische Arbeit miteinbezogen wird.

Albumcover NOT EVEN STALIN WIRETAPPED THE DEAD

Wie wird es mit deiner Klangkunst nach Abschluss dieses Projekts weitergehen? Wirst du auch in Zukunft mit Tapes arbeiten?

Mit den Tapes habe ich eigentlich bereits abgeschlossen. Auch mit den historisch-nostalgischen Themen möchte ich mich weniger beschäftigen. Ich versuche nun meiner “inneren revolutionären Flamme“ nachzugehen und möchte in Zukunft einen radikaleren Ansatz verfolgen, bei dem jegliche Referenzen verloren gehen. Dazu verwende ich Klangmaterial, das durch die Programmiersprache Supercollider so verarbeitet und zerrissen wird, dass der Zusammenhang komplett aufgelöst ist und das Material selbst gar keine Rolle mehr spielt.

…und da sind wir wieder bei der russischen Avantgarde, wie mich ein Zitat des Künstlers Kasimir Malewitsch erinnert, über das ich gerade zuvor bei meiner Recherche gestoßen bin:

„Als ich 1913 den verzweifelten Versuch unternahm, die Kunst vom Gewicht der Dinge zu befreien, stellte ich ein Gemälde aus, das nicht mehr war als ein schwarzes Quadrat auf einem weißen Grundfeld […] Es war kein leeres Quadrat, das ich ausstellte, sondern vielmehr die Empfindung der Gegenstandslosigkeit.“

Perfekt.

| Brigit Egger

Bild: Tiberio Sorvillo

Lukas Moritz Wegscheider

ist Klang- und Medienkünstler und ausgebildeter Instrumentenbauer. Er schafft Klang- und Rauminstallationen, musikalische Performances und virtuell/digital oder analog umgesetzte audiovisuelle Arbeiten. Lukas Moritz Wegscheider lebt in Innsbruck und studiert Computermusik und Klangkunst an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Graz. Im letzten Jahr wurde er mit dem phonoEchoes Preis ausgezeichnet.

NOT EVEN STALIN WIRETAPPED THE DEAD ist ab dem 4.9.2021 via bandcamp erhältlich.

www.lukasmoritzwegscheider.com

Die Präsentation der Heart of Noise Vinyl-Edition 09 – Lukas Moritz Wegscheider findet am 4.9.2021, 20 Uhr, in der Congress Dogana statt.

www.heartofnoise.at


[1]Buchtipp: „Die Neue Menschheit : Biopolitische Utopien in Russland zu Beginn des 20. Jahrhunderts“, 2019, herausgegeben von Boris Groys und Michael Hagemeister, übersetzt aus dem Russischen von Dagmar Kassek

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