Clubkultur based on Awareness und Science Fiction – mit INSEMINOID in der p.m.k

Der Kulturverein Inseminoid hat sich in den letzen Jahren als fester Bestandteil der Innsbrucker Nachtszene etabliert. Seit geraumer Zeit ist das Kollektiv nicht nur als Veranstalter für elektronische Musik, sondern auch in der Vermittlung von DJ- und VJ-Skills aktiv – um Samen zu säen und für Nachwuchs in der Community zu sorgen. Wir haben uns mit Inseminoid in einem ausführlichen Interview über ihre Kulturarbeit (und den Zusammenhang mit Science Fiction) unterhalten:

Bild: Inseminoid

komplex: Erzählt etwas über die Entstehung eures Kulturvereins: Seit wann gibt es Inseminoid? Wer hat den Verein gegründet und mit welchen Absichten?

SEBO: Im Herbst 2011 formierte sich in Zusammenkunft der drei initialen Begründer die Inseminoid-Crew im Treibhaus. Zu Beginn lag der Fokus auf selbstorganisierten Veranstaltungen, hauptsächlich DJ-Events, primär Drum and Bass und später auch Techno. Ursprüngliches Ziel war es, eine eigene Community aufzubauen, um neben lokalen DJs auch internationale Künstler (The Sect, Audio, Mefjus…) buchen zu können.

CURLY: Als Drum and Bass Kollektiv wechselten wir dann 2015 vom damaligen Studio21 (Club Cubique) in die Talstation, dabei vermehrte sich unser Fokus auf Multigenre-Veranstaltungen mit audiovisuellen Shows. 2017 ging der Verein in eine künstlerische Pause und wurde 2020 vom heutigen Vorstand komplett neu aufgezogen. Heute möchte der Verein mit seiner musikalischen, audiovisuellen wie auch fördernden Ausrichtung an der Cutting Edge der Musik und Nachtkultur bleiben, Personen eine interessante Plattform bieten und mit mutigen Projekten die Club- und Konzertkultur in Innsbruck bereichern. 

Wenn ich „Inseminoid“ in Google eingebe, steht im ersten Ergebnis: „Inseminoid (titled Horror Planet in the United States) is a 1981 British science fiction horror film“ – Hat das etwas mit eurem Namen zu tun? Wenn ja, wo seht ihr die Schnittstelle zwischen eurem Verein und Science Fiction?

CURLY: Mit Science Fiction liegst du richtig. Der Verein hat sich nach einem ziemlich nervenaufreibenden B-Movie – “Alien”– benannt. Inseminoid heißt auch “die Saat (Samen des Bösen)”, ein wichtiger Aspekt.

Unser Verein besteht aus Mitgliedern, die wirklich tief mit der Materie verknüpft sind. Wir möchten unser Wissen und unsere Erfahrung weitergeben, sei es mit Musik, Workshops, oder Talks, wir säen den Samen sozusagen und hoffen: der Keim geht auf und wir wachsen gemeinsam mit der Community. 

Wer ist aktuell aller bei Inseminoid aktiv – seid ihr selber auch DJs?

Der Verein besteht aktuell aus vier DJs – Barbara, Fuad, Thomas, Sebastian mit bürgerlichen Namen – welche in unterschiedlichen Konstellationen, solo oder b2b mit ihren diversen Alias auftreten. DJing ist aber natürlich nicht der einzige Aspekt des Vereins, weshalb der Verein bei weitem nicht so gut funktionieren würde, gäbe es nicht unser fünftes Mitglied, Jules. Jules war schon lange vor ihrem offiziellen Eintritt in den Verein freundschaftlich mit den Mitgliedern verbunden und bringt seither tatkräftig ihren kreativen Zugang ein. Unser Bühnenbild lebt von ihren Ideen und Konstruktionen und auch organisatorisch ist Jules zu einer tragenden Stütze unserer Crew geworden.

Unsere Projekte:

Aktuell seid ihr nicht nur mit Musikveranstaltungen, sondern auch mit einem partizipativen Workshop-Programm präsent. Was hat sich an eurer Ausrichtung seit Vereinsgründung getan?

SEBO: Seitdem sich der Verein neu formiert hat, wurde das musikalische Spektrum deutlich erweitert und vor allem wurde durch den Neuzugang an Mitgliedern der organisatorische Aspekt deutlich ausgebaut und professioneller gestaltet. Ein weiterer wichtiger Fokus, der sich mittlerweile als essentielle Säule darstellt, sind die Themen Awareness, Diversität und Gleichstellung. Diese versuchen wir etwa durch Awareness-Teams bei Veranstaltungen, divers besetzte Bookings und ein vielseitiges Programm (Workshops, Podiumsdiskussion, Vernissage) umzusetzen.

Weiters ist es dem Verein ein Anliegen, eine Community aufzubauen mit dem Ziel, urbane Subkulturen zu fördern. Verschiedene Formen von Workshops (z. B. DJ und VJ) sollen hier zum einen die Möglichkeit zum Erlernen neuer Skills darstellen und zum anderen eine Bühne bieten, um das Erlernte ausüben zu können.

Welche Veränderungen beobachtet ihr seit eurem Bestehen in der (lokalen) Szene?

BABS: Für uns hat sich vor allem die Location geändert: Wir wurden im Sommer 2020 als Verein in der p.m.k aufgenommen, was uns die Möglichkeit bietet, viele neue Leute zu erreichen und die freie Szene mitgestalten zu können.

Inwiefern sich die Szene verändert hat, ist allerdings schwer zu sagen. Vielleicht ist sie – optimistisch gesprochen – in gewisser Hinsicht offener geworden und hat gleichzeitig einen bewussteren Zugang zum Nachtleben entwickelt? Begriffe wie „Awareness“ oder „FLINTA*“ wären vor zehn Jahren vermutlich nicht in einem solchen Interview aufgetaucht.

(*FLINTA steht für: Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nichtbinäre, trans und agender Personen)

Ihr habt dieses Jahr DJ-Workshops für FLINTA-only veranstaltet, warum?

BABS: Der FLINTA-only DJ-Workshop im April war eingebettet in ein Gesamtkonzept, bestehend aus Workshop, Podiumsdiskussion und FLINTA-only DJ Lineup, mit dem Ziel, den Sexismus in der Szene zu thematisieren und einen bewussten Gegenpol zu all-male Lineups, die auch hierzulande mehr die Regel als die Ausnahme bilden, zu schaffen. Eine Frage interessierte uns dabei besonders: Wer macht das Programm – und für wen? Schaut man sich die Innsbrucker Clublandschaft genauer an, fällt schnell auf: Clubbesitzer, Promoter, Booker  – bis auf wenige, ganz wenige Ausnahmen sind all diese Jobs fest in Männerhand. Für FLINTA erleichtert dies den Zugang zum DJing nicht unbedingt. Zu tief verankert sind die strukturellen Probleme; das Patriarchat mischt natürlich auch hinterm DJ-Pult kräftig mit.

FLINTA-only Workshops sind unser Versuch, diese Strukturen aktiv aufzubrechen und speziell FLINTA-Personen zu fördern – damit es irgendwann eben nicht mehr heißt: “Es gibt halt einfach nicht genug Frauen, die man buchen könnte.”

Für den Workshop haben wir übrigens viel positives Feedback bekommen und auch für den zweiten FLINTA-only Workshop im Juli waren die Plätze schnell vergeben. Die Workshops werden nächstes Jahr jedenfalls unser Schwerpunkt bleiben, sodass Interessierte kontinuierlich und aufbauend üben können. In weiterer Folge wollen wir auch die Open Decks fortführen, die für uns den nächsten Schritt nach den Workshops hin zum ersten Auftritt darstellen.

Im November habt ihr den ersten VJ-Workshop organisiert. Was ist ein VJ? Welchen Stellenwert haben VJs in der gegenwärtigen Musikszene im Vergleich zu DJs?

FUAD: Ein VJ (Visual Jockey) erweitert die Audioperformance bei Musikveranstaltungen mit Videokunst und Licht. Dabei werden verschiedene Mittel der analogen und digitalen Videotechnik bedient und an die räumlichen Gegebenheiten künstlerisch angepasst. 

Visual Artists sind unserer Meinung nach viel zu häufig unterrepräsentiert. In vielen Clubs oder Räumlichkeiten steht Geld für DJs („Disc Jockeys“) zur Verfügung, oder für eine angemessene technische Ausstattung. Auf VJs wird jedoch meist gänzlich vergessen – und auch wenn sie engagiert werden, stehen sie finanziell grundsätzlich eher im Schatten ihrer musikalischen Gegenparts. Dabei ist die Aufgabe von Visual Artists eine mindestens ebenso komplexe wie essenzielle: Sie tragen maßgeblich zur Stimmung und damit zum Erfolg einer Veranstaltung bei, indem sie die Atmosphäre und den Takt der Musik einfangen, individuell auf den Sound der DJs eingehen, und so quasi eine visuelle Identität komponieren – und zwar live.

VJ-Workshop in der p.m.k | Bild: Inseminoid

Welche Eindrücke habt ihr vom VJ-Workshop in der p.m.k?

FUAD: Unser Tutor Jakob Hütter, Gründungsmitglied bei Hand mit Auge, konnte den Workshop-Teilnehmenden ein Grundwissen auf theoretischer und praktischer Ebene näherbringen. Hierbei wurden unterschiedliche Projektionsflächen mittels zweier hochwertiger Beamer bespielt und individuell gestaltet. Zudem wurden die grundlegenden Kenntnisse der zu verwendenden Hard- und Software erklärt. 

Der Workshop zeigte aber auch, wie sehr dieses VJ-Thema ins Detail gehen kann und wie aufwändig und kompliziert es oft ist, einfache Skizzen zu programmieren oder die Beamer richtig einzustellen. Die Teilnehmenden kamen mit verschiedenen Erwartungen oder Vorwissen zum Workshop. Einige von ihnen brachten schon Erfahrungen mit verschiedenen Softwares wie z. B. mit Musikprogrammen mit, andere konnten sich vor dem Workshop nur sehr wenig darunter vorstellen, wie das Arbeitsfeld eines VJs aussieht.

Wir planen für nächstes Jahr eine Fortsetzung, um das erworbene Wissen der Teilnehmenden erweitern und neuen Input anbieten zu können.

Als Verein, der in der Nachtkultur aktiv ist – wo seht ihr da die Grenze zwischen Entertainment und Kulturarbeit?

CURLY: Viele sagen, man weiß nicht, was einem auf unseren Events erwartet. Richtig, genau das ist unser Anliegen, wir wollen überraschen, wir wollen Interesse wecken, wir wollen Neues an das Publikum heranbringen. Unser Team leistet hervorragende Arbeit und unser Portfolio kann sich nach 1,5 Jahren wirklich sehen lassen. Einige unserer Bookings sind zugänglicher, andere weniger, aber nur, weil wir die Brücke schlagen wollen zwischen konventioneller Clubkultur und einer neuen Welle, die mittlerweile einige der modernsten Festivals hervorgebracht hat, wie das Unsound, BerlinAtonal, Lunchmeat, Mutek u. v. m. 

Unsere Stadt ist klein, und einen Gegenpol zur konventionellen / kommerziellen Clubkultur zu betreiben, kann manchmal schwierig sein, aber mindestens genauso wichtig für eine gesunde Kulturlandschaft. Mutig sind unsere Veranstaltungen, das haben wir schon öfter gehört, und genau das motiviert uns, weiterhin mutig zu sein. 

Wie finanziert ihr eure Arbeit?

FUAD: Unsere Arbeit finanziert sich hauptsächlich durch unser ehrenamtliches Engagement. Wir widmen viel unserer Freizeit dem Verein, indem wir planen und netzwerken. Zudem werden unsere Veranstaltungen zu einem Teil von der Stadt Innsbruck gefördert. Bei den Veranstaltungen entstehen Einnahmen durch die Bar und den Eintritt. Diese Erlöse werden verwendet, um etwa faire Gagen und anfallende Sachkosten bezahlen zu können.

Was sind die größten Herausforderungen eurer Vereinsarbeit?

CURLY: Die Kulturlandschaft in Innsbruck ist sehr schwierig, ich würde mir wünschen, dass Leute aus ihrer Komfortzone ausbrechen, sei es Publikum oder Clubbetreiber.

FUAD: Es sind zum Teil politische Umstände, die die Kulturarbeit, gerade in der Subkultur, in Innsbruck erschweren. Förderansuchen für Workshops werden etwa abgelehnt, weil man zu “niederschwellig” und “unprofessionell” arbeite. Wir machen das aber alles ehrenamtlich – woran misst man also den Grad der Professionalität? An der Expertise unserer Tutor:innen, die in ihrem künstlerischen Feld beruflich tätig sind, kann es jedenfalls nicht liegen. Es ist also leider nicht so einfach, das Workshop-Angebot kostenlos anzubieten, obwohl wir an diesem Konzept bewusst festhalten möchten, um den Zugang für ALLE Personen ermöglichen zu können. Ich für meinen Teil würde mir sehr wünschen, dass auch solche Angebote mehr anerkannt und wertgeschätzt werden, da sich für viele erst so die Möglichkeit eröffnet, am künstlerischen Prozess teilzunehmen.

BABS: Für mich stellt es wohl die größte Herausforderung dar, bei unseren Veranstaltungen einen safer space zu ermöglichen. Mir ist an dieser Stelle wichtig zu erwähnen, dass es uns in unserer Vereinstätigkeit generell ein Anliegen ist, uns klar gegen Sexismus, Rassismus, Homo- und Transphobie, Ableismus sowie Diskriminierung jeglicher anderer Art, sei es aufgrund der Religion, des Alters, der finanziellen Möglichkeiten etc. zu positionieren. Die tief in unserer Gesellschaft verankerten patriarchalen und kapitalistischen Strukturen machen aber natürlich auch nicht immer vor den Türen der p.m.k Halt. So versuchen wir, von Veranstaltung zu Veranstaltung unsere Konzepte zu verbessern und Kritik entsprechend aufzunehmen, um unserem Publikum Konzert- und Clubabende zu bieten, an denen es sich bei uns wohlfühlt.

Was fällt euch als erstes unter einem unvergesslichen Act oder Veranstaltungsabend in der Geschichte von Inseminoid ein?

FUAD: Ich erinnere mich noch ganz gut an eine Veranstaltung damals in der Talstation. Die Bühne war komplett mit einem weißen Leintuch verdeckt. Die DJs dahinter konnte man nicht sehen, sondern nur die Visuals, die darauf projiziert wurden. Mir hat diese Idee sehr gut gefallen und die Kombination mit den Räumlichkeiten hatte einen schönen Reiz. Zudem war die Talstation schon immer ein interessanter Ort mit einem unverwechselbaren Charme.

CURLY: Atiq verpasste damals seinen Flug zurück nach Rotterdam, dadurch musste er vier Tage länger in Innsbruck bleiben. Wir gingen zusammen Downhillen und heute sind wir gute Freunde.

| Brigitte Egger


Ankündigung: Night:Service (Inseminoid) legen auch kommenden SA, 10.12. im Rahmen von f1x.0 in der p.m.k auf.

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