„Nullstellung“ – Wo lediglich der Schlaf wachrütteln kann

Schlafperformances als Protestform? Ihr habt richtig gehört: Im Juli dieses Jahres gossen 20 Tiroler Kulturschaffende ihren Widerstand gegen die derzeit so prekäre Lage in der Kunst- und Kulturarbeit vor dem Ferdinandeum in eine etwas ungewohnte Form. Das von TKI open 22 unter dem Aufhänger „liegen“ geförderte Projekt „Nullstellung“ mündet nun in einer dokumentierenden wie zeitgleich aktivierenden Ausstellung, die vom 3. – 14. 12. den Kubus „Reich für die Insel“ bespielt und zeitgleich auf die seit Jahren so unklare Situation der Offspace-Galerie selbst verweist. Als Glanzpunkt soll die Vernissage am 2.12. ab 18 Uhr eine Diskussion in Gang setzen, die das Publikum so schnell nicht vergessen wird. 

Nullstellung“ vor dem Ferdinandeum | Bild: Violeta Ivanova

Natürlich mutet es skurril an, wenn eine Versammlung an Menschen mit Schlafmasken und Decken am helllichten Tag auf den Straßen ein Nickerchen abhält. Im Sinne des Projektes „Nullstellung“ soll es aber vor allem ein Weckruf für die Gesellschaft sein, der ernsten Nachhall hat. Wenn kritische finanzielle Lagen von Künstler:innen und Kulturarbeiter:innen gesellschaftlich unsichtbar werden, müssen sie sich eben Raum schaffen, um öffentlich hervorzutreten. Wer geht noch immer an ihnen vorbei, wenn klar Schiff gemacht wird und wer ist zum Umdenken bereit? Sowie die unmittelbar vor dem Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum abgehaltene Performance des Sommers 2022 nochmals eingehend in der passenden Winterskälte mit all den Hintergründen aufgerollt und in einer Ausstellung besprochen wird, geht es ans Eingemachte. „Nullstellung“ ist provokativ, entschieden und trifft den Nagel auf den Kopf. Und wird nicht müde, Initiative zu ergreifen, um die prekären Zustände im Kunst- und Kulturbereich in die Öffentlichkeit zu manövrieren, bevor sie völlig und auf Ewig zum Erliegen kommen. Wenngleich die Brisanz der Lage angesichts der Ignoranz vieler Menschen durchaus ermüdend wirken könnte.

Dass die Idee überhaupt nach Innsbruck verfrachtet wurde, ist mehr oder weniger einer glücklichen Fügung zu verdanken:

„Die Schlafperformance wurde von uns mit etwas anderer Schwerpunktsetzung in Bezug auf die Be- und Entschleunigung bereits im Zuge des Linzer Ars Electronica Festivals erstmals durchgeführt. Die klar ersichtlichen Parallelen zur diesjährigen TKI open_liegen ergaben dann, dass wir die Performance etwas adaptiert, der Post-Covid Zeit mit all ihren Problematiken angepasst und nochmals am stark frequentierten Platz vor dem Ferdinandeum durchgespielt haben“,

erzählt die Künstlerin Karla Woess, die neben Violeta Ivanova, Katharina Brandl und Angelika Windegger die Organisation übernahm. Das Besondere aber ist die Vielfalt des Projektes, das im wahrsten Sinne des Wortes vom Kleinen ins Große und von außen nach innen geht. In einer Ausstellung im Reich für die Insel mündend, lädt „Nullstellung“ nun abschließend zu einer kritischen Auseinandersetzung auf sachlicher wie auch emotionaler Ebene ein. So zeigt die Schau nicht nur Fotoaufnahmen der Aktion selbst, sondern geht auch auf Motivationen und Erfahrungen der beteiligten Künstler:innen ein, wie sie zeitgleich auch die Besucher:innen zur Teilhabe einladen möchte. In der Ausstellung können diese dann teils ungewohnte (Liege)Positionen einnehmen, um zu fühlen, wie es den Kunst- und Kulturschaffenden ergehen muss, die von der Hand in den Mund leben müssen.

Ausgehend von der Fair-Pay Debatte lässt die Ausstellung die Liegeperformance im heurigen Sommer Revue passieren und bereichert sie mit weiteren Positionen wie eine Rede der IG-Bildenden Kunst, Statements und Zitaten der Betroffenen wie kulturwissenschaftlichen Referenzen. Neben einzelnen künstlerischen Arbeiten soll einschlagende Literatur die Fair-Pay Debatte auch von anderen Warten aus behandeln und den Blick über den Tellerrand hinaus weiten. Als Hintergrund klingt die Corona-Pandemie, die Teuerungswelle und die weltweite Wirtschaftskrise mit, die das Problem der künstlerischen Überlebens(un)fähigkeit zwar nicht erst angefacht, doch drastisch gemacht hat. Um schließlich zu den alles entscheidenden Fragen zu gelangen, die so theoretisch sie zunächst anmuten, ganze Existenzen am Leben erhalten oder eben vernichten können. Die künstlerische Schlafperformance hat zumindest schon mal den Anfang gemacht, das Thema aufzuweichen, doch nun sind wir selbst an der Reihe: Wie viel gibt die Gesellschaft den Kunst- und Kulturschaffenden? Was steckt man ihnen auch monetär zu und wie will man, dass sie in welcher Form auch immer überleben können? Und nicht zuletzt: Wie viel ist uns Kunst und Kultur überhaupt Wert? All diese ungeklärten Problemzonen grasen die Initiatorinnen Windegger, Brandl, Ivanova und Woess gemeinsam mit diversen Kulturschaffenden und interessiertem Publikum ab, wobei sich dann unterschiedliche Ebenen von Wissenschaft, Kunst und Gesellschaft bis hin zur Politik vermengen.

„Der Name ‚Nullstellung‘ sagt bereits aus, von wo aus wir operieren. Es stellt sich dabei natürlich die Frage, aus welchen Punkt heraus wir als Gesellschaft handeln wollen. Wir können es so machen, dass die Künstler:innen möglichst gut gebettet sind oder ihnen aber eine unbequeme Stellung in Leben geben. Hier wollen wir eine Reflexion anregen“,

erklärt Karla Woess das Konzept dahinter. Es geht um Positionierung und Präsenz von Kulturarbeitenden und der Relevanz, der wir ihr zukommen lassen wollen. „Nullstellung“ entfacht eine Diskussion über Beweggründe und Anhaltspunkte, aber auch Sackgassen und Stichstraßen der Gesellschaft, die möglicherweise noch einen Wendeplatz haben, so man ihn überhaupt auffinden mag. 

Die Ausstellung schreibt sich dann gewissermaßen auch in die Geschichte des Glaspavillons „Reich für die Insel“ selbst ein, der nicht nur für Vorhaben experimenteller Natur offensteht, sondern sich auch in den Diskurs selbst miteinflechtet. Nicht zuletzt weil die budgetäre Situation und das Überleben der Offspace-Galerie in den letzten Jahren immer wieder zur Debatte stand, schlängelt sich der rote Faden von der Situation der Künstler:innen wie auch zur Thematik der „Nullstellung“ insgesamt weiter. Die Nutzung des Gebäudes stand lange in den Sternen, es wurden sogar Stimmen laut, die den Abriss forderten. Noch spielt sich große Kunst im Würfel am Innsbrucker Kulturquartier ab, mit der Hoffnung, dass es so bleibt. Denn am Ende geht es darum, was wir als Gesellschaft machen und wie wir Kunst und Kultur sehen wollen. Erkennt die Gesellschaft ihren Wert nicht oder drang die akuter werdende Problematik nur noch zu wenig ins Bewusstsein? „Nullstellung“ schlägt Alarm und lädt dazu ein, aus der bequemen Blase auszutreten und der Realität offen ins Gesicht zu sehen. 

| Florian Gucher

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