Aus dem Nischendasein ins Scheinwerferlicht: Das Projekt GALERIE MOTO

Ein experimenteller Raum als Artist CoWorking Space, von Kunstschaffenden gemacht, für Kunstschaffende gedacht: Fernab von marktökologischen Bestrebungen zeigt die im Oktober 2022 eröffnete, temporäre GALERIE MOTO in der Eugenstraße 11 in Hall vornehmlich alternative Arbeiten, die in klassischen Kunstinstitutionen beiseitegeschoben werden. Die aktuelle, bis zum 27.12 laufende Ausstellung „DEsein im Alltag“ mit Werken von FELUX, JUKI und Eva Hahn hangelt sich im wöchentlichen Turnus von Lichtdesign über Keramik hin zur Schmuckkunst und versucht, Alltags- und Gebrauchskunst im ernstzunehmenden Kunstdiskurs einzubetten.

Eingang GALERIE MOTO | Bild: Hermann Graber

Ein Schild mit „Hochspannung. Vorsicht Lebensgefahr“ in den Händen eines Plüschtierpandas am Eingang, eine alte Holztüre als Eintrittsportal, umrahmt von abbröckelndem Putz des in die Jahre gekommenen Hauses: Einladend wirkt die GALERIE MOTO am ersten Blick vielleicht (noch) nicht, doch sie macht neugierig. Wer sich angesichts dieser überspitzt-ironischen Warnung doch ins Innere wagt, wird überrascht sein. In den Räumen selbst weht einem ein progressiver Wind entgegen. Es eröffnen sich wenig begangene Wege abseits des Bekannten, sie weiten den Kunstbegriff auf Positionen aus, die dem klassischen Kunstduktus eigentlich zuwiderlaufen und doch erfrischend guttun. Abbild davon gibt die aktuelle, außergewöhnlich konzipierte, weil sich an drei Wochenenden mit jeweils einer neuen Kunstposition erweiternde Ausstellung „DEsein im Alltag“. Da wäre dann das unkonventionelle Leuchten der Arbeiten des Lichtdesigners Felix Winkler, aka FELUX, der in seiner Lichtplanung aufzeigt, dass Lichtqualität und Wohlbefinden untrennbar mit dem Nachhaltigkeitsgedanken zusammenhängen. „Je näher die Lichtqualität der des Spektrums der naturentsprechenden Farbwiedergabe beim Verlängern des Tages und der Erhellung der Nacht kommt, desto angenehmer nehmen wir sie wahr“, so Winkler, bestrebt, in seinen Arbeiten Lichtoptimierung praktisch, ressourcenbewusst und umweltfreundlich zu denken. Dann wird es ganzheitlich: Denn FELUX Einzelstücke werfen quasi Licht und Schatten auf die am 3.12 hinzugekommenen Keramiken der Künstlerin Julia Kirchmair und leuchten die die Ausstellung seit 9.12 komplementierende Schmuckkunst Eva Hahns aus, womit sich ein gegenseitiger Dialog unter den einzelnen Positionen ergibt. Ergänzung und Komplementierung ist auch das Stichwort des Hauses selbst.

GALERIE MOTO | Bild: Hermann Graber

Denn die GALERIE MOTO ist eine off-space Einrichtung mit Anspruch, in den verborgenen Ecken zu kramen und über den Tellerrand zu blicken. Nicht nur bildende Kunst per se weicht sie auf, sondern auch für andere Genres wie Literatur, Film und Performance steht sie offen. Die Rede ist von zweckentfremdeten Alltagsgegenständen, aber auch von mainstreamuntauglichen Sidesteps Kunstschaffender, die einen eng gesetzten Kunstbegriff herausfordern wollen.

„Unsere Räume stehen frei für außertourliche Aktionen, die ansonsten kaum Chancen bekommen, gezeigt zu werden. Qualitätssicherung ersetzt dabei die Gewinnmaximierung. Und die Kunstschaffenden fungieren auch als Kurator:innen, die sich unter dem Label ‚MOTO‘ zusammenfinden und die Galerie als Art Ganzjahresmessestand selbstständig bespielen“,

beschreibt Künstler und Initiator Roman Bauer das Konzept hinter der gemeinschaftlich geführten Galerie. Noch mehr will die Einrichtung über den Weg der Alltagskunst auch von einem Publikum fernab des eingeschworenen Kreises verstanden werden und Wege zu Kunst und Kultur ebnen:

„Als ein gemeinnütziger Verein sitzen wir nicht im Elfenbeinturm, sondern im Erdgeschoß“,

betont Bauer diesbezüglich. Bestehen soll die Galerie lediglich über den Zeitraum von drei Jahren, ein umfassender Katalog mit allen künstlerischen Positionen wird den Abschluss dieses Projektes bilden. Die Galerie selbst erhält dabei den Charakter einer sozialen Skulptur, die auftaucht, wieder verschwindet und doch etwas gesellschaftlich Bleibendes hinterlassen möchte: „Für mich selbst ist ‚MOTO‘ quasi eine Aktion. Ich spiele Galerist und Kurator für drei Jahre“, scherzt Bauer. Wobei er sich durchaus freuen würde, wenn MOTO ohne sein Zutun auch nach der besagten Zeit von wem auch immer weitergeführt werden würde. Nun geht es aber vorerst an das Eingemachte und das mit Projekten, die nah am Alltagsleben und Alltagsgeschehen angesiedelt sind.

Die Initialzündung zur Gründung von MOTO resultierte übrigens aus einer von Roman Bauer und dem Allroundkünstler Hermann Graber vor zehn Jahren geführten Produzentengalerie heraus: „Hermann Graber, ein bekannter Aktionist und einer der letzten Dadaisten, hat die Idee gehabt, ein Büro für direkte Aktion zu gründen. Sprich: eine Galerie, die auf politische Themen des Alltags schnell reagieren lässt, ganz unabhängig von öffentlichen Institutionen, wo es immer eine gewisse Anpassung und Anlaufzeit braucht.“  Und Graber war es auch, der die Galerie als erstes bespielen durfte. „Poetisches Testament“ nannte sich seine im Herbst dieses Jahres laufende Ausstellung, die sich den ureigensten Sinnen verschrieb und Brücken über Zeiten, Genres, Sichtweisen und Stimmungen hinweg errichtete. Brücken, die die Galerie zum Startpunkt nimmt, um step-by-step starre Einordnungen fluide zu machen.

Ausstellung in der GALERIE MOTO | Bild: Hermann Graber

„DEsein im Alltag“ verrät, dass sich der rote Faden über die Berührungspunkte der Zeit zieht. Das entspricht dem zugrundeliegenden Konzept, denn ausgehend von der Kunst des 20. Jahrhunderts, sucht die GALERIE MOTO Verbindungen zu dem auf, was heute passiert. Die gezeigten Kunstwerke Eva Hahns mit dem Titel „Umfeld“ sind nur ein Beispiel dafür, nimmt sie doch die Kunstschmiedetradition ihrer Familie als Basis, um sie in eigenen Werken in die Gegenwart zu transferieren. So greift die gelernte Goldschmiedin und Schmuckdesignerin wertvolle Restbestände aus dem Familienfundus auf und tradiert so Familiengeschichten weiter. Gerade wie sie Elemente des Jugendstiles und des Art Déco-Designs mit modernen Formen verknüpft, geht sie eigene Wege und kreiert einen individuellen Stil. In diese Reihe fügt sich dann auch die am 20.01 beginnende Schau mit Glaskunst von Verena Schatz, als Spiegel des Einst und Jetzt, ein. 

Ebenso soll auch eine im Sommer 2023 angedachte Filmereihe mit bereitgestellten surrealistischen und dadaistischen Filmen aus dem vorigen Jahrhundert den Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart schlagen: „Viele Künstler:innen sind im Besitz von wertvollen Filmsammlungen, wir wollen sie auf durchaus aufwendige Weise mit den alten Abspieltechniken der Öffentlichkeit zugänglich machen“, so Bauer.  Spannend sind wohl der gesellschaftliche Anspruch und die Förderung künstlerischer Außenpositionen der GALERIE MOTO. Wie die aktuelle Schau „DEsein im Alltag“ demonstriert, erweist sich das doch etwas riskante, so offene Konzept in der Praxis als gut durchdacht. Vieles scheint wie ausgemacht und bis ins kleinste Detail aufeinander abgestimmt. Das gilt nicht nur für die etwas luftige Programmplanung, die Räume offenlässt für spontane Aktionen, sondern auch für die Ausstellungen, Künstler:innen und Events selbst. Vieles, wie auch die nahtlose Verbindung dreier so konträrer Kunstgewebe in „DEsein im Alltag“, überrascht und weitet Perspektiven. Weil manchmal ein Schritt zur Seite schlummernde Potentiale und Energien freigeben kann.

| Florian Gucher

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