komPASS | Eine transformative Reise auf dem fliegenden Teppich mit RICHARD SCHWARZ und DRAGANA KOJIČIĆ

Die Erzählung beginnt mit der letzten Station unserer begleitenden Tour des MagiC Carpets: dem openspace.innsbruck. Wir treffen uns dort mit dem Künstler Richard Schwarz und der Kuratorin Danijela Oberhofer Tonković, unmittelbar bevor die Ausstellung rund um das Projekt #NewCheapNature abgebaut werden soll. Auf der Außenfront des Gebäudes hängen noch eingerahmte T-Shirts und vor der Eingangstüre steht eine etwas porös gewordene Säule aus Erdmaterial mitten im Weg, deren Oberfläche den Titel der Ausstellung führt. Folgender Beitrag berichtet über die Geschichten und Menschen, die hinter diesen Objekten stehen:  

Kuratorin Danijela Oberhofer Tonković und Künstler Richard Schwarz vor dem openspace.innsbruck

Richard Schwarz auf dem MagiC Carpet nach Novi Sad

Der gebürtige Kufsteiner Richard Schwarz ist einer von elf Tiroler Künstler:innen, die bisher im Rahmen der EU-Plattform MagiC Carpets, vom Innsbrucker Kurator:innenteam Danijela Oberhofer Tonković und Charly Walter (openspace.innsbruck), mit internationalen Kunst- und Kultureinrichtungen für einen Residency-Aufenthalt im Ausland vernetzt wurden. 

Schwarz ist bei der Organisation Novo Kulturno Naselje (NKN) gelandet – obgleich auch nur im virtuellen Sinne, da ein physischer Aufenthalt zum Zeitpunkt seiner Residency aufgrund der COVID-Situation nicht möglich war. NKN bezeichnet nicht nur eine kulturelle Einrichtung, sondern mit „Novo Naselje“ auch den größten Distrikt der serbischen Stadt Novi Sad, wo die Kulturarbeiterinnen Sara Agić und Tatjana Mateša kulturelle und künstlerische Projekte zur Stadtteilentwicklung realisieren. Mit Richard Schwarz hat Kuratorin Danijela Oberhofer Tonković ihnen den passenden Residency-Künstler vermittelt. Denn die Arbeit mit Stadtteilen und lokalen Communities bezeichnet auch einen seiner Schwerpunkte. So ließ sich Schwarz schnell für die spezifische Geschichte von Novo Naselje begeistern. Was er vorerst aber etwas skeptisch betrachtete, war das Online-Format, in dem seine Residency durch den Lockdown stattfinden sollte: „Grundsätzlich bietet das Virtuelle für mich nicht wirklich eine tragbare Basis, um Projekte zu entwickeln“ – und in seinem Falle scheint dieses Unbehagen umso nachvollziehbarer, denn Schwarz kommt gänzlich ohne Mobiltelefon und Social-Media-Netzwerken aus. „Richard ist die einzige Person, die ich noch per Festnetz erreiche“, sagt Oberhofer Tonković, „aber das ist kein Problem, denn ich weiß inzwischen genau, wann ich ihn erreiche“. Und Schwarz fügt dem nickend hinzu: „Es kommt darauf an, sich einzustellen, auf welche Art und Weise man mit seinem Gegenüber am besten kommuniziert“. Mit dieser Einstellung hat die Online-Residency dann doch überraschend gut geklappt und zu ungeahnten Ergebnissen geführt.

Kommunikation ist die Basis einer gelungenen Zusammenarbeit: „Man muss viel geredet haben, damit man weiß, worüber man redet“, meint Schwarz. Während des Lockdowns pflegte er mit Agić und Mateša einen intensiven Austausch über Möglichkeiten eines gemeinsamen Projekts. So kamen sie vom Thema der Stadtteilentwicklung zur Frage eines sinnvollen Umgangs mit lokalen Ressourcen und schließlich zur Nachhaltigkeit: „Wir haben gemerkt, dass es da ganz unterschiedliche Perspektiven darauf gibt und das Thema um einiges komplexer ist als gedacht“. Zu dieser Wahrnehmung trug auch der kulturelle Unterschied zwischen ihnen bei, so käme etwa die Dringlichkeit der Mülltrennung in Serbien erst jetzt langsam bei der breiten Gesellschaft an, gleichzeitig aber sei der Ressourcenverbrauch in Österreich, wo zwar die Mülltrennung seit dreißig Jahren als selbstverständlich empfunden wird, pro Kopf immer noch doppelt so hoch als in ihrem Land.

„Die Einsicht, dass gewisse Sachen, die für mich ganz normal waren, eigentlich Geschichten sind“, war für Schwarz eine bedeutsame Erkenntnis während dieses Arbeitsprozesses. Und auch die Kuratorinnen Agić und Mateša erzählen davon, wie sich ihre Einstellungen durch den regen Austausch zum Thema änderten: “I think this project made me a bit sober”, schildert Mateša, die sich zuvor sehr in das Umweltthema hineinsteigerte: „I went crazy, I was the worst, nagging to everybody about what they should do to safe the planet. I tried to recycle, to collect garbage, everything – and all this in a country in which barely anything functions”. So würde etwa eine Mülltrennung im individuellen Haushalt in Serbien gar nicht viel bringen, da durch das Abfuhrsystem ohnehin alles wieder in derselben Deponie lande. Um längerfristige Ziele in Sachen Nachhaltigkeit zu erreichen, bräuchte es einen Perspektivenwechsel, sind sich alle drei einig. „It won’t work with putting more pressure on the people“, finden Mateša und Agic, die darauf verweisen, dass 97% der Luftverschmutzung von Industriefirmen verursacht wird und vergleichsweise nur ein kleiner Prozentsatz von Autos oder dem Luftverkehr: „We are not solving this problem with telling people to use their bikes“. 

Schwarz, der selbst einen sehr reduzierten Lebensstil pflegt, appelliert dazu, dabei nicht von „Verzicht“ zu sprechen und stattdessen bei einer Neuevaluierung von Werten anzusetzen: „Für mich hat es eine große Qualität, kein Auto und kein Smartphone zu besitzen“. Mit dieser Einstellung würde er nicht auf diese Dinge verzichten, sondern sich etwas gönnen. Und mit diesem Gedanken im Hinterkopf ist schließlich auch die Idee ihres sozial engagierten Projekts entstanden. 

Bild: @wgnr.niklas
Bild: @varga.zsofi

#NewCheapNature besteht einerseits aus einer Social-Media-Kampagne, die im positiven Sinne für weniger wirbt und andererseits einem Aufruf, den eigenen Kleiderschrank nach emotional behafteten Textilien zu durchstöbern. Währenddessen Studierende der FH-Kufstein Tirol über zwei Wochen den Instagram-Account des openspace übernahmen, um dort eine Nachhaltigkeits-Kampagne zu betreiben, wurde die lokale Community dazu aufgerufen, Geschichten zu teilen, die sie mit bzw. in ihren jahrealten Shirts schon erlebt hatten – mit dem Gedanken, sich deren Werte wieder bewusst zu werden und zugleich darauf aufmerksam zu machen, wie viele Liter Wasser durch das jahrelange Tragen desselben Shirts bereits eingespart wurden. Denn zur Herstellung von Kleidungsstücken werden Unmengen dieses kostbaren Guts verbraucht. Ein paar der eingereichten T-Shirts wurden in Kombination mit ihren individuellen Stories ausgestellt – in Novi Sad, in Kaunas und zuletzt in Innsbruck – bevor sie wieder zu ihren Besitzern:innen zurückfinden. Und das nochmals mit gesteigertem Wert, zumal sie nun auch Teil einer Kunstaustellung waren.

Dragana Kojičić auf dem MagiC Carpet nach Innsbruck

Durch das MagiC Carpets Programm werden nicht nur lokale Künstler:innen ins Ausland gesandt, sondern auch internationale Künstler:innen nach Innsbruck eingeladen. So war die serbische Künstlerin und Architektin Dragana Kojičić im November für einen Residency-Aufenthalt im openspace. Sie wurde wiederum von der Organisation Novo Kulturno Naselje vermittelt, mit der sie bereits im Rahmen von Community-Projekten zusammenarbeitete. Kojičić ist Expertin für Lehm-Architektur. Als Künstlerin war Innsbruck ihre erste internationale Residency-Station. Kurz vor ihrer Abreise hatten wir die Gelegenheit, uns mit ihr in Novi Sad auf einen Kaffee zu treffen. „For me, the residency is a step forward from the usual work I do”, demnach plante die Architektin auch nicht, sich während ihrer Residency in irgendeiner Weise mit Lehm zu beschäftigen. Doch es kam schließlich anders als gedacht, wie sie es uns nach ihrem Aufenthalt schilderte: „Richard liked the idea to work with earth so much that we tried to make a compromise – in the end, he ended up working with (my) material earth and I went deeper into (his) ‚T-Shirt‘-idea, which was very nice”.

Dragana Kojičić und Sara Agić servieren Erde | Bild: Alena Klinger

“For Premierentage, I made a huge table and served local earth as a dinner. People could try some mud cakes and heilerde, if they dared to”.

– Dragana Kojičić

So ist dann auch das Säulenkonstrukt vor dem openspace-Eingang entstanden: „We simply decided to use what we found in front of us“ – vom Schutthaufen auf der gegenüberliegenden Straßenseite wurde Material entnommen, mit einer bestimmten Technik schichtweise in eine Holzschalung geklopft, und schon erhob sich daraus ein Monument. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Es fügt sich durch die natürliche Bausubstanz optisch derart in sein Umfeld ein, als wäre es schon immer da gewesen. “It shows how beautiful the material can become just by simply transforming it”, sagt Kojičić.

Mit derselben Klopftechnik wurden vor 200-300 Jahren in der nördlichen serbischen Region Vojvodina ganze Häuser erbaut. Viele von diesen stehen auch heute noch, leider aber in einem baufälligen Zustand, da das Wissen, wie man diese Gebäude angemessen restauriert, mit den Jahren verloren ging. Kojičić verbrachte einige Zeit in Ostafrika, wo sie sich dieses Know-How aneignete, um es in ihrer Heimatregion wieder weiterzuvermitteln. Mittlerweile gewinnt die Lehmarchitektur auch in unseren Breitengraden an Aufmerksamkeit, denn solche Gebäude erweisen sich als besonders ressourcenschonend. Und das trifft auch auf die künstlerische Skulptur zu, wie es Oberhofer Tonković zusammenfasst: „von der Natur nehmen und wieder der Natur zurückgeben“, denn nach Ablauf der Ausstellungsdauer wird das Material einfach wieder zurück auf den Schutthaufen getragen.

Ein Haufen Erde gegenüber des openspace.innsbruck

Und die Zeit dafür scheint heute gekommen zu sein, denn die Säule steht nun auch im übertragenen Sinne im Weg: „Alles hat ein Ende“, ruft openspace-Leiter Charly Walter in den Raum, der in der Zwischenzeit schon mit dem Abbau der Ausstellung begonnen hat. „Aber für uns bedeutet jedes Ende etwas Neues“, fügt Oberhofer Tonković bestimmt hinzu – und freut sich sichtlich schon auf die Fortsetzung des MagiC Carpets Programms. 

| Brigitte Egger


Kurzbios

Dragana Kojičić

Graduated in architecture at the Department for urbanism and architecture at the Faculty of Technical Sciences at the University of Novi Sad in 2005, and after student practices in Syria and Colombia she lived and worked in Eastern Afica from 2005 to 2008. She specialized in earth architecture at the DSA Terre Faculty in France, under a special program that was developed for this topic, titled CRAterre. After a period spent in training, since 2010 she works on the promotion and presentation of earth architecture through theoretical and practical work, in cooperation with the Institute for Protection of Cultural Monuments, several NGOs and interested individuals. // zemljanarhitektura.com

Richard Schwarz 

geboren 1984 in Wörgl, lebt in Kufstein, Studium der Europäische Ethnologie (Universität Innsbruck) und Art & Science (Universität für Angewandte Kunst Wien) und ist tätig als Medienkünstler und freischaffender Kulturanthropologe. // islandrabe.com

MagiC Carpets

ist eine Creative Europe Platform, welche 16 europäische Kulturorganisationen zusammenbringt und aufstrebenden Künstlerinnen und Künstlern die Möglichkeit der internationalen Mobilität bietet. In Innsbruck wird es vom Kurator:innenteam Danijela Oberhofer Tonković und Charly Walter (openspace.innsbruck) geleitet. magiccarpets.eu

Folgende lokale Künstler:innen wurden durch das Programm bereits vermittelt:

Carmen Brucic ➝ Tbilisi, Georgia
Aaron Kopp ➝ Folkestone, Grossbritannien
Benjamin Tomasi und Claudia Tomasi ➝ Prague, Czech Republic
Matthias Krinzinger ➝ Zagreb, Croatia
Richard Schwarz ➝ Novi Sad, Serbia
Martina Jole Moro ➝ Nantes, France
Fabian Lanzmaier ➝ Nantes, France
Lino Lanzmaier ➝ Nantes, France
Georg Wieser ➝ Kaunas, Lithuania
David Prieth  ➝ Tbilisi, Georgia

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