ESSAYREIHE *Staying with the Trouble | Rahmung

Wenn man ein geisteswissenschaftliches Studium absolviert (hat), kann man sich ungefähr vorstellen, wie viele Seminararbeiten sich im Ordnerchaos unzähliger Festplatten befinden, die bis auf die jeweilige Lehrveranstaltungsleitung niemand anderer gelesen hat. Dabei sind es Ergebnisse von teilweise stundenlangen Denkprozessen und intensiven Auseinandersetzungen mit gesellschaftsrelevanten Themen. Um mit der Tradition dieser unzugänglich bleibender Texte zu brechen, präsentieren wir in den kommenden Tagen vier Essays von Philosophiestudierenden, die im Rahmen des Projektseminars Staying with the Trouble. Das politische Denken Donna Haraways entstanden sind. Wir haben die Lehrveranstaltungsleiterin Michaela Bstieler eingeladen, uns in das Thema einzuführen und die ausgewählten Essays vorzustellen:

Ausgehend von der Überzeugung, dass es unsere Aufgabe sei, „Unruhe zu stiften, zu wirkungsvollen Reaktionen auf zerstörerische Ereignisse aufzurütteln, aber auch die aufgewühlten Gewässer zu beruhigen, ruhige Orte wiederaufzubauen“, praktiziert Haraway ein radikales Denken der Verwandlung, das nicht mehr den Menschen, sondern das Leben anderer Arten in den Mittelpunkt der philosophischen Betrachtung rückt. Vor dem Hintergrund der Zerstörung des Planeten durch Überproduktion, Raubbau und Überbevölkerung einerseits und den Auswirkungen der Klimakrise andererseits sieht Haraway in einer artenübergreifenden Verwandtschaft die einzige Option, einen Teil der Erde zurückzugewinnen.

In diesem Projektseminar haben sich die Studierenden mit den progressiven Thesen Haraways vertraut gemacht und sich die drastischen Folgen der globalen Umweltzerstörung für das Leben von Menschen und Tieren vor Augen geführt. Bei der Suche nach Antworten auf die menschengemachte ökologische Krise wurden sie auch mit der ambivalenten Rolle von Stadt- und Kulturlandschaften – ihren Inklusions- und Exklusionsmechanismen – konfrontiert. Ziel des Projektseminars war es, die Perspektive zu wechseln: nicht mehr die Bedürfnisse des Menschen zu zentrieren, sondern für die Akteur:innenrolle nicht-menschlicher Lebensformen zu sensibilisieren. Kurzum: Denken zu lernen, dass menschliche und nicht-menschliche Lebensformen eine sich gemeinsam fortbewegende Gemeinschaft bilden, auf die auch Raumproduktion und Gestaltung Rücksicht nehmen müssen, wollen sie einem ethischen Anspruch genügen.     

Seminargruppe, Kunstraum Innsbruck | Bild: Michaela Bstieler

Neben einer eingehenden Textlektüre war das Projektseminar Teil der Ausstellung Cohabitation. Raum für alle Arten, die Ivana Marjanovic gemeinsam mit Birgit Brauner, Karl-Heinz Machat (Institut für Gestaltung), Andreas Oberprantacher und mir (Institut für Philosophie) für den Kunstraum Innsbruck entwickelt und als case study der größeren ARCH+-Ausstellung Cohabitation in Berlin realisiert hat. Durch diese Zusammenarbeit und den Austausch mit renommierten Architekt:innen und Künstler:innen wurden die Studierenden schließlich auch auf die Herausforderungen des zukünftigen Bauens, Wohnens und Zusammenlebens aufmerksam gemacht.  

Die angekündigte Essay-Reihe versammelt vier Beiträge von Philosophie-Studierenden dieses Projektseminars und reflektiert den Erkenntnis- und Reflexionsprozess des gemeinsamen Nachdenkens über die Bedingungen von gelingender Co-Habitation. Die Kooperation mit dem komplex – Kulturmagazin soll dabei als Plattform genutzt werden, um Auszüge der Essays einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Ausgewählt wurden dabei solche Arbeiten, denen es besonders gut gelungen ist, zentrale Argumente und Überlegungen Haraways mit den im Kunstraum ausgestellten künstlerischen und architektonischen Arbeiten zu kombinieren und vor dem Hintergrund globaler Krisen und Ungleichheiten zu konturieren.

Ausstellungsansicht Cohabitation, Kunstraum Innsbruck | Bild: Brigit Egger

Essay-Vorschau

Unter dem Titel Krebsgang. Zurück*Vor*Quer dem Chthuluzän entgegen schlägt Yvonne Pallhuber eine Denkübung vor, die sich dem Ziel verpflichtet, das Konzept der Verwandtschaft jenseits einer biologischen Abstammungslogik begreifen zu lernen. Am Beispiel der linksgerichteten Gangart der Krabbe Brachyura stellt sie verborgene und verwobene Verwandtschaften heraus, die es, ganz nach dem Dafürhalten Donna Haraways, a-hierarchisch und gleichberechtigt zu bedenken gilt.

Leona-Cosima Piffer geht in Ihrem Essay Das Ende der Welt. Der Anfang der Kunst der Frage nach, ob und unter welchen Bedingungen Kunst einen Beitrag zur Veränderung menschlichen Fehlverhaltens zu leisten vermag. In ihre Überlegungen bezieht sie dabei zentrale, von Haraway diskutierte Projekte wie das Crochet Coral Reef oder das Ako-Projekt mit ein und verwebt diese mit Roland Maurmairs Arbeit Airfield oder Daniela Albrechts Where Doves Cry. Dabei stellt sie das Potential der Kunst als gesellschaftspolitisch wirkmächtiger Kraft heraus.

Sylvia Rier reflektiert in ihrem Essay Vom Säen die materielle wie auch die immaterielle Bedeutung des Samens im Denken Donna Haraways. Dabei fasst sie den Samen bzw. das Säen als diejenige Praxis, von der ausgehend sich das Leben und Sterben, von dem Haraway unentwegt spricht, ereignet. Dass Samen sich nicht nur vermehren, d.h. Welten erzeugen, sondern außerdem sterben, zeigt sie nicht nur mit Haraway, sondern auch mit der von den Architekturstudentinnen Lara Tutsch und Carina Wissinger konzipierten Arbeit Eat_Live_Die.

Back to Wonderland lautet schließlich der von Michelle Riedl zu Papier gebrachte Essay, der eine kreative Auseinandersetzung mit der Verletzbarkeit der Erde verspricht. Entlang einer Relektüre von Alice im Wunderland kommt sie dabei auf die Welt des Kapitalozäns zu sprechen, die es aufgrund ihres verdorbenen und zerstörerischen Impetus zu bekämpfen gilt. Um schließlich für die Möglichkeit einer gerechteren Welt zu sensibilisieren, nimmt sie einige Beispiele auf, die sich unter dem Vorzeichen der Symbiose bzw. der Sympoiesis im Sinne Haraways begreiflich machen lassen.

| Michaela Bstieler
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Philosophie der Universität Innsbruck und Leiterin des Projektseminars „Staying with the Trouble. Das politische Denken Donna Haraways“

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